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Hilma af Klint (Foto: Moderna Museet)
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Hilma af Klint, große Gemälde Nr. 5. (Foto: Moderna Museet, Albin Dahlström)
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Hilma af Klint, Große Gemälde Nr. 5. (Foto: Moderna Museet, Albin Dahlström)
Hilmas avantgardistische Perspektive

Wahnsinn oder Methode?

"Eine eigentümliche Tante die malt, hat wohl jeder"
6:34 min

* 26. Oktober 1862 im Schloss Karlberg, Stockholm    21. Oktober 1944 in Danderyd, Stockholm

Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint scheint in dieser Saison Publikumsmagnet des Modernen Museum in Stockholm zu werden. Nahezu 70 Jahre nach ihrem Tod erhält ihre abstrakte Kunst die Aufmerksamkeit, die af Klint ihr zu Lebzeiten versagt hat. Für manche Kunstkritiker steht sie als Vorreiterin des Abstrakten gleich neben anerkannten Größen wie Mondrian und Kandinsky. Andere betrachten die Klint-Hype eher als überzogen und typisch für den schwedischen Kunstmarkt.

Die verschlungenen Formen und leuchtenden Farben in af Klints Werk imponieren. Wie man sie interpretieren soll, weiß keiner so genau.

„Es kommt ein wenig darauf an, aus welcher Perspektive man die Welt betrachtet“, sagt Gertrud Sandqvist. Sie ist Professorin für Kunsttheorie und Ideengeschichte an der Kunsthochschule in Malmö und versucht zu erklären, warum das abstrakte Werk von af Klint jahrzehntelang in dunklen Kellern liegengeblieben ist. „Manche Weltanschauungen werden von den Zeitgenossen nicht verstanden oder nicht anerkannt. Das gilt nicht nur für Hilma af Klint sondern auch für viele andere Künstler und Wissenschaftler. Aber wenn unsere Weltanschauung sich ändert, kann die Zeit vielleicht reif dafür sein, das Werk dieser Personen in einem anderen Licht zu sehen.“

Spiritistische Gemälde

Hilma af Klint war eine etablierte Malerin, als sie 1906 begann im Geheimen abstrakt zu malen. Dabei betrachtete sich selbst nicht als Schöpferin dieser Gemälde sondern lediglich als Medium. Sie folgte Anweisungen, die sie auf Séancen von Geistern bekam. Af Klint gehörte zu einer der zahlreichen spiritistischen Frauengruppen um die vorige Jahrhundertwende. Diese Frauen vertraten die These, dass man den unsichtbaren Teil der Welt mit okkulten Methoden genauso gut erforschen könne, wie mit den damals so revolutionierenden Naturwissenschaften, die gerade die Röntgenstrahlung oder die Radiowellen entdeckt hatten. Diese umwälzenden Entdeckungen bewiesen, dass man sich nicht nur an das zu halten brauchte, was man sowieso schon sah und wusste.

Mit dieser Perspektive übernahm af Klint den Auftrag, als Medium „Gemälde für den Tempel“ zu schaffen, wie sie es nannte. In neun Jahren produzierte sie eine Serie von 193 Bildern, die keinen bis dahin bekannten ähnelten.

Dieses abstrakte Werk ist eine geschlossene Welt, das af Klint der Öffentlichkeit nicht vorstellen wollte. Sie vermachte ihrem Neffen die Gemälde, mit der Auflage sie 20 Jahre nirgendwo zu zeigen, die Welt sei dafür noch nicht reif.

Nach Hilmas Tod 1944 verwahrte ihr Neffe die Sammlung bis in die Sechzigerjahre in einem Keller. Als er die Werke dem Modernen Museum als Donation übergeben wollte, lehnten die Experten dort dankend ab: So ziemlich jeder habe wohl eine eigentümliche Tante, die malt.

Die Sammlung blieb weitere 20 Jahre in einem Keller bei den Anthroposophen in Järna liegen, wo ein Kunsthistoriker sie schließlich durch Zufall entdeckte und dafür sorgte, dass sie ausgestellt wurde.

Alternative zur Konzeptkunst

Gertrud Sandqvist hat drei Jahre auf die Erforschung des Werks von Hilma af Klint verwendet und sich auf die mehr als 10 000 Seiten Text aus dem Nachlass der Künstlerin konzentriert. Möglicherweise ist das geheimnisvolle künstlerische Werk von af Klint gerade in letzter Zeit wieder so populär, weil junge Künstler es auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen wiederentdeckt haben, vermutet sie. Als eine neue Geistigkeit, weit weg von Konzeptkunst und kommerzieller Malerei.

„Und da passt af Klints Malerei sehr gut. Sie malt ja sehr kühn. Die Künstlerin kümmert sich nicht im Geringsten um die althergebrachten Genreeinteilungen abstrakt oder figurativ. Sie malte so, wie die Geister, mit denen sie Kontakt zu haben glaubte, es ihr buchstäblich zeigten.“ 

Das Moderne Museum wählt eine andere Perspektive auf Hilma af Klint: als Pionierin der abstrakten Kunst. Als Vorgängerin weltberühmter Maler wie Kandinsky, Malevich und Mondrian. Obgleich – oder gerade weil - sie der Welt ihre bahnbrechenden Gemälde vorenthielt.

„Die übliche Vorstellung ist, dass abstrakte Kunst mit einigen mutigen Männern ihren Anfang nahm“, heißt es der Internetseite des Modernen Museums. „Wer hätte geahnt, dass es in Stockholm schon mehrere Jahre vorher eine Frau gab, die das gleiche wagte und konnte? Ihr Werk hätte bahnbrechend sein können – wenn sie es nicht versteckt hätte.“

Die Befürworter dieser Pionierrolle sind inzwischen zahlreich. Aber es gibt auch andere Meinungen: Der Gallerist Claes Moser, ein bekannter Kunstexperte aus dem schwedischen Fernsehen, betrachtet den Klingt-Boom abwartend.

Werke im Wahn

„Ich bin nicht so ganz von ihrer avantgardistischen Rolle überzeugt. Ich meine, sie hatte eine gesunde Phase, dann hatten ihre Werke die gleiche Qualität wie die ihrer schwedischen Zeitgenossen, etwa Ernst Josephsson oder Carl Fredrik Hill. Daneben hatte sie eine geisteskranke Phase, während der sie geometrische Bilder malte. Die Werke eines Kandinsky oder anderen abstrakten Autoritäten hingegen sind durch eine bewusste intellektuelle Leistung entstanden. In af Klints Werk wird heute so einiges hineininterpretiert, was vermutlich bei seiner Entstehung nicht vorhanden war. Die Präsentation der Werke ist etwas übertrieben.“

Überhaupt werden bestimmte Kunstwerke in Schweden in letzter Zeit immer grösser herausgebracht, beobachtet Moser. Natürlich gäbe es viele Gründe dafür, dass ein Künstler wiederentdeckt wird.

„Das geht im allgemeinen von den kommerziellen Kräften aus, die dann häufig von den Medien verstärkt werden. Schwedens Kunstmarkt ist klitzeklein und somit leicht zu manipulieren, wenn es zu wenig kritische Betrachter gibt.“

Dass Hilma af Klints gesamtes abstraktes Werk sich in Obhut der Stiftung "Hilma af Klints Verk" in Stockholm befindet und somit nicht auf einträglichen Kunstauktionen gehandelt wird, macht den Klint-Boom besonders kompliziert.

Ab 15 Juni 2013 wird die Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart in Berlin zu sehen sein. Danach wandert sie weiter nach Spanien ins Museo Picasso Málaga.

Sybille Neveling / Sveriges Radio p1


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