Kaum Wachstumschancen für Kleinbauern in Entwicklungsländern (Foto: Biswaranjan Rout / AP / Scanpix)
Studie an der Universität Linköping

Bioenergie kann Entwicklungsländern schaden

Schweden mit seinen üppigen Wäldern kann leicht außenvorstehen
4:14 min

Kraftstoff vom Acker und aus dem Wald ist der große Hoffnungsträger der modernen Energieproduktion. Mithilfe von Biomasse will die Europäische Union das Öl-, Gas- und Kohlezeitalter hinter sich lassen. Nur, ohne Importe wird sich die Energiewende schwerlich realisieren lassen. Wie eine neue schwedische Studie zeigt, könnten dabei vor allem die Entwicklungsländer die großen Verlierer sein. Schweden mit seiner üppigen Forstwirtschaft muss sich allerdings weniger Sorgen machen.

Kaum ein anderer Energieträger musste seit diesem Sommer so viel Kritik einstecken wie die Bioenergie. Nachdem diese anfänglich noch als nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Rohstoffen wie Erdöl oder Kohle angepriesen worden war, hatte sich die EU das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 zehn Prozent aller Treibstoffe aus Biomasse zu gewinnen. Als Hauptmotive werden dabei gerne Vorteile für das Klima angegeben, denn Bioenergie stößt bei der Verbrennung nur so viel von dem Treibhausgas CO2 aus, wie sie bei ihrer Entstehung aus der Luft entnommen hatte. Die Rechnung geht aber nicht auf, meinen viele Kritiker, denn zur Gewinnung der Biomasse sind energieschluckende Prozesse und der zusätzliche Einsatz von Maschinen oder Dünger notwendig, die ihrerseits fossile Kraftstoffe benötigen. Zudem sind die EU-Länder selbst nur in begrenztem Ausmaß in der Lage, die nötige Biomasse selbst herzustellen – nicht zuletzt weil der Anbau von Bioenergieträgern in gewissem Ausmaß mit der Herstellung von Nahrungsmitteln konkurriert.

Kleinbauern profitieren nicht von dem Ausbau

Die Lösung für das Dilemma sind Importe aus anderen Regionen der Welt, und dies schlägt vor allem auf die Entwicklungsländer zurück, zeigt eine neue Studie der Universität Linköping. Große globale Entwicklungsbehörden wie die Welternährungsorganisation und der Weltklimarat der Vereinten Nationen, sowie die Internationale Energieagentur der OECD fördern demnach stark die Produktion von Biomasse in Entwicklungsländern – hauptsächlich mit der Begründung, dass arme Kleinbauern dadurch ein attraktives Produkt für den Export in die Industriestaaten gewinnen können. Eine Rechnung, die laut der Studie aber nicht aufgeht: „Die Produktion steht unter dem Druck, den Preis so niedrig wie möglich zu halten. Es muss daher in sehr großem Umfang produziert werden. Eine Anforderung, der die armen Kleinbauern in Entwicklungsländern nicht gewachsen sind“, so die Verfasserin der Studie, Magdalena Kuchler, gegenüber Radio Schweden. Großflächige Monokulturen und eine völlig umgestülpte Landwirtschaft seien die Folge – eine Entwicklung, die laut Kuchler zwar zur mechanisierten Landwirtschaft in der Ersten Welt passt, aber nicht zu den Kleinbauern in den Entwicklungsländern.

Schweden ist auf Importe vergleichsweise weniger angewiesen

Auch wenn die Entwicklungspolitik vieler Industriestaaten darauf ausgerichtet ist, in unterentwickelten Ländern der Welt eine Art billigen Rohstoff-Vorhof anzulegen, kann sich Schweden mit seinen üppigen Wäldern leicht außenvorstellen. Schwedische Bioenergie speist sich hauptsächlich aus Holz, Baumrinde sowie Abfällen aus der Forst- und Papierindustrie. Importe von Biomasse spielen daher eine geringe Rolle, sagt Gustav Melin, Vorsitzender des Interessenverbands Schwedischer Bioenergie gegenüber Radio Schweden. „Der Import liegt bei nur fünf bis zehn Prozent. Für manche Produkte liegt der Anteil allerdings über dem Durchschnitt; so etwa für Pellets oder Treibstoffe.“ Dem Handel von Biokraftstoffen mit Entwicklungsländern kann Melin grundsätzlich jedoch nichts Schlechtes abgewinnen. „Letztlich ist es eine gute Entwicklung, wenn man auch im Bereich der Bioenergie Geschäfte machen kann. Gegenüber dem Handel mit fossilen Brennstoffen oder Nahrungsmitteln gibt es ja auch keine negativen Gefühle. Warum sollte Bioenergie da eine Sonderbehandlung erhalten? Natürlich muss es auch in Entwicklungsländern möglich sein, nachhaltig zu produzieren.“

Geänderte EU-Ziele schaffen Ungewissheit bei Treibstoffherstellern

Aufgrund des Standortvorteils an Ressourcen hat es die schwedische Politik nicht nötig, in Entwicklungsländern den großflächigen Anbau von Biomasse voranzutreiben. Laut eigenen Angaben betreibt die schwedische Entwicklungshilfebehörde „Sida“ keine aktive Förderung des Anbaus von Bio-Kraftstoffträgern in Entwicklungsländern. Zuletzt hatte der hiesige Treibstoffhersteller SEKAB im Jahr 2009 um finanzielle Beihilfen für ein Großprojekt in Tansania angefragt, was von der Entwicklungsbehörde jedoch abgelehnt wurde.

Die massive Kritik von allen Seiten hat inzwischen auch die Europäische Union ins Wanken gebracht. Das ursprüngliche Ziel, bis zum Jahr 2020 zehn Prozent aller verwendeten Treibstoffe aus Biomasse zu gewinnen, wird vielen Erwartungen gemäß auf fünf Prozent heruntergeschraubt werden. Keine guten Wachstumsaussichten für die schwedischen Treibstoffhersteller, denn bereits heute fahren fünf Prozent aller Autos und Transportfahrzeuge in Schweden mit Biokraftstoff. Neue ambitionierte Pläne der Regierung, bis zum Jahr 2014 den Anteil von Ethanol in herkömmlichem Benzin stark anzuheben, könnten mit diesen bescheideneren Zielsetzungen der EU auf Eis gelegt werden.

Hansjörg Kissel

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