Dem Verkauf von Fertiggerichten konnte der Pferdefleischskandal nichts anhaben (Foto: Scanpix)
Pferdefleischskandal und die Ursachen

Verbrauchervereinigung: Die moderne Lebensmittelproduktion ist schuld

"Lange Lebensmittelketten machen Kontrollen fast unmöglich"
6:05 min

Der Etikettenschwindel mit Pferdefleisch in Hackbällchen und anderen Lebensmitteln ist das Ergebnis krimineller Machenschaften – so lautet die offizielle Stellungnahme der schwedischen Firma Dafgård, die unter anderem Ikea-Möbelhäuser in mehreren europäischen Ländern mit Fleischbällchen beliefert. Der schwedischen Verbrauchervereinigung „Äkta Vara“ („Echte Ware“) zufolge liegt das eigentliche Problem allerdings viel tiefer – schuld seien letztlich die Methoden der modernen Lebensmittelproduktion. Zudem beinhalten zahlreiche Lebensmittel eine Vielzahl an Stoffen, die auf den Etiketten nur undeutlich angegeben sind oder in manchen Fällen gar gänzlich fehlen. Im Gegensatz zum Pferdefleischskandal wird darum aber weitaus weniger Furore gemacht.

Björn Bernhardson sitzt in einem Café im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen. Es ist Mitgründer und Vorsitzender der kleinen Verbrauchervereinigung „Äkta Vara“. Die Organisation fordert unter anderem, dass weniger Zusatzstoffe in Lebensmitteln verwendet werden sollen, und betreibt zu diesem Zweck auch eigens ein Verbraucherlabel. Am Beispiel Eiscreme erklärt der 55-Jährige gegenüber Radio Schweden den Zweck dieses Labels.

„Wenn Eiscreme weder Sahne, Eier und Vanille enthält, sondern stattdessen Glukosesirup, Stabilisatoren und ähnliches, so muss man sich doch fragen: Darf der Hersteller dieses Produkt eigentlich noch als Eis bezeichnen? Sollten dem nicht Grenzen gesetzt werden?“

Mit diversen Kampagnen und Internetblogs hat die Organisation in den vergangenen Jahren lebhaft die Lebensmittelindustrie provoziert – vor allem das gleichnamige Buch „Äkta Vara“ von Mats-Eric Nilsson, auch er ein Mitgründer der Vereinigung, hat gehörigen Zündstoff in die öffentliche Debatte gebracht. Eine Debatte, die mit dem Pferdefleischskandal wieder aufs Neue an Aktualität gewonnen hat, denn nicht alles, was in Lebensmitteln steckt, muss auch deutlich auf dem Etikett stehen.

Etikette informieren die Verbraucher nur in Bruchstücken

Björn Bernhardson hält eine Packung Kekse in den Händen, untersucht sie von allen Seiten. Auf der Rückseite stößt er auf die Angabe „Pflanzenöl“. „Eine Art Sammelbegriff für viele unterschiedliche Öle. So eine Angabe ist völlig legal, und ermöglicht den Herstellen, eben das Pflanzenöl zu verwenden, das gerade am billigsten auf dem Spotmarkt zu haben ist. Bei diesen Keksen handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Palmöl. Ein Öl, das in seiner Herstellung in vielen Fällen großflächige Abholzungen von Regenwäldern verursacht. Wenn der Hersteller wie in diesem Fall aber nur Pflanzenöl auf der Verpackung angibt, so lässt er den Verbraucher über solche Hintergründe im Unklaren.“

Gänzlich fehlen die Angaben, wenn sich der Verbraucher etwa an die Fleischtheke begibt. Hier ist der aktive Käufer gefragt, der die Verkaufskraft bitten muss, eine Liste mit allen Inhaltsstoffen herbeizuschaffen. Nach schwedischem Regelwerk kann der Hersteller zudem auf eine konkrete Übersicht verzichten, wenn sein Produkt mehr als 1,2 Prozent Alkohol enthält. Ob die volle Farbe und der fruchtige Geschmack eines Weins durch chemische Prozesse beeinflusste wurde, bleibt dem Konsumenten meist vorenthalten.

