1 av 3
Stromausfall: In Charlotta Tunhov Grönstedts Küche fallen Licht und Produktion flach (Sybille Neveling / Radio Schweden)
2 av 3
Handarbeit: Helena Bülow und Rose-Marie Andersson kleben Etiketten auf und verpacken die Marmeladengläschen (Foto: Sybille Neveling /Radio Schweden)
3 av 3
Lotta Tunhov Grönstedt stellt in ländlicher Umgebung lokale Lebensmittel her (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
Schweden – das neue Lebensmittelland

Eine unkonkrete Utopie

„Es kostet eben, wenn man die Äpfel von Hand schält"
5:50 min

Das schwedische Landwirtschaftsministerium lässt sich seine Langzeitkampagne „Sverige - det nya matlandet“ so einiges kosten: Mehr als 117 Millionen Euro sind bisher in ein paar tausend verschiedene Projekte geflossen. Seit 2008 arbeitet die Regierung daran, Schweden bei den Einheimischen als Produktionsland für  Lebensmittel und bei Touristen als kulinarisches Reiseziel etablieren. Damit will sie der Lebensmittelerzeugung und der Erlebnisindustrie Wachstum, mehr Export und neue Arbeitsplätze bescheren. Der Erfolg dieser Kampagne wird politisch und in Analysen angezweifelt. Kleine Lebensmittelproduzenten wie Tunhovs auf Öland sind eher dankbar für jede Art von Unterstützung. Alle möchten mehr konkrete Schritte sehen.

In vielen Regionen des Landes arbeiten kleine und mittlere Unternehmen daran, „Nahrungsmittel im Schwedenstil“ zu entwickeln und zu vermarkten.

Charlotta Tunhov Grönstedt ist Miteigentümerin des Familienbetriebs „Birgittas Matbord“ auf Öland. Schwungvoll öffnet sie die Tür zum Lagerraum: „Schön kühl, hier drinnen herrschen elf Grad“, sagt sie und präsentiert die edelstahl-glänzende moderne Handwerksküche im Anschluss. Der verführerische Duft reifer Tomaten breitet sich aus. „Alle Rohwaren, die wir veredeln, werden zunächst hier untergebracht. Vor der Verarbeitung werden Obst und Gemüse dort drüben gewaschen, in dem 100-Liter-Kessel dort gekocht - und dann da hinten abgefüllt.“

Angenehme Erinnerungen – ein Plus für‘s Produkt

Tunhovs‘ Erzeugnisse werden von rund 250 Einzelhändlern in ganz Schweden weiterverkauft. „Wir produzieren ungefähr 40.000 Gläschen pro Jahr. Delikatessen: Honig, Senf, Marmeladen, Chutney, Saft, Salsa, Soßen und ähnliches.“

Die Käufer empfinden es nach Tunhovs Erfahrung als Mehrwert, dass die Waren von Öland stammen. Viele verbinden die Insel mit positiven Erinnerungen an Sommerferien und Badefreuden.

Diese Wechselwirkung von Fremdenverkehr und Lebensmittelerzeugung ist ganz im Sinne des Lebensmittelland-Konzepts. Allerdings kaufen, essen und übernachten bisher etwas weniger Touristen bei den Anbauern von Tomaten, Kartoffeln oder Mais als vor Beginn der Kampagne. Die Entwicklung ist negativ.

Während die beiden Mitarbeiterinnen von Charlotta Tunhov Grönstedt geschwungene Marmeladengläser von Hand etikettieren und verpacken, berichtet Tunhov in einem Nebenraum, dass sie erwägt eine weitere Person anzustellen. Ziel der schwedischen Regierung sind 20.000 neue Arbeitsplätze im ganzen Land bis zum Kampagnenende 2020. Davon ist die Branche noch erfernt.

