Bedrohte Journalisten

Rechter Hass im Netz wächst

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Von rassistischen Kommentaren zu konkreten Drohungen: Der Ton im Netz hat sich in Schweden – zumindest bei gewissen Themen - verschärft. Das zeigt eine Untersuchung der Webseite Ajour. Demnach hat sich die Zahl so genannter Signalwörter wie beispielsweise „Affen“, „Pack“ oder „ausrotten“ im vergangenen Jahr verdoppelt. Den Hass bekommen auch viele Journalisten am eigenen Leib zu spüren.

Derzeit prominentestes Beispiel für vom rechten Hass verfolgte Journalisten ist die Kulturchefin der Boulevardzeitung Aftonbladet, Åsa Linderborg. Ende vergangenen Jahres startete sie eine Kampagne in der Zeitung zum Thema Volksverhetzung: Wann gilt etwas als volksverhetzend und was kann der Einzelne dagegen tun, so der aufklärerische Tenor der Aktion. Gesucht wurde unter dem provokativen Titel „Aftonbladet untersucht den Scheiß“ auf einschlägigen Webseiten vom rechten Rand. 

Drohen mit Vergewaltigung und dem Tod 

Die Reaktionen der untersuchten Seiten ließen nicht lang auf sich warten: Åsa Linderborg und ihre Zeitung wollten die Meinungsfreiheit einschränken, hieß es dort. Doch damit nicht genug: Es hagelte auch umgehend Hass-Mails. Neben dem abfälligen Ton ließen es sich viele der durchweg anonymen Schreiber auch nicht nehmen, Linderborg konkret zu bedrohen – mit sexueller Gewalt bis hin zu Todesdrohungen. 

„An Hass bin ich gewöhnt, das sind wohl alle weiblichen Meinungsmacher“, sagte die Kulturjournalistin im Schwedischen Rundfunk. „Der Hass jetzt aber war massiv und organisiert und viel stärker als jemals zuvor. Es ging um mich persönlich, man wolle mich vergewaltigen, ich sei eine Hure und Schlampe. Und dann kamen auch die Drohungen, es solle ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt werden. Man solle mich wie die russische Journalistin Anna Politkovskaja kalt machen." 

Kolumne schürt Hass 

Eine andere Betroffene ist die Autorin und Journalistin Katarina Mazetti. Kürzlich veröffentlichte sie in der Kundenzeitung der Lebensmittelkette Ica eine Kolumne, in der sie sich schwedischen Traditionen widmete. Dort kam sie zu dem Schluss, dass nahezu alles als ursprünglich Schwedisch Empfundene seine Wurzeln in anderen Ländern und Kulturen habe. So mancher fühlte sich davon provoziert, erzählt Mazetti im Schwedischen Rundfunk.

„Man könne gerne mal in Lund vorbeischauen, schrieben manche. Oder es gab schweigende Anrufer, andere klopften nachts an die Fensterscheiben. Ich finde die Situation bizarr, denn es war nun wirklich nur eine harmlose kleine Kolumne darüber, was es eigentlich bedeutet, schwedisch zu sein.“ 

Die Nachrichtenseite Ajour nun, von mehreren Journalisten in Blogform betrieben, hat sich die den Schwedendemokraten nahe stehende Seite avpixlat.info vorgenommen. Der Gebrauch von rassistischen Signalwörtern in den Kommentaren ist demnach im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt. 

Kein Ende der Hetze in Sicht 

An dieser Tendenz wird sich dem Autor Christoph Andersson zufolge nichts ändern. Andersson hat unter anderem ein Buch über den Aufstieg der Rechtsextremen von der Straße in die Parlamente geschrieben und ist überzeugt, dass der rechte Hass im Netz inzwischen breite Zustimmung in der Gesellschaft genießt und die Pamphlet-Verfasser insofern ohne Sorge weiterhetzen können. 

„Vermutlich werden die Bedrohungen gröber und häufiger werden. Im schlimmsten Fall hat das zur Folge, dass sich Journalisten dieser Fragen nicht mehr annehmen werden. Die Kritiker zum Schweigen zu bringen, ist das erklärte Ziel des Hasses im Netz.“ 

Interessant im Zusammenhang ist auch eine Umfrage unter den Mitgliedern des Verbands Schwedischer Zeitungsverleger vergangenes Jahr: Sie zeigt, dass es bei 70 Prozent der Zeitungen Drohungen gegen Journalisten gegeben hat. Bei jeder zehnten Zeitung in Schweden ist Personal sogar Opfer körperlicher Gewalt geworden.

Liv Heidbüchel/ Sveriges Radio Kulturnytt

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