Arto Moksunen (Mitte) leitet Crossroads, Mirca Budulean (links) und Tiberiu Lacatus helfen bei der Betreuung arbeitssuchender EU-Bürger (Foto: Dieter Weiand/Sveriges Radio)
Arbeitssuchende EU-Bürger

Wenig Hoffnung im dunklen kalten Stockholm

„Glück ist, einen Job zu finden"
5:41 min

Immer mehr EU-Bürger finden den Weg nach Stockholm, in der Hoffnung eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu finden – und immer mehr müssen feststellen, dass dieses Unterfangen auch hierzulande nicht so einfach ist. Viele landen deshalb auf der Straße, ohne festen Job und ohne Bleibe. Das Gemeinschaftsprojekt Crossroads soll ihnen helfen, im zu dieser Jahreszeit für viele ungewohnt kalten und dunklen Stockholm zurechtzukommen. Radio Schweden hat das Lokal von Crossroads besucht und dort unter anderem Ramon getroffen, er erzählt, was ihn in die schwedische Hauptstadt verschlagen hat:

„Wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Spanien. Hier ist es schon besser, was ich so gesehen hab.“

Besser schon als in Spanien wo der aus Nigeria stammende Ramon acht Jahre lang zuvor gelebt hat. Aber eine regelmäßige Arbeit und eine Bleibe hat er auch hier nicht gefunden.

„Der Winter ist schon hart hier. Wenn man eine Wohnung hat, geht das schon. Ich bin bei Freunden untergekommen. Aber viele von uns müssen draußen schlafen“, sagt Ramon. Er ist wie so viele andere in die Lokalitäten von Crossroads im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen gekommen. Die Einrichtung wird von der Stockholmer Stadtmission betrieben unter Mithilfe des Arbeitsamtes, dem Europäischen Sozialfond, der Heilsarmee und der Stadt Stockholm. Finanziert wird das Projekt zu 60 Prozent aus EU-Mitteln, der Rest kommt von der Stadt.

Leute aus 88 Ländern

Arto Moksunen leitet Crossroads: „Wir haben Leute aus 88 Ländern hier. Am gewöhnlichsten ist Rumänien, Marocko, Polen und dann Gambia, Ghana, Senegal und natürlich Spanien. Und der Grund ist natürlich einen Job zu finden. 70 Prozent haben eine Berufsausbildung. 15 Prozent sind aufs Gymnasium gegangen. 15 Prozent haben ein Studium und alle schlagen sie sich um die gleichen Jobs.“

Crossroads hat seit Jahresbeginn gut 2000 Menschen betreut. Sprachkurse werden angeboten, Hilfe bei der Arbeitssuche, aber auch Waschmaschinen und einfach ein warmer Platz, um tagsüber die Batterien aufzuladen. Danilo ist von Italien aus der Nähe von Livorno hierhergekommen:

„Es ist schwierig. Aber deswegen sind wir hier“, sagt Danilo. Einen Platz zum Schlafen hat er nicht, wie er einräumt. „Mal hier, mal dort. Manchmal bei Freunden. Manchmal in der Stadt. Verschiedene Stellen halt.“

Crossroads soll weiter helfen

So wie ihm geht es immer mehr EU-Bürgern, die nach Stockholm kommen, um eine Arbeit zu finden. Die Stadt Stockholm hat für sie kürzlich eine Nachtherberge eingerichtet. Eine vorübergehende Notlösung. Crossroads, das tagsüber geöffnet ist, soll weiterhelfen, so Arto Moksunen: „93 Prozent sind Männer zwischen 21 und 46 Jahren. Nur die wenigsten waren obdachlos in ihren Heimatländern. Wenn sie hierherkommen sind sie arbeitslos und obdachlos, weil sie keine Arbeit und keine Wohnung finden. Das ist für die meisten eine völlig neue Situation. Sie müssen sich auch erst den harten Bedingungen hier in Skandinavien anpassen, die kaum dem entsprechen, was sie von zu Hause gewohnt sind.“

Viele kommen buchstäblich mit dem Hemd auf dem Leib. Die Ansprüche sind nicht groß. Die Aussichten auch nicht, so Moksunen: „Glück ist einen Job zu finden. Dabei muss man bedenken, dass 150 Euro in vielen Ländern ein Monatslohn ist. Das kann man hier auch durch das Sammeln von Flaschen und Dosen zusammenbekommen. Das ist eine schwere Arbeit, die viele Stunden benötigt. Aber es ist machbar.“

„Sozialtouristen gibt es nicht"

Noch ist nicht die Rede davon, dass die Bedürftigen der Stadt und der EU auf der Tasche liegen. Davon will Arto Moksunen auch nichts wissen: „Es wird viel von Sozialtourismus geredet. Ich sage aber, dass Arbeitslose und Obdachlose nie in irgendeiner Form Touristen sind.“

Im Gegenteil besteht die Gefahr, von unseriösen Arbeitgebern hemmungslos ausgenutzt zu werden. Davon weiß Thomas Bjarke zu berichten, der im Auftrag der Stadtmission eine der Nachtherbergen für EU-Bürger betreibt: „Es gibt Leute, die durften einen Monat umsonst auf Probe arbeiten, dann einen weiteren Monat. Wann man dann nach Lohn fragt, sagt dieser unseriöse Arbeitgeber, du kriegst nichts, du machst nur Ärger. Dann hat man zwei Monate umsonst gearbeitet. Darüber hinaus hat man auf einer Matratze in einer Wohnung mit noch zehn weiteren gelebt, für die man dem unseriösen Arbeitgeber auch noch bezahlen muss.“

Meist geht es jedoch fair zu, meint Arto Moksunen, auch wenn erst einige Gerüchte aus der Welt gebracht werden mussten: „Vorurteile haben wir nur bei manchen Arbeitgebern feststellen müssen, die auf einer Personennummer für eine Anstellung bestanden haben. Aber wir haben ihnen erklärt, dass das nicht zwingend notwendig ist.“

Danilo aus Italien hat jedenfalls Hoffnung geschöpft. „Jetzt schlag ich mich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Am Wochenende habe ich eine Job in einem Privathaushalt. Ich möchte eine bessere Arbeit. Dann kann ich vielleicht über Weihnachten nach Hause und komme im Frühjahr wieder her.“

Dieter Weiand

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