Millionen Schweden hatten sich mit Pandemrix impfen lassen
Massenimpfungen gegen Schweinegrippe in Schweden

Pandemrix verdreifacht Risiko für Schlafkrankheit

„Wie am Tag des Jüngsten Gerichts"
3:46 min

Der umstrittene Impfstoff Pandemrix erhöht das Risiko einer Erkrankung an Narkolepsie bei Kindern und Jugendlichen um das Dreifache, und auch junge Erwachsene sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt.  Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag in Stockholm vorgelegte Studie der schwedischen Arzneimittelbehörde zur Auswertung der in Schweden durchgeführten Reihenimpfungen zur Vermeidung einer Schweinegrippe-Pandemie.

Viele von Narkolepsie betroffene Menschen in Schweden haben sehnsüchtig auf die Ergebnisse der Studie gewartet – für viele könnten diese einen Wendepunkt in ihrem weiteren Umgang mit der Krankheit darstellen.

„Wir können mit unserer Studie bestätigen, dass bei unter 20-Jährigen ein erhöhtes Risiko der Erkrankung an Narkolepsie besteht, und auch bei jungen Erwachsenen zwischen 21 und 30 Jahren konnten wir ein höheres Risiko feststellen“, fasst der Leiter der umfassenden Studie, Ingemar Person, die wichtigsten Ergebnisse zusammen. „Bei anderen neurologischen Krankheiten, die wir in unsere Untersuchung mit einbezogen haben, konnte kein direkter Zusammenhang zwischen Pandemrix und erhöhten Erkrankungsrisiken festgestellt werden.“

Meiste Narkolepsie-Fälle in Schweden

In keinem anderen europäischen Land waren im Zuge der umgreifenden Impfungen gegen die Schweinegrippe im Jahr 2009 derart viele Fälle an Narkolepsie aufgetreten wie in Schweden. Dementsprechend groß war das öffentliche Interesse an der am Dienstag veröffentlichten Studie, in der die Krankheitsgeschichte von 3,3 Millionen Schweden, die mit Pandemrix geimpft wurden, mit der von 2,5 Millionen nicht-geimpfter Schweden verglichen worden ist.

Viele von der Schlafkrankheit betroffenen Schweden haben mit Sehnsucht auf die Untersuchungsergebnisse gewartet – nicht zuletzt, weil die Arzneimittelbehörde bislang davon ausgegangen ist, dass nur bei unter 19-Jährigen die Impfung auch zur Auslösung der Schlafkrankheit beigetragen hat. Elisabeth Widell ist eine derjenigen Betroffenen, die mit Spannung auf die Studie gewartet hat. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Impfung gerade 20 Jahre alt geworden und fiel damit durch das Raster der Behörde. Dass die Studie nun auch bei jungen Erwachsenen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko offiziell feststellen konnte, kommt für Widell wie ein Befreiungsschlag: „Die neue Altersgrenze ist unglaublich wichtig für mich. Wäre ich im Dezember und nicht im Januar geboren worden, wäre meine Erkrankung bereits anerkannt worden“, so Widell kurz vor der Veröffentlichung der Studie im Schwedischen Fernsehen. „Der heutige Tag fühlt sich für mich ein bisschen an wie der Tag des Jüngsten Gerichts. Diese Studie wird in Zukunft nämlich den Krankenversicherungen als Grundlage für deren Einschätzungen dienen.“

Auch bei jungen Erwachsenen erhöhtes Risiko

Mit der neuen Untersuchung haben es die Schweden nun Schwarz auf Weiß: Mit zunehmendem Alter sinkt das Risiko, nach einer Pandemrix-Impfung an Narkolepsie zu erkranken. Vor allem Kinder- und Jugendliche befinden sich in der Gefahrenzone: Dreimal höher liegt das Schlafkrankheitsrisiko als bei nicht-geimpften. Junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren gehen ein zweimal so großes Risiko ein. Bei 31 bis 40-Jährigen konnte kein eindeutiges Ergebnis erzielt werden, während die über 40-Jährigen gänzlich aus dem Schneider sind.

Im Gegensatz zur Schlafkrankheit konnte mit der Studie allerdings kein Zusammenhang zwischen der Schweinegrippe-Impfung und anderen neurologischen oder Autoimmun-Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose, Diabetes oder Epilepsie festgestellt werden.

Für Elisabeth Widell und andere Narkolepsie-Patienten können die neuen Erkenntnisse der Arzneimittelbehörde zwar nicht die Schlafkrankheit wieder rückgängig machen – sie könnten allerdings einige Erleichterungen mit sich bringen. Abgesehen davon, dass die staatliche Krankenkasse die Auszahlungen nun der neuen Altersgrenze anpassen könnte, schafft die Untersuchung vor allem Klarheit für Widell selbst: „Ich werde vor allem meine eigene Krankheitsgeschichte besser verstehen können. Alles war so seltsam am Anfang, und ich habe mich für meinen Zustand geschämt. Der Rückblick auf das alles wird mir viel leichter fallen.“   

Hansjörg Kissel / SVT

Hintergrund zur Schweinegrippe

Etwa 5,5 Millionen Schweden hatten sich im Zuge der Pandemie 2009 gegen die Schweinegrippe impfen lassen – der höchste Bevölkerungsanteil von allen Ländern in Europa. Laut europaweiten Untersuchungen waren 768 Menschen im Zuge der Pandemrix-Impfung an Narkolepsie erkrankt – mit 374 stammt fast die Hälfte davon aus Schweden. Etwa 2.400 Menschen waren dementgegen hierzulande an der Schweingrippe erkrankt, 25 Todesfälle wurden im Zuge dessen registriert.

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