Kinderombudsman Fredrik Malmberg macht den Behörden Druck
Schweden am Pranger

Immer mehr Jugendliche hinter Gittern

Kinder in den Knast
3:15 min

Immer mehr Jugendliche in Schweden werden von den Behörden in Haft genommen, obwohl dies so weit wie möglich vermieden werden soll. Wie aus einem Bericht des Ombudsmannes für Kinderrechtfragen an die Regierung hervorgeht, verstößt Schweden damit gegen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen – vor allem auch deswegen, weil Haft immer häufiger an strenge Auflagen geknüpft ist.

Der Bericht, den der Kinderombudsman Fredrik Malmberg am heutigen Dienstag der Regierung vorlegt, ist ernüchternd. Demnach hat die Zahl der in Untersuchungshaft sitzenden 15- bis 17-Jährigen sprunghaft zugenommen.

„Die hat sich verdreifacht, von 40 Jugendlichen vor 15 Jahren auf heute 120 pro Jahr. Das ist eine starke Zunahme, die in keinem Verhältnis zur allgemeinen Kriminalstatistik steht, und deshalb kaum zu verstehen ist“, so Malmberg gegenüber dem Schwedischen Rundfunk.

Schlimme Erfahrung

Ein typischer Fall ist der von Pasi Winsten, der als 17-Jähriger wegen des Verdachtes auf Brandstiftung festgenommen wurde. Eine schlimme Erfahrung für Pasi: „Zehn Minuten fühlen sich in der Zelle wie eine Stunde an, man wird verrückt“, erzählt der heute 22-Jährige. Nach 24 Stunden war er wieder frei. Der Verdacht gegen ihn hatte sich nicht bestätigt.

Haft für Jugendliche sollte eigentlich nur in Ausnahmefällen verhängt werden. „Der Rechtsbeauftragte der Regierung hat sich das angesehen und entschieden, dass Jugendliche nur in extremen Fällen in Haft sollten“, bestätigt Kinderombudsmann Malmberg dem Schwedischen Rundfunk. Laut seinem Bericht prüfen die Gerichte häufig nicht gründlich genug, ob die Voraussetzungen für solche Maßnahmen tatsächlich vorliegen.

Die Vorsitzende der Anwaltskammer, Anne Ramberg, sieht darin ein gravierendes Problem:„Das ist eine sehr beunruhigende Entwicklung, wenn junge Menschen überhaupt im Gefängnis sitzen. Das ist ein schwerer Eingriff, und Schweden ist dafür vom Europarat und vom UN-Komitee gegen Folter gerügt worden. Das ist ja schon für Erwachsene eine Zumutung – vor allem psychisch. Das gilt umso mehr für Jugendliche. Die können die Konsequenzen ja überhaupt nicht einsehen.“

Ohne Anwalt

Häufig werde den jungen Verdächtigen auch kein Anwalt zur Seite gestellt, so Ramberg weiter gegenüber Radio Schweden. Immer häufiger sitzen sie dann auch noch unter verschärften Bedingungen ein, wie etwa unter einem Kontaktverbot zu den Eltern. Malmberg sieht darin eine Gefahr für die Rechtssicherheit. Schweden verstoße in vielen Fällen gegen die Kinderrechtskonvention der UN, unter anderem auch weil die durchschnittliche Haftdauer immer länger werde, weil die Behörden die Fälle nicht zügig behandeln:

„Theoretisch kann man unbegrenzt in U-Haft bleiben. Es kommt vor, dass man viele Monate absitzt. Die UN-Konvention geht hier von einer Grenze von 30 Tagen bis zum Prozess aus. Das sollte auch für Schweden gelten. Die Fälle sollten vorrangig ermittelt und abgeschlossen werden, damit niemand unnötig lange in Haft sitzen muss.“

Malmberg schlägt nun unter anderem feste Zeitgrenzen nach norwegischem Vorbild vor. Dabei sollten Restriktionen nicht länger als einen Tag dauern, und auch die Untersuchungshaft sollte begrenzt werden. Das werde dann auch die Ermittlungsarbeit der Behörden beschleunigen.

Marcus Ericsson/Alberico Lecchini/Dieter Weiand

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".