Schwedische Schule: Gut oder gut gemeint?
Internationale Forschung

Schlechte Noten für „modernen“ Unterricht

„Die Schwächsten verlieren"
3:58 min

Neue Hiobsbotschaften für die schwedische Schule: Die hier zu Lande bevorzugte, als modern geltende Pädagogik hat offenbar maßgeblich zum Niedergang des Schulsystems beigetragen. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich Schweden immer stärker auf so genannten problembezogenen, offenen Unterricht konzentriert. Doch laut mehreren Studien bringt der traditionelle „Katheder-Unterricht“ den Schülern letztlich mehr.

Das Bild vom Lehrer, der als Zentrum des Unterrichts Lehrstoff sortiert und Zusammenhänge deutlich macht, gilt in Schweden als altmodisch. Das Hauptaugenmerk hat sich stattdessen vielfach auf die jeweils individuelle Schülerpersönlichkeit verlagert, die sich selbständig Wissen aneignet – zumindest in der Theorie. Das Absacken schwedischer Schüler in nationalen und internationalen Leistungsvergleichen hatte seit Längerem Zweifel an der Praxistauglichkeit dieser Theorie aufkommen lassen. Diese Zweifel scheinen berechtigt. LautMartin Karlberg, Bildungsforscher an der Hochschule Mälardalen, lässt der problembezogene, dem Individuum viel Engagement abverlangende Unterricht nämlich gerade jene im Stich, die Hilfe am meisten bräuchten.

Hauptsache Reform?

„Dieser Unterricht begünstigt die Schüler, die ohnehin Hochleistungen erzielen, die gute Vorkenntnisse und viel Motivation mitbringen“, so Karlberg. „Negativ ist er hingegen für Schüler mit geringen Vorkenntnissen und wenig Antrieb. Kurz gesagt: Er begünstigt die Starken und benachteiligt die Schwachen.“ Studien über derlei Licht- und Schattenseiten des problembezogenen Lernens sind bisher aber dünn gesät. „Zum problembezogenen Lernen gibt es sehr wenig Forschung in Schweden, auch ich selbst kann dazu nicht auf umfangreiche eigene Forschung verweisen“, erklärt Karlberg. „Genau dies ist meines Erachtens eines der größten Probleme der schwedischen Schule: Wir führen Reformen ein, ohne zu wissen, ob sie funktionieren oder nicht.“  Interessierte sind stattdessen auf internationale Untersuchungen angewiesen. Die Tageszeitung Dagens Nyheter beruft sich in ihrer Ausgabe vom Dienstag auf den renommierten neuseeländischen Bildungswissenschaftler John Hattie. Hattie hat die Ergebnisse von mehr als 52.000 Studien über rund 80 Millionen Schüler weltweit verglichen. Seine Schlussfolgerung: Der positive Effekt von problembezogenen Unterricht ist minimal, bisweilen überwiegen gar die Negativ-Folgen.

Unter Schwedens Lehrern sorgt die Darstellung eines Schulsystems auf Abwegen für Proteste. Zum einen sei die Lernforschung über die neuseeländische Studie hinaus breit gefächert, so die Vorsitzende des Lehrerverbandes, Eva-Lis Sirén. Zum anderen seien die hiesigen Lehrer in ihrer Arbeitsweise durchaus variabel: „Die Lehrer sind sehr verwundert von dem Bild, das hier vermittelt wird – als bediene man sich nur einer einzigen Methode“, so Sirén. „Ein geschickter Lehrer hat aber einen großen Werkzeugkasten mit vielen Unterrichtsmethoden – das ist das Wichtigste.“

Problemfall Altersmischung

Neben Vor – und Nachteilen von offenem und „Kathederunterricht“ stellt die oben genannte Studie weitere altgediente Prinzipien des hiesigen Schulsystems zur Diskussion. So vermerkt man überwiegend negative Folgen für den Unterricht in altersgemischten Klassen. Zu ähnlichen Schlüssen kam laut Dagens Nyheter kürzlich eine Untersuchung des schwedischen Instituts für Arbeitsmarktforschung. Bei Mathematik und Fremdsprachen liegen die Leistungen von Sechstklässlern in altersgemischten Klassen demnach fünf Prozenteinheiten unter denen anderer Schüler. Gleichwohl schreitet der Alters-Mix in der Schule fort. Laut dem Statistischem Zentralamt lernt inzwischen jeder vierte Drittklässler in einer altersgemischten Gruppe.  

Anne Rentzsch

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