Wenig Betrieb auf dem flachen Land (Foto: Janerik Henriksson/Scanpix)
Landflucht

Der stille Tod der ländlichen Idylle

„Alle ziehen nach Stockholm"
5:44 min

Schweden wird immer mehr zu einem zweigeteilten Land: Während die Großstädte und vor allem Stockholm immer weiter wachsen, flieht die arbeitsfähige Bevölkerung aus den ländlichen Regionen. Das hat für viele Kleinstädte und Gemeinden verheerende Folgen – sie gehen einem stillen Tod entgegen. Und es gibt wenig Hoffnung auf eine Trendwende.

Wälder, Wiesen, nette rote und gelbe Holzhäuschen – der Ort Ställdalen in der mittelschwedischen Region Bergslagen erscheint bei der Durchfahrt als eine Idylle. Doch anhalten tun hier nur wenige – bleiben die allerwenigsten. Im Gegenteil: Das Dorf ist nahezu verlassen. 19 Geschäfte gähnen leer auf der Hauptstraße. Für die 78-jährige Bewohnerin Marianne Jansson ist der Einkauf ein Angang. Es gibt keinen Dorfladen. Sie muss mit dem Bus ins benachbarte Kopparberg.

„Ich habe schon ein Auto. Aber seit meinem Schlaganfall darf ich nicht mehr fahren“, erzählt sie dem Schwedischen Fernsehen. Einziger Treffpunkt ist ein provisorisch eingerichtetes Cafe. Dort trifft sie ihre Nachbarn. Die zählen fleißig auf, was es in Ställdalen einmal gegeben hat: „Wir hatten einen Bahnhof – der wurde abgerissen. Ein Lebensmittelgeschäft, Coop, einen Textilladen.“

Kampf um einen neuen Dorfladen

Jetzt kämpfen die Bewohner darum, dass sich wenigstens wieder ein Dorfladen etabliert. Aber die Aussichten sind trübe, denn Ställdalen hat immer weniger Bewohner. Die arbeitsfähigen jüngeren Bewohner ziehen in die Stadt – mit schlimmen Konsequenzen für das Land, wie der Professor für Kulturgeographie der Universität Uppsala, Erik Westholm, erklärt: „Das Resultat sind Kommunen mit sehr alten Einwohnern. Immer weniger sind auf dem Arbeitsmarkt. Der Arbeitsmarkt funktioniert immer schlechter. Das Steuereinkommen sinkt. Das erhöht die Spannungen weil das ja anderswo kompensiert werden muss.“

Ewa-Lena Johansson ist die Bürgermeisterin von Ljusnarsberg, der Gemeinde zu der auch Ställdalen gehört. Sie weiß genau, wovon Professor Westholm spricht: „Unsere Kommune hat gerade mal 4.800 Einwohner. Wir haben aber eine Infrastruktur aus den Zeiten als wir knapp 11.000 Einwohner waren. Wir haben genauso viel Straßen, Wasserleitungen, Abwasserentsorgung, Müllabfuhr wie damals. Dazu kommen Pensionsschulden. Alle diese Ausgaben müssen nun von 30-40 Prozent der Bevölkerung getragen werden. Darüber hinaus gibt es immer weniger berufstätige Dorfbewohner ist. Das trägt sich auf lange Sicht nicht mehr.“

Billiges Wohnen als Problem

Ganze Miethäuser wurden in Ljusnarsberg abgerissen. Es gab zu wenig Bedarf. Während in Stockholm ein eklatanter Wohnungsmangel herrscht, und die Immobilienpreise nahezu stetig steigen, gibt es auf dem Land ein Überangebot. Das führt dazu, dass sich sozial Schwache dann in Orten wie Ställdalen eine Bleibe suchen. Die sozialdemokratische Bürgermeisterin ist über diese Entwicklung nicht gerade begeistert: „Das ist eine Herausforderung, weil wir letztendlich an diese Personen auch noch Sozialhilfe zahlen müssen.“

So wie in Bergslagen geht es auch vielen Kommunen in Nordschweden. Die Entwicklung vollzieht sich rapide. Der Bezirk um Ådalen in der Provinz Ångermanland hatte zum Beispiel 1960 noch 128.000 Einwohner aktuell sind es 63.000. Hält die Entwicklung weiter an, gibt es in 60 Jahren niemand mehr dort.

Stadträtin Matilda Nilsson zeigt die Räumlichkeiten eines der einst modernsten Krankenhäuser Schwedens. Jetzt steht das Gebäude leer. „Hier oben saß der Krankenhausdirektor. Da waren auch die Verwaltungsbüros. Es gab eine Entbindungsstation, Röntgen usw.“

In 30 Jahren leer

Auch in Bollstabruk sieht es nicht viel anders aus. Nur dass hier schon in 30 Jahren niemand mehr wohnen wird, wenn die Entwicklung weiter anhält. Rolf Ståhle und seine Frau werden bleiben, auch wenn es schmerzt: „Das ist traurig. Wenn man hier durchfährt. Wie das aussieht – die Häuser. Das ist tragisch, wenn hier alle wegziehen. Aber wenn man keine Arbeit hat, was soll man dann machen?“

Professor Lars Westin von der Universtät Umeå erinnert daran, dass viele der Orte einen wirtschaftlichen Entstehungsgrund haben: „Manche dieser Orte sind für einen bestimmten Zweck gegründet worden. Meist für die Forstbetriebe. Die Orte müssen jetzt transformiert werden und eine neue Attraktivität gewinnen. Das kann zum Beispiel der Tourismus sein, oder eine andere Art von wirtschaftlicher Tätigkeit.“

Hoffnung auf Bodenschätze

Der große Boom bleibt jedoch meist aus in Nordschweden. Nur selten finden Touristen hierher. Ein Flughafen ist häufig weit entfernt. Lichtblicke geben Uran- und Erzvorkommen, die abgebaut werden sollen. Professor Westin hofft darauf, dass die Region davon profitiert. „Wichtig ist, dass nicht die Einnahmen durch nordschwedische Ressourcen dazu verwendet werden, um hinter missglückten Unternehmen aufzuräumen. Oder dass in Infrastruktur investiert wird, die fast nur einem einzigen Unternehmen zu Gute kommt. Die Gewinne der nordschwedischen Ressourcen müssen in Nordschweden bleiben.“

Gezielte Maßnahmen von Seiten der Regierung sind dünn gesät. Zu dürftig sind die Zukunftsaussichten. Und nur wenige halten durch wie Tankstellenbesitzer Arne in Ställdalen. Er möchte seine Tanke noch lange nicht zumachen. „Alle ziehen nach Stockholm. Das ist nicht gut. Das Land muss doch leben.“

Dieter Weiand

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