Gudrun Schyman
Feministische Initiative

Schyman: „Ich habe Lust auf Wahlkampf"

„Wir wollen die Schlips-Parade durchbrechen"
5:18 min

Die Nationalbühne der schwedischen Politik ist um eine schillernde Darstellerin reicher: Gudrun Schyman ist wieder da. Nach einem Abstecher in die Kommunalpolitik kehrt die 64-Jährige zurück ins Rampenlicht - am Wochenende wurde sie zur Parteisprecherin der Feministischen Initiative (FI) gewählt.

„Ein tolles Gefühl. Ich habe enorme Lust, mich wieder in einen Wahlkampf zu stürzen", so Schyman nach der Wahl zu dem Amt, das sie 2011 abgegeben hatte. Seither lag der Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit im südschwedischen Simrishamn. Ihren Neustart bei FI motiviert sie nun mit der Situation im Schweden des Jahres 2013: „Ich finde es erschreckend, wie sich die Gesellschaft derzeit entwickelt. Die Löcher im sozialen Schutznetz wachsen, es gibt Rückschläge für die Gleichberechtigung, immer deutlicher sichtbar werden Frauenhass und Rassismus."

„Schweden ist kein Musterland der Gleichberechtigung"

Im Zuge der in jüngster Zeit merkbar härter gewordenen schwedischen Debatte ist nicht zuletzt der Begriff „Feminismus" in den Geruch des Unzeitgemäßen geraten. Eine glasklare Aufforderung zum Handeln für die kampfeslustige Politikerin, die gerne mal aneckt und provoziert - so wie im Sommer 2010 auf der traditionellen Politikerwoche in Almedalen: Um auf Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern aufmerksam zu machen, verbrannte Schyman damals Geldscheine im Wert von mehr als 10.000 Euro. Den darauf folgenden Kritiksturm nahm sie gelassen; im Lauf ihrer politischen Karriere hat sie Skandale größeren Kalibers er- und überlebt.

Mission soziale Gerechtigkeit

Zur schwedischen Spitzenpolitik gehört Schyman seit 1993, als sie den Vorsitz der Linkspartei übernahm. Unter Führung der wortgewandten Soziologin vollzogen die früheren Kommunisten Anfang der 1990-er Jahre einen Imagewechsel und mauserten sich zur drittgrößten politischen Kraft. Als wichtigstes Motiv für ihren Einstieg in die Politik hat Schyman seit jeher soziales Engagement genannt. Prägend waren dabei Erfahrungen aus dem eigenen, bisweilen finanziell „klammen" Elternhaus: „Für meine Mutter war es ein großer Schritt, um Hilfe zu bitten. Aber es war gleichzeitig auch eine große Erleichterung, diese Hilfe zu bekommen. In einer Begegnung zwischen dem Sozialarbeiter und demjenigen, der Hilfe braucht, ist Würde ganz wichtig", so Schyman in einem Rundfunkinterview aus dem Jahr 1996.

Für die als Party-Löwin bekannte Politikerin kein leichtes Jahr: Nach einem öffentlichen Skandal outete sie sich als Alkoholikerin und begab sich in Behandlung. Ihrer landesweiten Popularität tat die Beichte keinen Abbruch, auch einen kurzzeitigen Rückfall verzieh man ihr. Erst als sie 2003 mit einer frisierten Steuererklärung ertappt wurde, war die Karriere in der Linkspartei vorbei.

Nächster Anlauf 2014

2005 gehörte Schyman zu den Mitbegründern der „Feministischen Initiative". Doch die Zauberformel „Gudrun" funktionierte nicht mehr wie einst: Trotz der Schützenhilfe von Super-Prominenten wie Benny Andersson von ABBA schaffte FI weder 2006 noch 2010 den Einzug ins Parlament. Kann es nun beim nächsten Anlauf klappen? Mehr als je zuvor, so Schyman, gelte es jetzt, die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu beleuchten, die noch immer zu wünschen übrig ließen - auch im viel gepriesenen „Musterland der Gleichberechtigung". „Wir leben nicht in einem gleichberechtigten Land", so die Politikerin. „Es gibt ja einen Mythos, der besagt, hier in Schweden hätten wir schon alles erreicht. Aber das stimmt nicht. Noch ist es nicht soweit, dass wir sagen können: Ob wir Frauen oder Männer sind - wir haben gleich viel Macht, unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten."

Um diese Botschaft an die Frau und den Mann zu bringen, schreckt Gudrun Schyman vor kühnen Erklärungen nicht zurück. So verglich sie in einer Rede 2010 die gesellschaftliche Diskriminierung schwedischer Frauen mit der Herrschaft der afghanischen Taliban. Mit Blick auf die Reichstagswahlen im kommenden Jahr dürfte Schyman dazu beitragen, die Temperaturen im Wahlkampf steigen zu lassen. Doch bevor es im September nächsten Jahres um Sitze im Stockholmer Parlament geht, fasst die einstige und neue Parteisprecherin die Europawahlen im Mai 2014 ins Auge. Dort werde die Feministische Initiative selbstverständlich antreten: „Wir wollen die Ideen des Feminismus und der Anti-Diskriminierung auf europäischer Ebene einbringen. Nach wie vor ist das EU-Parlament eine Schlips-Parade, und diese Schlips-Parade wollen wir durchbrechen."

Anne Rentzsch

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