Weitgehend vereinheitlichte Regelung in Europa

In Sachen Lebensmittel-Kennzeichnung entspricht die schwedische Gesetzgebung ungefähr der in Deutschland oder anderen europäischen Ländern üblichen Regelung. Die Europäische Union hat mit ihren Verordnungen den Umfang und Inhalt zu weiten Teilen vereinheitlicht, wenngleich kleinere Abweichungen zwischen den einzelnen Ländern vorkommen können.

Der Äkta Vara-Vorsitzende begutachtet weiter die Inhaltsangabe auf unserer Kekspackung, seine Aufmerksamkeit bleibt bei einem weiteren Wort hängen: Aroma. „Dabei handelt es sich wieder um einen Sammelbegriff für etwas, über das die Lebensmittelindustrie nicht so gerne redet. Nach geltendem Gesetz muss nicht weiter erklärt werden, welche Stoffe damit gemeint sind. Es gibt mehrere Tausend Aromaformen, die in sehr komplizierten chemischen Prozessen hergestellt werden, aber nicht weiter spezifiziert werden müssen“, so Bernhardson.

Im Pferdefleischskandal, der mittlerweile globale Ausmaße angenommen hat, war hier in Schweden in jüngster Vergangenheit vor allem der Lebensmittelhersteller Dafgård in die Kritik geraten. Unter anderem der Möbelgigant Ikea hat große Teile seiner Hackbällchen für den Verkauf in den hauseigenen Restaurants von dem Produzenten aus dem mittelschwedischen Lidköping bezogen. Ikea hatte den Verkauf der schwedischen Spezialität in mehreren Ländern eingestellt, nachdem zahlreiche Proben Pferdefleischanteile in Dafgårds Produkten nachgewiesen hatten. Das Familienunternehmen hatte sich nach erster Bekanntgabe der Probeergebnisse zunächst einige Tage lang in Schweigen gehüllt, um anschließend die „kriminellen Machenschaften“ der Fleischlieferanten anzumahnen.

Das Hauptproblem: zu billige Transportwege

Sicher seien solche Methoden kriminell, meint Bernhardson von „Äkta Vara“. Letztlich liege das Problem aber weitaus tiefer. „Von allen Zutaten ist Fleisch oftmals die teuerste, und eben deshalb versuchen die Hersteller, vor allem am Fleisch zu sparen. Im jetzigen Pferdefleischskandal nimmt dieser Mechanismus ganz besonders traurige Züge an: Es ist offenbar billiger, Pferdefleisch zu kaufen, das im Zick-Zack-Kurs durch ganz Europa gewandert ist, als es beim örtlichen Bauern zu erwerben. Die Lebensmittelkette wird dermaßen lang, dass effektive Kontrollen kaum noch möglich sind. Die Verbraucher glauben, dass es ein sicheres Kontrollsystem in der EU und den einzelnen Ländern gibt. In eben diesem Glauben sind sie betrogen worden, und das ist der eigentliche Skandal. Dass es sich im jetzigen Fall um Pferdefleisch handelt, ist dabei weniger wichtig.“

Der Einfluss der großen Lebensmittelindustrie habe es möglich gemacht, ein Preissystem zu etablieren, das bei vielen anderen Waren undenkbar wäre. Bernhardson beschreibt dies folgendermaßen: „Der Hersteller entwirft ein neues Produkt und bestimmt selbst einen Preis dafür. Dann gilt es, auf einem Spotmarkt die Rohwaren ausfindig zu machen, die diesem Preis entsprechen.“

Ob die Konsumenten im Zuge des jüngsten Skandals nicht mehr derartige Methoden in Kauf nehmen wollen, sei vorerst dahingestellt. Das Kaufverhalten der Schweden hat sich laut Berichten des Schwedischen Rundfunks vom Montag bislang jedenfalls kaum verändert. Fertiggerichte wie Hackbällchen in Soße oder Pyttipanna gehen bei den großen Ketten Coop, Ica und Axfood nach wie vor weg wie warme Semmeln.

Hansjörg Kissel

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".