Die Löscharbeiten an der Scandinavian Star konnten im April 1990 erst im Hafen von Lysekil abgeschlossen werden. Foto: Tor Arne Dalsnes/Scanpix.
Brandstiftung und Versicherungsbetrug

Scandinavian Star-Katastrophe: Neue Erkenntnisse dank schwedischer Polizei

Die neue Untersuchung des Brandes an Bord der Fähre Scandinavian Star, bei dem vor 23 Jahren 159 Menschen gestorben waren, ist nur durch die Unterstützung der schwedischen Polizei überhaupt zustande gekommen. Bei den Ermittlern in Norwegen und Dänemark war die Expertenkommission, die den Fall nun erneut unter die Lupe genommen hat, mit ihren Bitten um Akteneinsicht dagegen auf taube Ohren gestoßen.

"Die schwedische Polizei war fantastisch. Sie hat im Großen und Ganzen alle Informationen geliefert, die unsere Erkenntnisse erst möglich gemacht haben. Wir sind ja sowohl in Norwegen als auch in Dänemark gegen eine Wand gelaufen. Darin liegt der eigentliche Skandal," sagte Kommissionsmitglied Gisle Weddegjerde dem Schwedischen Rundfunk.

Mit Hilfe von über 20.000 Dokumenten aus den Archiven der schwedischen Polizei haben unter anderem Brandschutz- und Schifffahrtsexperten, Feuerwehrleute und erfahrene Ermittler die Brandkatastrophe vor der schwedischen Westküste erneut untersucht und an deren 23. Jahrestag am Wochenende einen Bericht vorgelegt. Dazu beauftragt worden waren sie von einer Stiftung von Hinterbliebenen und Opfern des Unglücks.

Brandstifter in der Besatzung

Haupterkenntnis der Fachleute ist, dass das Feuer von der Besatzung gelegt worden sein soll - vermutlich um die Versicherung des Schiffes zu betrügen. Damit stellt man die Theorie der norwegischen Polizei in Frage, die kurz nach der Katastrophennacht im April 1990 die Brandursache auf einen 37-jährigen dänischen Lastwagenfahrer zurückgeführt hatte, der es unbeabsichtigt ausgelöst haben soll. Die Ermittlungen gegen den Dänen waren damals eingestellt worden, da er selbst an Bord der Scandinavian Star ums Leben gekommen war. Nun legen die Experten jedoch Beweise vor, wonach es auf der Fähre zu insgesamt vier unterschiedlichen Bränden gekommen sein soll. Der LKW-Fahrer sei allerdings bereits dem zweiten Feuer zum Opfer gefallen.

Stattdessen hätten Zeugen beobachtet, wie Besatzungsmitglieder Decken, Matratzen und anderes leicht brennbares Material in die Gänge des Schiffes gelegt und große Fensterscheiben eingeschlagen hätten, damit sich die Brände schneller ausbreiten konnten. Ventilation und Feuerlöschanlagen an Bord seien manipuliert gewesen und nach dem Eintreffen der Feuerwehr sei diese aktiv beim Löschen behindert worden.

Versicherungsgelder für Helfer

Kurz zuvor hatten die Eigentümer die Scandinavian Star neu und zu hoch versichert. Nach der Katastrophe bezahlte die Versicherung insgesamt 24 Millionen US-Dollar an die in Miami sitzende Eignergruppe der Fähre aus. Geld, von dem unter anderem der dänische Versicherungsmakler einen größeren Teil abbekommen haben soll. Aber auch der Maschinist des Schiffes war von Zeugen dabei beobachtet worden, wie er einen Umschlag mit, nach heutigem Kurs, umgerechnet etwa 100.000 Euro entgegennahm. Ein Indiz, das laut Expertenkommission darauf hindeutet, dass die Besatzung im Auftrag der Reederei gehandelt habe.

Dabei geht man im Bericht der Fachleute jedoch davon aus, dass die Brandstifter nicht damit gerechnet hatten, dass so viele Passagiere in den Flammen ihr Leben lassen könnten. Mit dem ersten kleinen Feuer hätte man eine Evakuierung des Schiffes einleiten und dann durch weitere Brände die Fähre so weit zerstören wollen, dass die Versicherungsprämie fällig geworden wäre, so die Theorie der Experten. Der Plan habe aber nicht funktioniert, da der wahrscheinlich viel zu leise Feueralarm nicht alle der knapp 500 Menschen an Bord aufgeweckt hatte und der zweite Brand schnell außer Kontrolle geriet. Darüber hinaus hatten Sicherheitsmängel und eine nicht ausreichend für Gefahrensituationen geschulte Besatzung dazu beigetragen, dass nicht mehr Menschenleben gerettet werden konnten.

Neue Ermittlungen wahrscheinlich

Überlebende und Angehörige damaliger Fahrgäste begrüßen die neue Untersuchung der Ereignisse, die nun, zwei Jahre vor Ablauf der Verjährungsfrist eventuell begangener Straftaten, veröffentlicht wurde: "Das war wirklich an der Zeit. Bei den Ermittlungen damals ist geschlampt worden," sagt zum Beispiel Martin Grande, der in der Unglücksnacht an Bord der Fähre war, dem Schwedischen Rundfunk.

Und auch wenn bereits von mehreren Seiten Kritik an der Expertenkommission und Details ihres Berichts laut geworden ist, deutet vieles darauf hin, dass die norwegische Polizei nun noch einmal in Sachen Scandinavian Star ermitteln muss. Erst vor gut einem Jahr hatte die Generalstaatsanwaltschaft in Norwegen beschlossen, den Fall nicht wieder aufzurollen. In dieser Woche treffen sich einige der Fachleute nun aber mit dem Polizeichef von Olso auf ein erstes Gespräch und Schifffahrtsexperte Gisle Weddegjerde hofft, dass dadurch ein neues Ermittlungsverfahren angestoßen wird:

"Wir wünschen uns, dass daraus ein Treffen wird, bei dem wir unsere Erkenntnisse mit kompetenten Polizisten hier in Norwegen auf vernünftige Art und Weise durchgehen können. Dies muss ja Skandinaviens größter Skandal aller Zeiten sein. Ich kann mir keinen größeren Rechtsskandal vorstellen, als den, den wir hier aufgedeckt haben."

Frank Luthardt

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