Trübe Aussichten für die Seeadler (Foto: Henrik Montgomery / Scanpix)
Umweltsünden der Vergangenheit

Tote Seeadler geben Rätsel auf

Für Untersuchungen fehlt es an Geld
3:39 min

Ein Umweltgespenst vergangener Tage ist wieder an der nordschwedischen Ostküste aufgetaucht: tote Föten in Seeadlereiern. Nachdem seit Anfang der 1990er Jahre kein einziger toter Seeadlerfötus mehr dokumentiert wurde, warnen Naturforscher nun wieder vor einer Rückkehr des Greifersterbens. Unter Verdacht steht unter anderem die Papierindustrie wegen alter Umweltsünden.

Das Insektengift DDT war bis in die 1960er Jahre ein wahrer Verkaufsschlager. Als weltweit meistverwendetes Insektenbekämpfungsmittel hatte auch die schwedische Forstindustrie DDT in großen Mengen auf Fichten und Tannen verspritzt. Verheerende Folgen für die Umwelt ließen nicht lange auf sich warten: Die schwedische Nord-Ostküste wurde bis in die frühen 1980er Jahre von zahlreichen toten Seeadlerföten heimgesucht.

Das totbringende Insektengift wurde verboten, und mithilfe direkter Fütterungen hat sich der Adlerbestand schließlich wieder leicht erholen können. Bis zum Jahr 2009 konnte kein einziges totes Adler-Ei mehr gefunden werden, der Bestand in Schweden hat sich mit etwa 2.500 Greifvögel einigermaßen stabilisieren können. Und dann, ein neuerlicher Schock, erinnert sich Naturschützer Björn Helander im Schwedischen Fernsehen: „2009 ist wieder erstmals ein solches Ei aufgetaucht. Wie seltsam, dachte ich zuerst. Doch dann wurden es mehr und mehr, wieder aus exakt der gleichen Gegend wie bereits früher schon. Irgendetwas muss dort passiert sein, und wir müssen herausfinden, was.“

Ist die Papierindustrie schuld?

Wie kann es sein, dass so viele Jahre, nachdem die meisten Staaten in den 1970er Jahren ein Verbot des DDT erlassen haben, wieder dieselben verheerenden Folgen für die Adler auftreten? Wissenschaftler haben bislang noch keine genaue Antwort darauf finden können – doch, es gibt eine Theorie. Der mittlere Streifen an der schwedischen Nord-Ostküste ist dicht mit Produktionsanlagen der Papierindustrie besiedelt. Früher war es gang und gäbe für die Papierfabriken, die Fiberreste, die bei der Verarbeitung von Bäumen anfallen, in der angrenzenden Ostsee zu versenken. Bis zu sechs Meter türmen sich diese Reste an manchen Stellen auf dem Meeresboden auf, mitsamt ungemütlicher Zeugen der Vergangenheit, die nach wie vor in den Bäumen steckten. Abgelagerte Gifte können dann etwa von Unterwasser-Käfern aufgenommen, die Nahrungskette nach oben wandern und schließlich im Organismus der Seeadler anlangen.

„Dies ist sicherlich eine recht schlüssige Theorie“, sagte Irene Hedlund, Umweltschützerin bei der Provinzialregierung in Västernorrland. „Wir müssten diese allerdings noch weiteren Prüfungen unterziehen, etwa indem wir verschiedene Fisch- und Vogelarten auf Gifte untersuchen.“

Landhebungen können Probleme verursachen

Auch die Frage, warum ausschließlich die Küste Västernorrlands betroffen ist, obwohl es vielerorts in Schweden Papierfabriken gibt, bleibt weiterhin offen. Laut Hedlund könnte dieses Phänomen geologische Hintergründe haben. „Abgesehen von der intensiven Holzindustrie in dieser Gegend handelt es sich bei Västernorrland auch um die Region mit den weltweit stärksten Landhebungen. Befinden sich Umweltgifte im Boden, so können sie sich dadurch leichter verteilen.“

Vertreter der Papierindustrie beteuern jedoch, dass Baumreste nicht mehr einfach den Fluten überlassen werden. Warum genau aber wieder Seeadler tot in ihren Eiern aufgefunden werden, wird wohl auf absehbare Zeit nicht geklärt werden, denn für nähere Untersuchungen fehlt es an Geld.  Irene Hedlund: „Es sieht nicht gut aus. Wir führen soweit es geht Untersuchungen durch. Für tiefergehende Analysen reicht es aber nicht.“

Hansjörg Kissel / SVT

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