Goldener Kürbis

Tunhovs Firma ist 2012 mit dem „Goldenen Kürbis“ ausgezeichnet worden, einem Preis für Unternehmen mit starker öländischer Verankerung. Die Jury zielt in ihrer Begründung deutlich auf die Intention des Landwirtschaftsministeriums ab: „Das Unternehmen trägt in hohem Masse dazu bei, Qualität, Duft und Geschmack des kulinarischen Öland im Lebensmittelland Schweden zu verbreiten.“ Der Honig zum Beispiel wird von Bienen im Weltnaturerbe Stora Alvaret zusammengetragen, und die Erdbeeren stammen aus einem Nachbarort. Wer an dem rot-weißen Holzhaus inmitten von Kuhweiden und Obstbäumen im Dorf Glömminge vorüberfährt, kann kaum ahnen, dass sich hier eine professionelle Marmeladenfabrikation verbirgt.

Aber die die Nähe zum Acker, auf dem ihre Rohwaren wachsen, hat auch Nachteile: „Ein Unternehmen in einem so dünnbesiedelten Gebiet zu betreiben, ist von der Infrastruktur her eine Herausforderung. Gerade jetzt zum Beispiel haben wir einen Stromausfall, die Tomaten im Lagerraum können nicht weiterverarbeitet werden. Das Kühlaggregat läuft nicht. Und im Winter ist es wegen der Straßenverhältnisse schwer unsere Fabrikation hier zu erreichen.“

Hinzukommt, dass das Mobilnetz in gerade dieser Gegend von Öland miserabel funktioniert, gleichgültig bei welchem Anbieter. Und dass es kein Breitband gibt. Ans Internet kommt die Firma also nur mit Hilfe eines zeitraubenden Telefonmodems heran.

Straßen zu bauen und Kabel zu verlegen gehört zwar nicht in den Aufgabenbereich des Landwirtschaftsministeriums. Aber es wären handfeste Maßnahmen – und genau solche fehlen, stellt eine Studie über die Lebensmittelland-Kampagne fest.

Göran Hallin vom Analyseunternehmen Kontigo berichtet Radio Schweden auf einer verrauschten Telefonverbindung vom Ergebnis seiner Untersuchung: „Der Kampagne fehlen konkrete Ziele. Was will das Landwirtschaftsministerium mit seinen Maßnahmen exakt erreichen? Die bisherigen Zielsetzungen sind meist visionär und übergreifend.“

Der Traum vom Export

Bei den konkreten Vorgaben ist man teilweise weit vom Ziel entfernt: Die Regierung will den Lebensmittelexport bis 2020 verdoppeln. Bisher ist die Ausfuhr nur um knapp zehn Prozent gestiegen.

Tunhovs haben schon Anfragen aus mehreren Ländern bekommen, sind aber bisher noch nicht ins Exportgeschäft eingestiegen.

Ein Projekt in der Region Kalmar, zu der auch Öland gehört, hat die örtlichen Lebensmittelhersteller mit Informationen versorgt, wie man ein Exportunternehmen wird. Das Landwirtschaftsministerium etwa hat etwa 180 000 Euro beigesteuert.

„Wir haben auf der regionalen Ebene Förderung für die Lebensmittelherstellung im kleinen Rahmen bekommen. Zwar nicht viel  – aber das war ein willkommener Zuschuss. Im Großen und Ganzen haben wir nicht viel von den Kampagnenmillionen zu sehen bekommen. Möglich, dass da noch mehr kommt. Es sind ja noch einige Jahre bis die Kampagne 2020 ausläuft“, beschreibt Charlotte Tunhov Grönstedt die Situation.

Sie wünscht sich etwas, von dem bisher eigentlich nur in Internet-Foren die Rede ist: „Man müsste dabei unterstützt werden, den Verbrauchern klar zu machen, dass das ein handwerklich hergestelltes Produkt etwas teurer ist. Es kostet eben mehr, wenn jemand die Äpfel geschält und die Erdbeeren entstielt hat. Dafür muss man auch bezahlen.“

Sybille Neveling
 

 
 
 
Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".