Sollen alte Reaktoren wie hier in Ringhals durch neue ersetzt oder abgewickelt werden? Darüber wird derzeit wieder in Schweden diskutiert. Foto: Scanpix
Neue Kraftwerke oder Ausstieg

Braucht Schweden die Atomkraft noch?

Im zweiten Jahr in Folge ist eine Mehrheit in der schwedischen Bevölkerung für den Ausstieg aus der Kernenergie. Aber gibt es eigentlich Alternativen zum Atomstrom? Wie soll Schwedens Energieversorgung in Zukunft sichergestellt werden und welche Rolle spielt dabei die Kernkraft? Diese Fragen scheinen zunehmend auch außerhalb von Fachgremien Platz einzunehmen. Am Donnerstag waren Experten und Öffentlichkeit auf einer Konferenz in Stockholm zur Diskussion über die Risiken der Atomkraft geladen. Branchenvertreter zeigten sich dabei weitgehend unbeeindruckt vom derzeitigen Widerstand gegen die Kernenergie.

„Kern- und Wasserkraft, das sind die guten Technologien - diejenigen, die langfristig nicht das Klima schädigen. Also lasst uns auf diese setzen, zusammen mit Windkraft, Solarzellen und was man sonst noch so entwickeln kann, um die fossilen Energieträger zu bekämpfen, welche von den meisten Forschern als die große Bedrohung angesehen werden. Um das zu schaffen, werden wir es uns nicht leisten können, zu sagen, dass wir auf diese und jene Energiequelle verzichten können. Da bleibt dann nichts mehr übrig", sagt Professor Jan Blomgren im Interview mit Radio Schweden.

Blomgren ist Kernphysiker und steht dem Schwedischen Kerntechnischen Zentrum vor, einer Forschungseinrichtung, die an der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm angesiedelt ist und es sich zum Ziel gesetzt hat, die Atomindustrie in Schweden zu fördern. Das Zentrum erhält seine Mittel von Universitäten, Behörden und aus der Kernkraftsbranche und trägt damit zur Ausbildung von neuen Fachkräften für die Industrie und zur Nuklearforschung bei.

Professor: Gutes Sicherheitsniveau in schwedischen Kraftwerken

Blomgren meint, dass die schwedischen Atomkraftwerke heute sehr sicher seien und dass man um neue Reaktoren nicht herumkomme, wenn man die Energieversorgung der Zukunft sichern will: „Ich glaube, neue Kernkraftwerke werden gebaut werden, weil die Alternativen dazu noch weit weniger attraktiv sind."

Ähnlicher Meinung ist auch der pensionierte Kernphysiker Jan Olof Snihs, der den größten Teil seines Arbeitslebens mit der Erforschung von Radioaktivität und der Arbeit für verschiedene Strahlenschutzbehörden verbracht hat. Er hat zusammen mit seinen Kollegen von Riskkollegiet, einer unter anderem von mehreren staatlichen Behörden unterstützten Vereinigung zum Wissensaustausch in Fragen unterschiedlicher Risiken in der Gesellschaft, am Donnerstag in Stockholm eine Konferenz zum Thema Kernkraft und den damit verbundenen Gefahren organisiert.

Konferenz zu Gefahren der Kernenergie

Neben Jan Blomgren waren dort unter anderem Vertreter von Atomindustrie, Behörden und Umweltorganisationen eingeladen. Ziel war es, einer breiteren Öffentlichkeit Erkenntnisse dazu zu liefern, welche grundsätzlichen Risiken von der Kernkraft ausgehen, wie man damit heute umgeht und was Betreiber und Atomaufsicht aus der Katastrophe in Fukushima vor gut zwei Jahren gelernt haben.

Jan Olof Snihs selbst hat Vertrauen in die Sicherheit der schwedischen Kernkraftwerke und glaubt, dass sich auch die öffentliche Meinung zum Atomausstieg mittelfristig wieder drehen wird: „Klar, wenn ein Unglück geschieht, zieht das die Begeisterung für die Kernkraft nach unten. Aber nach einiger Zeit hat man das vielleicht vergessen und dann geht sie wieder nach oben, weil die Leute einsehen, dass sie Strom benötigen. Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der wir uns ständig allen möglichen Risiken aussetzen. Wie viele Leute fahren nicht zum Beispiel Auto? Und dabei weiß man ja, dass jedes Jahr um die 300 Menschen bei Autounfällen ums Leben kommen. Risiken muss man akzeptieren und tolerieren, sonst kann man in dieser Welt nicht leben."

Greenpeace fordert sofortigen Atomausstieg

Auf Seite der Umweltorganisationen sieht man die Frage völlig anders. Rolf Lindahl, der bei Greenpeace in Schweden für Kampagnen im Bereich Klima und Energie zuständig ist, sagte auf der Konferenz, dass die schwedischen Kernkraftwerke große Sicherheitsmängel aufwiesen und daher eigentlich sofort abgeschaltet werden sollten. Hierzulande müsse man auch gar nicht mit dem Risiko leben, dass von den Reaktoren ausgeht, denn bereits jetzt gebe es gute Alternativen für die Stromversorgung:

„Schweden hat weltweit mit die besten Voraussetzungen, was erneuerbare Energien angeht. Wir haben die Wasserkraft als eine sehr gute Basis und außerdem eine ganze Menge Biomasse. Wenn wir dies mit einem kräftigen Ausbau der Windkraft, aber auch der Sonnenenergie, ergänzen, haben wir ein sehr gutes Erfolgsrezept für Schweden, das die Energie, die wir benötigen, auch liefern wird."

Neubau nicht wirtschaftlich

Dass in der Öffentlichkeit nach vielen Jahren, in denen die Kernkraftkritiker insgesamt eher in der Minderheit waren, ein Atomausstieg nun mehrheitlich wieder positiv gesehen wird, sei mehr als nur eine Momentaufnahme, so Lindahl. Dies werde auch in den nächsten Jahren so weitergehen, schätzt der Greenpeace-Mann. Und trotz des Beschlusses der bürgerlichen Regierung aus dem Jahr 2010, nach dem die befindlichen schwedischen Reaktoren von den Betreibern grundsätzlich durch neue ersetzt werden dürfen, gebe es auf Seiten der Politik niemanden, der einen Neubau von Atomkraftwerken mit finanziellen Mitteln unterstützen wolle. Daher habe die Kernkraft in Schweden keine große Zukunft mehr:

„Ich glaube, dass sich die Atomkraft selbst abwickeln wird. Die bestehenden Reaktoren werden in nicht allzu ferner Zukunft aus Altersgründen geschlossen werden müssen. Und es wird sich zeigen, dass es viel zu teuer und unwirtschaftlich ist, neue Kernkraftwerke zu bauen. Das konnten wir ja bereits in Frankreich und Finnland beobachten, wo man derzeit neu baut und wo die Kosten in die Höhe geschossen sind. Ich glaube, dass es eine Zukunft für die Atomkraft gibt, aber in dieser wird es um Abwicklung gehen. Die wird auch viele Jahre in Anspruch nehmen und zahlreichen Menschen Arbeit geben."

Frank Luthardt

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