Biologische Erklärungen helfen nicht bei der Gleichberechtigung von Homosexuellen, findet der schwedische Verband für sexuelle Gleichstellung (Foto: Michael Reichel / AP Photo / Scanpix)
Evolutionsbiologie

Schwedischer Forscher: Homosexualität liegt in den Epi-Genen

Radikale Veränderung in der Sicht auf Homosexualität
5:45 min

Die Einführung der Homo-Ehe spaltet aufs Neue die Gesellschaften in zahlreichen Ländern der westlichen Welt. In Frankreich gingen Hunderttausende gegen die gleichgeschlechtliche Eheschließung auf die Straße, in den USA soll der Oberste Gerichtshof in dem erbitterten Streit schlichten, und auch in Deutschland ist die CDU stark gespalten in der Frage. Mitten in diesem Konflikt hat nun der Schwede Urban Friberg gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam eine neue Theorie vorgestellt, die die gesellschaftliche Sicht auf Homosexualität in vielen Ländern radikal verändern könnte. Der schwedische Zentralverband für sexuelle Gleichstellung, RFSL, warnt unterdessen davor, solchen Erklärungen zu große Bedeutung beizumessen.

„In unserer Forschung sind wir unter anderem von früheren Studien ausgegangen, die aufzeigen, dass sich Homosexualität unter Verwandten häufen kann. Es gibt also eine erbliche Komponente.“ Urban Friberg erklärt im Gespräch mit Radio Schweden die Grundzüge seiner Forschung.

Der Evolutionsbiologe ist Teil eines internationalen Forscherteams, das sich neuen biogenetischen Erklärungen der gleichgeschlechtlichen Liebe gewidmet hat. „Allerdings konnten solche früheren Studien nicht beweisen, dass dahinter auch genetische Gründe liegen. Wir gehen deshalb davon aus, dass Homosexualität stattdessen epigenetische Hintergründe hat.“

Epi-Marks der Schlüssel zum Rätsel sexueller Vorlieben

Sogenannte Epi-Marks sind laut der neuen Theorie der Schlüssel zum Rätsel sexueller Vorlieben. Diese Markierungen sitzen auf der DNA und erfüllen bestimmte Steuerfunktionen. Wie stark erbliche Informationen zum Ausdruck kommen, kann mitunter von diesen Epi-Marks beeinflusst werden.

Meistens werden diese Informationen bei der Weitervererbung gelöscht – in manchen Fällen können sie allerdings auf den Nachwuchs weitergegeben werden. Das sexuelle Interesse an Männern seitens der Mutter überträgt sich dabei auf den Sohn; die väterlichen Vorlieben an die Tochter. Gleichgeschlechtliche Liebe kann damit weitervererbt werden, ohne ein Teil der Erbanlage zu sein – sie entsteht mit jedem Nachwuchs aufs Neue.

„Letztlich geschieht dies aus reinem Zufall“, so Urban Friberg. „Es gibt viele verschiedene Kontrollmechanismen, die bei der Übertragung an den Nachwuchs gelöscht werden sollen, damit jedes Individuum eine neue Ausgangslage erhält. Wenn dies nicht geschieht, so liegt nur der Zufall dahinter. Womöglich ist es so, dass manche Eltern eher dazu neigen, starke epigenetische Markierungen herauszubilden. Bei solchen starken Markierungen besteht dann eine größere Chance, dass diese auch an die nächste Generation weitergegeben werden.“

Antworten für viele Homosexuelle

Noch handelt es sich lediglich um ein Erklärungsmodell. Sollten Wissenschaftler jedoch daran weiterforschen und dieses letztlich auch beweisen, könnte dies in vielen Ländern großen Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität ausüben. „Manche Menschen stören sich womöglich an dieser Forschung, aber ich glaube, dass viele Menschen, die sich selbst fragen, warum sie homosexuell sind, daraus Antworten erhalten können. Oder einfach gesagt: Dass man besser das eigene Leben verstehen kann“, so der schwedische Forscher.

Ulrika Westerlund, Vorsitzende des schwedischen Zentralverbands für sexuelle Gleichstellung, RFSL, hat grundsätzlich nichts gegen diese Forschung einzuwenden – warnt allerdings davor, dass solche biologischen Erklärungen im Kampf um die Gleichberechtigung von Homosexuellen herangezogen werden. „Sicher darf über alles mögliche Forschung betrieben werden. Wichtig ist nur, dass dies nicht mit einer Diskussion über die Rechte bestimmter Menschen verknüpft wird. Dieser Ansicht sind die meisten Homosexuellen-Bewegungen in Europa.“

Biologische Erklärungen wichtig in den USA

Für Bürgerrechtsbewegungen vor allem in den USA könnten derlei wissenschaftliche Erklärungen allerdings von großer Bedeutung sein: „Teile der Homosexuellen-Bewegungen in den USA haben solche Forschung oftmals lautstark begrüßt. Das Argument lautet dabei: Da ich so geboren wurde, stehen mir dieselben Rechte zu. Unserer Ansicht nach wird damit aber ein gefährlicher Weg eingeschlagen. Kommt nämlich später wieder ein anderer Forscher mit anderen Ergebnissen, dann werden diese Rechte eben wieder in Frage gestellt. Die USA sind im Gegensatz zu Schweden aber weitaus stärker durch Religion geprägt. Aus diesem Grund will man dort eben mit biologischen Argumenten zurückschlagen. Es gibt ja, oftmals christliche, Bewegungen in den USA, die Homosexuelle umkehren wollen. Diese können dann entsprechend antworten mit: Wir sind so geboren, deshalb geht das nicht.“

Kein großer Einfluss in Schweden

Im Gegensatz dazu wird diese Forschung laut der Vorsitzenden in Schweden keine große Bedeutung für die Gleichberechtigung haben. „In Schweden können religiöse Argumente gegen Homosexualität keinen großen Raum einnehmen. Es kommt natürlich auch hier vor, dass Vertreter sowohl christlicher, als auch muslimischer Glaubensrichtungen Religion gegen Homosexuelle ins Feld führen, etwa beim Verbot gleichgeschlechtlicher Eheschließungen. Die öffentliche Debatte ist davon aber hierzulande bei weitem nicht so geprägt wie in den USA.“

Schweden gilt, was die Gleichberechtigung von Homosexuellen betrifft, heute als eines der liberalsten Länder weltweit. Seit Mitte 2009 ist es hierzulande gleichgeschlechtlichen Partnern möglich, die Zivilehe miteinander einzugehen. In Schweden ist diese Gleichstellung vor allem durch die starke Betonung der Menschenrechte vorangetrieben worden, so Ulrika Westerlund: „Diese lautet: Menschen dürfen nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Ob ihre Homosexualität nun angeboren ist oder einen anderen Hintergrund hat, ist dabei völlig uninteressant.“

Hansjörg Kissel

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".