Vasaskeppet. Foto: Claudio Bresciani/Scanpix.
Warum wurde das nochmal gebaut? (Foto: Claudio Bresciani/Scanpix)
Staatliche Museen unter der Lupe

Schwedens Eroberungskriege stören im heutigen Selbstverständnis

4:09 min

Schweden ist nach heutigem Selbstverständnis ein friedliches und neutrales Land. Ein Selbstbild, von dem die schwedische Außenpolitik tief eingefärbt ist, und in dem die Geschichte der vor 400 Jahren aggressiv geführten Eroberungskriege nur stören würde. Wie eine neue Studie zeigt, werden in den staatlichen Museen die politischen Hintergründe des schwedischen Imperiums wohlweislich ausgeblendet und stattdessen auf die Erzählung menschelnder Alltagsgeschichten reduziert.

Ein neuer Machthaber verbreitet Angst und Schrecken in Europa. Ehrgeizig greifen seine Armeen nach neuen Ländereien, bringen weite Teile des Ostseeraumes unter Kontrolle. Fast 100 Jahre lang kann das schwedische Imperium seine Vormachtstellung in Europa halten, bis der Zerfall des Großreiches beginnt und 1809 mit dem Verlust der finnischen Kolonie abgeschlossen ist. Alles nur Stoff für den Geschichtsunterricht? Wie ein Land mit seiner Vergangenheit umgeht, ist immer auch ein Ausdruck dafür, wieviel Wahrheit hinter dem Selbstbild einer Gesellschaft steht.

Im schwedischen Beispiel scheint dieses Selbstverständnis auf wackeligen Beinen zu stehen, denn die Hintergründe der Eroberungsfeldzüge des 17. und 18. Jahrhunderts werden heutzutage weitgehend stillschweigend unter den Teppich gekehrt.

Museen lassen Gründe des Krieges unerwähnt

Dies zeigt eine neue Studie, die die staatlichen Museen und ihre historischen Ausstellungen über diese Zeit aufs Korn genommen hat. „Der Fokus liegt stark auf der Sozial- und Kulturgeschichte. Wie das Alltagsleben aussah, eben. Aber warum der schwedische Staat Krieg geführt hat, das bleibt weitgehend unerwähnt“, erklärt der Leiter der Studie, der Historiker Per Widén, gegenüber Radio Schweden. „Man zeigt den einzelnen Soldaten, wie es dessen Frau zu Hause ergangen ist, Hungerkatastrophen und die Leiden des Krieges. Man zeigt aber nicht auf, aus welchen Gründen dies alles passiert ist. Illustriert wird lediglich, wie sich die Grenzen verschoben haben – aber nicht, warum das so war. Als Museumsbesucher wird man mit diesen Fragen weitgehend allein gelassen.“

Laut Widén wird der Krieg damit nicht als Ergebnis politischer Beschlüsse erklärt, sondern auf ein Ereignis reduziert, das wie andere Katastrophen Leid und Elend über die Menschen bringt. Der Historiker hat dieses Phänomen in allen nationalen Museen, die sich mit dem Thema befassen, beobachtet.

Das Vasa-Museum in Stockholm mit seiner Dauerausstellung der berühmten gleichnamigen Galeone soll dabei ein besonders krasser Fall sein. Als für die Expansion in Osteuropa bestimmtes Kriegsschiff könnte es als eindrückliches Beispiel den schwedischen Imperialismus symbolisieren. „In einem kleinen Teil der Ausstellung wird dies auch gezeigt. Hauptsächlich schaut man aber nur auf die Kulturgeschichte des Wracks; wie es von einer internationalen Schar Handwerker gebaut wurde, wie eine Seeschlacht zu dieser Zeit technisch ausgeführt wurde und eben die Bergung des Schiffes“, so Widén.

Eroberungskriege werden auch im Schulunterricht kaum erklärt

Seit 200 Jahren hat Schweden keinen Angriffskrieg mehr geführt. Gleichzeitig war es laut dem Historiker schon immer schwer für das Land, zu seiner militärischen Eroberungsgeschichte zu stehen. Anfangs noch, weil der Verlust des Großreiches zu sehr schmerzte. In jüngerer Zeit eher daher, weil das friedliche, menschliche Selbstverständnis der Neuzeit der kriegerischen Geschichte übergestülpt wurde. „Etwa seit den 70er Jahren wurde beschlossen, nicht mehr auf die großen Könige und Herrscher zu blicken, sondern auf die einzelnen Menschen dieser Zeit. Damit wurde das Kind aber mit dem Bad ausgeschüttet, denn der Blick auf die großen Zusammenhänge wurde somit ebenfalls verworfen.“

Mit schwedischem Imperialismus kommt man heutzutage dementsprechend kaum noch in Kontakt. Ein Phänomen, das nicht nur auf die Welt der Museen begrenzt, sondern laut Widén allgemein in der Gesellschaft verbreitet ist, denn auch der Schulunterricht oder die Literatur geben ein ähnliches Bild ab.

Mit dem Begriff „schwedisches Imperium“ wird man hierzulande eher auf Unverständnis stoßen – allgemein wird lieber von der „Stormaktstiden“ gesprochen, also die Zeit der Großmacht. „Vermutlich liegt es daran, dass wir uns als kleines, neutrales Land verstehen und dies auch schon seit 200 Jahren sind. Als solches passt es wohl einfach nicht ins Bild, dass wir früher zur Erweiterung des Reiches Kriege geführt haben.“

Hansjörg Kissel

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