Seminar statt Sitzblockade - in Schweden zieht die Antiatombewegung die leisen Töne vor (Markus Schreiber / AP Photo / Scanpix)
Atomkraftgegner in der Mehrheit

Experte: „Kein Atomausstieg in Schweden in Sicht“

„Atomprotest wie im Seminar"
4:34 min

Obwohl eine Bevölkerungsmehrheit in Schweden die Abwicklung der Kernkraft wünscht, wird es hierzulande nicht zu einem Atomausstieg nach deutschem Vorbild kommen. Dies sagt Professor Jonas Anshelm von der Universität Linköping gegenüber Radio Schweden. Kernkraft habe sich in Schweden mittlerweile zu einem reinen Expertenthema gemausert. Die neue Anti-Atom-Mehrheit im Zuge der Fukushima-Katastrophe werde keine größeren politischen Folgen haben. Radio Schweden mit dem letzten Teil unserer Serie zum Stand der Atomdebatte in Schweden.

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1980 war ein Wendejahr für die schwedischen Atomgegner. Nach intensiven gesellschaftlichen Protesten und politischen Kämpfen hatte das Parlament einen Abwicklungsplan für sämtliche Reaktoren beschlossen – bis 2010 sollte das letzte Kernkraftwerk in Schweden stillgelegt werden. In den darauffolgenden 30 Jahren sollte sich das Blatt jedoch wieder zugunsten der Atomindustrie wenden. Im Jahr des geplanten Ausstiegs kippte das Parlament schließlich den früheren Beschluss zum Atomausstieg.

Doch auch an den Schweden ist die Katastrophe von Fukushima nicht spurlos vorbeigezogen. Im zweiten Jahr in Folge stellt sich eine schwedische Mehrheit hinter einen Ausstieg aus der Atomkraft. Laut Professor Jonas Anshelm von der Universität Linköping lassen sich allerdings keine Parallelen zu 1980 ziehen. Der Historiker hat die Entwicklung der schwedischen Kernkraft-Debatte bis zu ihren ersten Anfängen zurückverfolgt und glaubt nicht, dass es den für einen Atomausstieg nötigen Willen in Schweden heute noch gibt: „In den 70er Jahren besuchten Hunderttausende von Schweden Abendkurse, um mehr über die Energieproduktion zu lernen. Es gab damals eine enorme Protestbewegung, die sich stark zu diesem Thema engagierte und schließlich eine Volksabstimmung zur Kernkraft erzwang. Auch wenn sich heute in Umfragen eine Mehrheit gegen die Atomkraft stellt, so fehlt es eben an dieser Art des Engagements.“

Fukushima ohne Wirkung

Auch die Kernschmelze von Fukushima werde nicht dazu führen, dass das Thema Kernkraft mehr politische Bedeutung erlangt. „Die Nachwirkungen von Tschernobyl waren noch nach einem Jahr in der schwedischen Debatte zu spüren. Fukushima hat bei weitem nicht solche Auswirkungen, völlig im Gegensatz zu Deutschland und seinen politischen Reaktionen auf die Katastrophe. In Schweden sagt man nur: Zum Glück gibt es bei uns keine Erdbeben.“

Dementsprechend wenig Interesse besteht laut Anshelm seitens der Politik, trotz der Atom-Ausstieg-Mehrheit das Thema zur Wahl 2014 aufzugreifen. „In der Regierungskoalition hat die Zentrumspartei als ursprünglich einzige atomkritische Partei im bürgerlichen Lager ihren Widerstand inzwischen völlig eingestellt. Andere bürgerliche Parteien und auch die Sozialdemokraten sind in weiten Teilen für die Atomkraft. Als Gegner bleiben lediglich Linkspartei und die Grünen, die zusammen nicht mehr als etwa 15 Prozent der Stimmen ausmachen.“

Zahnlose Atomkraftgegner

Woher aber kommt diese Zurückhaltung in einem derart umstrittenen Thema, das in anderen europäischen Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder Italien nach Fukushima ganz oben auf der politischen Agenda stand? Für Anshelm spielt die Anti-Atombewegung hierzulande eine Hauptrolle. Anstatt den Protest in die Bevölkerung zu tragen, führe man reine Expertendebatten mit der Atomindustrie und Regierungsvertretern. Solche Debatten, die hauptsächlich um technisch-wissenschaftliche Details kreisen, würden nur selten an die Öffentlichkeit getragen und könnten so auch kein Protestpotential entfalten, so Anshelm.

Ausgelöst wurde diese neue Strategie der Atomkraftgegner vor allem durch den demokratischen Beschluss der Gemeinden Oskarshamn und Östhammar, auf ihrem Gebiet ein Endlager für radioaktiven Abfall zu bauen. „Es war ein schlauer Schachzug der Atomindustrie Anfang der 1990er Jahre nach zusammenarbeitswilligen Gemeinden zu suchen. Oskarshamn und Östhammar waren besonders geeignet, da dort bereits AKWs stehen und die Akzeptanz in der Bevölkerung größer ist aufgrund der dadurch entstehenden Arbeitsplätze. Nachdem die Gemeinden für das Endlager gestimmt haben, haben die Atomkraftgegner ihre Strategie geändert. Anstatt in der Bevölkerung nach Rückhalt zu suchen, suchte man als Experte den Dialog mit der Regierung und der Atomindustrie“, erklärt Jonas Anshelm.

Zahme Protestkultur

Letztlich spiele auch die in Schweden übliche Protestkultur eine endscheidende Rolle: „In Deutschland stellen Bauern ihre Traktoren in die Quere oder ketten sich Gymnasiallehrer an Eisenbahnschienen an, um Castor-Transporte zu stoppen. Diese Art des zivilen Ungehorsams gibt es nicht in Schweden. Hier argumentiert die Atom-Opposition eher damit, dass die Vorschläge der Kernkraftindustrie auf wissenschaftlich schlecht fundiertem Boden stehen. Die hierzulande ausgetragene Auseinandersetzung ähnelt eher der eines Seminars.“

Hansjörg Kissel

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