Gaza City vor der Waffenruhe
Sorgerecht bereitet Probleme

Schwedische Kinder im Gaza-Streifen verschollen

Geteiltes Sorgerecht erleichtert Kindesentführungen
3:56 min

Das schwedische Sorgerecht nach einer Scheidung erleichtert die Kindesentführung durch einen Elternteil. Jüngstes Beispiel ist die Entführung von drei schwedischen Kindern über Ägypten in den Gaza-Streifen. Seit Beginn der Angriffe hat die Mutter, die in Schweden wohnt, nichts mehr von ihren Kindern gehört.

In Schweden gilt nach einer Scheidung das geteilte Sorgerecht. Dies beinhaltet, dass ein Elternteil nicht ohne die Zustimmung des anderen mit den Kindern ins Ausland ziehen darf. Im aktuellen Fall unterschrieb die Mutter die Pässe der drei gemeinsamen Kinder im Alter von 13, 10 und 9 Jahren und stimmte der Reise nach Ägypten in Begleitung des Kindsvaters zu. 

Was ihr bei der Unterschrift jedoch nicht klar war: Von Ägypten ging die Reise im Juli weiter nach Gaza. Dort hält der Vater, der selber Palästinenser ist, die Kinder seitdem fest. Trotzdem hatte die Mutter regelmäßig Telefonkontakt zu ihren drei Söhnen. Seit Beginn der Angriffe hat sich dies geändert, erzählt Mutter Monica Granath Radio Schweden: „Seit den Angriffen ist der Kontakt abgebrochen. Ich weiß, dass es ihnen schon vorher schlecht ging, aber nun habe ich schon länger nichts von ihnen gehört.“ 

Erst Sorgerechtstreit, dann Entführung 

Monica Granaths Beispiel ist kein Einzelfall. Rund 150 Fälle liegen dem schwedischen Außenamt vor, Tendenz steigend. Vielfach geht der Kindesentführung durch einen Elternteil ein längerer Sorgerechtsstreit voraus. Nicht selten wird dem anderen Elternteil, vielfach Müttern, das Kidnapping schon vorher angedroht, weiß Mia Danielsson, stellvertretende Vorsitzende der Freiwilligenorganisation für Eltern entführter Kinder (Saknade barns nätverk).

Danielsson machte diese Erfahrung selbst vor einigen Jahren, als ihr Mann den gemeinsamen Sohn nach Mittelamerika verschleppte. Die Suche nach einem verschollenen Kind zusammen mit den Anwaltskosten schießen schnell in die Höhe. Hier könnte das Außenministerium mehr tun, meint Danielsson im Schwedischen Rundfunk: „In den vergangenen zehn Jahren hat sich in dieser Frage im Außenamt nichts getan, dabei wächst das Problem mit entführten Kindern ständig. Die Zahl der Sorgerechtsstreits ist in nur wenigen Jahren auf mehrere Tausend geklettert, und diese Streitigkeiten sind oft die Vorstufe einer Entführung.“ 

Auf andere Kanäle angewiesen 

Über eine verstärkte finanzielle Unterstützung müsste der Reichstag beschließen, betont der Pressesprecher des Außenamtes, Anders Jörle. Den Vorwurf, sein Ministerium würde zu wenig für die entführten Kinder tun, weist Jörle von sich. In Fällen wie dem aktuellen sei man jedoch auf andere Kontaktkanäle angewiesen. 

„Viele Länder haben die Haag-Konvention unterzeichnet, die diese Entführungsfälle regelt. Bei Ländern, die nicht unterschrieben haben, gelten andere diplomatische Beziehungen. Nimmt man nun Palästina und den Gaza-Streifen, sind wir vor besondere Schwierigkeiten gestellt, weil es dort keine regulären Behörden gibt.“ 

Jahrelanges Warten auf Familienzusammenführung 

Mia Danielsson, die sich über das Freiwilligen-Netzwerk für entführte Kinder und deren Eltern einsetzt, erhielt ihren Sohn nach drei Monaten zurück – nicht zuletzt aufgrund des Drucks durch mediale Berichterstattung. Diese kurze Wartezeit sei jedoch eine absolute Ausnahme, so Danielsson. Vielfach würden derlei Prozesse insbesondere in Kontakt mit weniger gut organisierten Ländern viele Jahre dauern. 

Von Monica Granaths Kindern fehlt derzeit jede Spur. Kanzleirat Ola Pihlblad beschwichtigte gegenüber Radio Schweden: „Ich kann nur sagen, dass uns keine anderen Informationen vorliegen, als dass die Kinder am Leben sind.“ 

Pikant an dieser Aussage ist allerdings, dass das Außenministerium seit der Entführung Ende Juli nicht ein einziges Mal mit den Kindern direkt Kontakt hatte. Dies geht aus einem Mailwechsel mit der Mutter hervor, der Radio Schweden vorliegt. Demnach konnte lediglich die Auskunft eines Cousins des Vaters eingeholt werden, wonach die Kinder wohlauf sein sollen. Diesen Cousin stuft Monica Granath hingegen als wenig glaubwürdig ein.

Liv Heidbüchel/Hiba Daniel

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