Das Schul-Business kann lohnend sein
Gymnasium in konkurs

Freie Schulen: Gewinn vor Ausbildung?

"Das minimiert die Risiken für den Eigentümer"
5:04 min

Die Folgen umfassender Privatisierungen im Gesundheits-, Pflege- und Bildungsbereich geraten in Schweden zunehmend in die Kritik. Die Schüler des freien Sportgymnasiums im mittelschwedischen Karlstad erhielten jetzt gegen ihren Willen eine Sonder-Lektion in Sachen Unternehmertum: Ihr Gymnasium wurde wegen finanzieller Schwierigkeiten kurzerhand dicht gemacht. Zwar hatte der Eigentümer mit anderen Schulen seines Schulkonzerns zuvor Millionenbeträge eingespielt. Doch statt diese Konzerngewinne zur Rettung des Sportgymnasiums einzusetzen, ließ er die Bildungsstätte in Konkurs gehen. Nur wenige Monate vor dem Abschluss ihrer Ausbildung müssen sich viele Jugendliche nun nach einer neuen Schule umsehen.

„Am ersten Schultag versammelten wir uns", erzählt Sofie Rohdin aus der Klassenstufe 12 in einem Bericht des Schwedischen Fernsehens. „Nach der Begrüßung bekamen wir dann die Nachricht." Die Neuigkeiten, die Sofie und ihre Mitschüler nach der Weihnachtspause erwarteten, waren alles andere als erfreulich. Während der Ferien war ihr Gymnasium in Konkurs gegangen, von einem Tag zum anderen standen sie ohne Schule da. Die Nachricht traf Schüler und Lehrer aus heiterem Himmel. „Es war fies vom Eigentümer, jetzt einfach Konkurs anzumelden", sagt der Zwölftklässler Pedram Pirouzfar. „Schließlich muss er doch schon zu Jahresbeginn gewusst haben, dass das Geld nicht reicht.“ Abgesehen von der Frage nach den moralischen Qualitäten von Eigentümer Jan Walther gibt in dem Fall wohl aber vor allem eines zu denken: Walthers Aktion ist gesetzlich nicht anfechtbar. Mehr noch: Sie ist letztlich nur unternehmerisch konsequent vor einem Hintergrund, in dem Schule ein Business ist wie jedes andere auch.

Gewusst wie

Nicht umsonst ist in Schweden oft vom „Schulgeschäft“ die Rede, seit Anfang der 1990-er Jahre die so genannte Freischul-Reform in Kraft trat. Den Gründern freier Schulen fließt demnach pro Schüler eine bestimmte Summe zu, in gleicher Höhe wie für Schüler kommunaler Schulen. Diese Steuergelder können sie in Gewinne ummünzen. Im Fall von Jan Walther, der sich 2001 in die lukrative Branche begab und zeitweise sieben Schulen betrieb, hat sich das durchaus gelohnt: Sieben fette Jahre lang spielte sein Konzern umgerechnet knapp sechs Millionen Euro ein. Dass die 90.000 Euro Verlust im Sportgymnasium – entstanden vor allem durch den gleichzeitigen Schulwechsel von 20 Schülern – dennoch nicht beglichen werden konnten, hat einen einfachen Hintergrund: Mit Bedacht hatte Walther schon im Jahr 2009 nämlich die Konzernstruktur aufgebrochen, indem er die Eigentümerschaft auf verschiedene Ebenen verlegte und jede Schule als eigenständiges Unternehmen eintragen ließ. „Ziel ist, dass jede Schule allein klarkommt“, erklärt er die Aktion im Schwedischen Fernsehen. Finanzanalytiker Peter Malmqvist wird deutlicher: „Das ist ein Mittel, um die Risiken für die Eigentümer zu minimieren.“ Stirbt mit dieser Art Unternehmensorganisation im Ernstfall doch jede Schule für sich allein – ohne dass man die Konzerngelder in Rettungsmaßnahmen investieren muss.

„Keine kontinuierlichen Kontrollen“

Somit steigt also die potenzielle Gefahr von Schul-Konkursen. Als zuständiges Kontrollorgan hatte die Schulaufsicht im Fall Walthers gleichwohl nichts einzuwenden. „Wir haben keinen Anlass, da besonders aufmerksam zu sein. Wenn ein Eigentümer die Unternehmensform ändern möchte, kann er das tun“, so Bertil Karlhager von der Schulaufsicht. Auch seine Behörde wurde vom Konkurs des Sportgymnasiums überrascht. Die finanzielle Situation der Schulen kontrolliert man lediglich einmal aller fünf Jahre im Rahmen einer umfassenden und zuvor angemeldeten Inspektion. „Für eine kontinuierliche Kontrolle fehlen uns derzeit die Möglichkeiten“, erklärt Bertil Karlhager. Eine unbefriedigende Situation, findet die Generaldirektorin der Schulaufsicht, Ann-Marie Begler. Sie will häufigere Kontrollen und mahnt auch eine höhere ökonomische Kompetenz beim eigenen Personal an. Bei der Regierung hat die Behörde jetzt deshalb mehr finanzielle Mittel beantragt. „Letztlich bräuchte man jemanden, der die Arbeit kontinuierlich im Auge hat und sicherstellen kann, dass das Unternehmen sein angebotenes Produkt liefert – also eine dreijährige Ausbildung -, und zwar mit den finanziellen Ressourcen, die vorhanden sind“, sagt Finanzanalyst Peter Malmqvist. Dass die Schulaufsicht kaum Einblick in die wirtschaftliche Situation der Schulen hat, verblüfft ihn. Unterdessen scheinen nicht nur für Schul-Unternehmer Walther die ertragreichen Jahre vorerst vorbei. Wie die Tageszeitung Svenska Dagbladet am Dienstag berichtet, ächzen Stockholms Gymnasien derzeit unter harten Sparzwängen. Im zurückliegenden Jahr spielten sie insgesamt Verluste von knapp sechs Millionen Euro ein.

SVT, Kristina Lagerström / Anne Rentzsch

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