Forsmark darf Vollgas geben - auf Kosten der Sicherheit
Stresstest-Auswertung

Bericht: Alle schwedischen KKW zu unsicher für weiteren Betrieb

Die Sicherheit in schwedischen Kernkraftwerken ist so miserabel, dass sämtliche Anlagen außer Betrieb genommen werden müssten. Diese Schlussfolgerung zieht die Umweltschutzorganisation Greenpeace in einem aktuellen Bericht. Gleichzeitig hat der EU-weite Stresstest von Kernkraftwerken das schwedische AKW Forsmark gemeinsam mit einer finnischen Anlage als Schlusslicht in Sachen Sicherheit ausgemacht.

In ihrem an diesem Dienstag veröffentlichten Bericht „Risiko-Reaktoren“ stellt die Umweltorganisation Geenpeace eine Liste von Mängeln und gefährlichen Vorfällen zusammen. Da wären beispielsweise der vergessene Staubsauger, der zu einem Brand im Reaktorinnern des AKW Ringhals führte, sowie der Sprengstofffund im selben Pannen-Reaktor. Beides sorgte auch außerhalb Schwedens für Schlagzeilen. 

Umweltministerin zum Handeln aufgefordert 

Schon im Frühsommer legte ein Greenpeace-Bericht zum KKW Ringhals den Schluss nahe, den Meiler umgehend vom Netz zu nehmen. Nun bescheinigt der Report von unabhängigen Experten auch den anderen schwedischen AKW, dass sie für den weiteren Betrieb nicht sicher genug sind. Die Energie-Expertin bei Greenpeace Schweden, Martina Krüger, fordert ein sofortiges Einschreiten der zuständigen Ministerin Lena Ek. 

„Der politische Druck steigt jetzt durch die Kombination unseres Berichts und den Diskussionen auf EU-Ebene. Ich hoffe, dass die reagieren, bevor ein Unfall passiert. Bei der Strahlenschutzbehörde bin ich mir da nicht so sicher. Die werden erst reagieren, wenn es zu spät ist. Aber dafür haben wir ja Minister, die dafür zuständig sind, die Bevölkerung ausreichend zu schützen.“ 

Nicht sehen, was nicht sein darf

Die Expertin spart wie in früheren Interviews mit Radio Schweden nicht an ihrer Kritik an der hiesigen Strahlenschutzbehörde und verweist auf Behördenberichte, wonach man mit der Befolgung der Sicherheitsvorschriften seitens der Reaktorbetreiber nicht zufrieden ist. Dennoch geschehe nichts, was Krüger auf die Tatsache zurückführt, dass zehn von vierzehn AKW-Inspektoren selbst aus der Kernkraftindustrie kommen. Die Aussage der Strahlenschutzbehörde, Schwedens Reaktoren seien sicher, hält die Umweltschützerin für fahrlässig. 

„Wenn man sich ansieht, was die Behörde selbst beschreibt, ist ihr Verhalten völlig unverständlich. Wir waren selber geschockt, als wir der Kombination aus technischen Mängeln, schlechter Sicherheitskultur in den Anlagen und der Risikobereitschaft seitens der zuständigen Behörde gewahr wurden. So kann man keine Atomanlagen betreiben. Ganz unabhängig davon, welche Einstellung man zur Atomkraft hat, kann man die Anlagen nicht in so einem Zustand belassen und die gesamte Bevölkerung so einem Risiko aussetzen.“

Außer Störfällen nichts gewesen 

Wie die Strahlensicherheitsbehörde selbst festhält, sind seit dem Jahr 2000 ansehnliche 3.965 Fälle gelinder Gefährdungen für die Reaktorsicherheit eingetroffen. Schwere Störfälle traten nur zehnmal ein – darunter der Vorfall in Forsmark 2006, als ein Reaktor nur 20 Minuten vor Eintreten einer Kernschmelze doch noch gekühlt werden konnte. Der Chef für Kernenergiesicherheit bei der Strahlenschutzbehörde, Lennart Carlsson, wiegelte am Dienstag gegenüber Medien ab und betonte, zu den kleineren Vorfällen zähle auch, wenn eine Schraube festgezogen werden müsse. Im Übrigen enthalte der Greenpeace-Bericht für ihn keinerlei Neuigkeiten.

Im Wissen um die offenkundigen Mängel gab die Behörde erst vor wenigen Tagen Forsmark grünes Licht für erhöhte Leistung in Reaktor 2. Gerade Forsmark darf in dem für Mitte Oktober erwarteten Bericht der EU-Kommission mit einiger Schelte rechnen. Wie der „Spiegel“ bereits vorab erfuhr, gehört Forsmark demnach neben Olkiluoto in Finnland zu den AKW innerhalb der EU, die im Falle eines Stromausfalls innerhalb von nur einer Stunde die Sicherheitssysteme wieder hochfahren müssten, ansonsten drohe die Kernschmelze. 

Pulverfass Forsmark

Die Genehmigung für eine Leistungssteigerung bei Forsmark kann Martina Krüger nicht nachvollziehen: „Die Strahlenschutzbehörde hat selbst gesagt, dass eine Leistungssteigerung zu mehr Konzentration auf die Stromproduktion führt und die Sicherheitsarbeit automatisch untergräbt. Dass sie Forsmark trotz allem zugesteht, die Reaktorleistung zu steigern, ist unverantwortlich – gerade weil einer der Effekte ist, dass die Zeit, um auf einen Störfall zu reagieren, verringert wird.“ 

Die Wahrscheinlichkeit, dass in Schweden im Zusammenhang mit Kernkraftwerken ein schweres Unglück eintreffe, sei „offenkundig", sagte einer der Verfasser des Berichts, Rolf Lindahl, der Tageszeitung Svenska Dagbladet. Diese Vermutung hat der als Nestbeschmutzer in Verruf geratene ehemalige Sachkundige für Sicherheitsfragen im AKW Forsmark, Lars-Olov Höglund, schon mehrfach geäußert. Ihm zufolge wird der nächste Schauplatz eines atomaren Unglücks Schweden sein – wegen der hiesigen überalteten Reaktoren und dem laxen Umgang mit ihnen. 

Gutgläubige Schweden 

Das Thema Kernkraft, das in Schweden nicht zuletzt von den Medien seit Jahren mit Missachtung gestraft wird, gelangte anlässlich des Greenpeace-Berichts in Kombination mit den durchgesickerten Erkenntnissen des EU-Berichts zu den Stresstests zu ungewohnter Prominenz – vielfach allerdings mit der Betonung auf den schwerwiegenden Mängeln in Frankreichs AKW. 

Dazu sagte Energieexpertin Krüger: „Die Schweden wiegen sich in der falschen Sicherheit, dass ihre Atomkraftwerke besser sind als alle anderen und dass hier nichts passieren kann. Sie haben ein starkes Zutrauen zu Behörden, und deshalb konnte es dazu kommen, dass wir jetzt in so einer Krisensituation stecken.“

Liv Heidbüchel

Atomkraft-Entscheidungen

1980 beschloss das schwedische Parlament, alle 12 schwedischen Atomreaktoren bis 2010 stillzulegen.

2005 wurde auch der zweite Reaktor des Atomkraftwerks Barsebäck auf dänischen Druck hin vom Netz genommen.

2010 entschied das schwedische Parlament, dass vorhandene Atomreaktoren durch neue am selben Standort ersetzt werden dürfen. Die heutigen Reaktoren wurden zwischen 1971 und 1985 in Betrieb genommen.

2012 beantragte Vattenfall den Neubau von ein bis zwei Reaktoren.

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