Brände und Vandalismus

Krawalle in Stockholm breiten sich weiter aus

In der Nacht zum Mittwoch kam es zum dritten Mal in Folge zu Ausschreitungen in Vororten von Stockholm. Randalierer legten in mehreren Stadtteilen Brände, schlugen Fensterscheiben ein und bewarfen Polizisten mit Steinen. Insgesamt acht Personen wurden festgenommen.

Unterdessen werden die Einsatzkräfte von mehreren Seiten beschuldigt, die Gewaltausbrüche durch provokatives Verhalten selbst weiter anzufachen. Für den Mittwochabend ist nun eine Demonstration geplant, die der friedlichen Mehrheit der Einwohner ein Forum zur Meinungsäußerung bieten will. 

Unruhige Nacht in zahlreichen Vororten

Auch die vergangene Nacht war für viele Einwohner der Vororte von Stockholm wieder eine unruhige. Von Husby und Kista im Norden bis Norsborg und Flemingsberg im Süden brannten Autos, Müllcontainer und andere Gegenstände auf öffentlichen Plätzen. Eine Kunsthalle wurde angezündet und eine Polizeistation vandalisiert. Einsatzkräfte seien dabei mit Steinen beworfen worden, teilte die Polizei mit.

Die Täter sind zumeist Jugendliche, die in Gruppen auftreten. Doch anscheinend handelt es sich dabei nicht immer um Bewohner der tatsächlich von den Krawallen betroffenen Stadtviertel, wie ein junger Beteiligter einem Radio Schweden-Reporter berichtet:

"Wir standen auf der Brücke zwischen dem Supermarkt und der U-Bahn-Station und dann tauchten auf einmal Leute auf, die wir nicht kannten. Sie begannen Sachen anzuzünden und zu werfen. Daraufhin sind wir auf sie losgegangen. Wir sagten ihnen, dass sie verschwinden sollen: "Ihr wohnt nicht hier, warum kommt ihr hierher und randaliert?" Darauf haben sie aber geschissen und es fing eine Schlägerei zwischen uns Jugendlichen an. Dann kamen allerdings Polizisten mit ihren Hunden. Und als sie die Hunde auf uns losließen, richteten alle ihren Fokus stattdessen auf die Polizei und gingen auf die los."

Heftige Kritik an der Polizei

Der junge Mann, der dem Reporter seinen Namen nicht nennen wollte, ist nicht der Einzige, der auch den Polizeieinsatz kritisiert. Zahlreiche andere Augenzeugen berichten von Übergriffen auf Unbeteiligte, rassistischen Äußerungen und einem allgemein provokativen Auftreten der Staatsmacht während der nächtlichen Ausschreitungen.

Zudem ist die Wut auf die Polizei noch immer groß, nachdem bei einem Einsatz in der vergangenen Woche ein 69-jähriger Mann in seiner Wohnung im Stadtteil Husby erschossen worden war - ein Ereignis, das von vielen als der Auslöser der Krawalle angesehen wird. Die Ordnungshüter wären bei diesem Einsatz viel zu gewalttätig vorgegangen und hätten im Nachhinein falsche Angaben zu den Todesumständen des Mannes verbreitet, so der Vorwurf.

Ordnungshüter nicht im Stadtteil verwurzelt

Arne Johansson vom Netzwerk Järvas Framtid, das sich für die Bewohner der nordwestlichen Vororte der Hauptstadt einsetzt, meint, dass die Polizei ihr Auftreten überdenken sollte: "Wenn ich in Husby Polizisten sehe, dann fahren diese mit dem Kleinbus durch die Fußgängerzone. Ich habe noch nie einen Polizisten getroffen, der zu Fuß unterwegs ist und versucht, in der Gegend Beziehungen zu den Bewohnern aufzubauen."

Im Stadtteil fest verwurzelte Ordnungshüter könnten jedoch entscheidend dazu beitragen, dass Einsätze korrekt und professionell abliefen. Das meint zumindest die Kriminologin Tove Pettersson von der Universität Stockholm: "Dadurch, dass diese Polizisten in ihren Stadtteil zurückkehren und die dort lebenden Menschen jeden Tag aufs Neue treffen müssen, wird der Anreiz dazu geschaffen, sich anders zu verhalten. Sie müssen ja wirklich mit den Bewohnern übereinkommen, sonst wird es sehr schwer, in dem Gebiet zu arbeiten. Auf diese Weise führt die lokale Verankerung auch zu einer Art Kontrolle der gesamten Polizei."

Pettersson betont, dass sich negative Erlebnisse im Umgang mit den Ordnungshütern viel stärker im Gedächtnis der Menschen festsetzten als die alltägliche positive Arbeit der Polizei. Auch die von lokal verwurzelten Polizisten eventuell aufgebauten Beziehungen könnten von mit aller Härte auftretenden anderen Einsatzkräften schnell zunichte gemacht werden, gibt die Kriminologin zu bedenken.

Ministerpräsident steht hinter der Polizei

Trotz aller Kritik am Einsatz der vergangenen Tage stellte sich Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz am Dienstag hinter die Polizei: "Den Kern der Ausschreitungen bildet eine Gruppe von Gewalttätigen, die an Gewalt als Methode glauben, die finden, dass man mit Gewalt die Gesellschaft verändern sollte und die meinen, dass sie die schwedischen Gesetze nicht befolgen müssten. Und hier will ich meine Unterstützung gegenüber der Polizei zum Ausdruck bringen. Sie tut das, was wir auf demokratischem Wege beschlossen haben."

Anschuldigungen wegen unnötiger polizeilicher Gewalt oder rassistischen Äußerungen müssten ernst genommen werden, so Reinfeldt. In der derzeitigen Situation gehe es aber vor allem darum, die Ruhe in den Vororten wiederherzustellen. Dazu müssten alle, auch die Polizei, ihren Beitrag leisten, meint der Ministerpräsident.

Demonstration der friedlichen Bewohner

Viele Bewohner der betroffenen Stadtteile, von denen sich die große Mehrheit friedlich verhält, wollen die Krawalle nicht einfach hinnehmen. Bereits am Dienstag hatten sich am frühen Abend in Husby zahlreiche Menschen auf den Straßen versammelt, um zu zeigen, dass sie gegen Gewalt sind und in einem ruhigen Viertel leben wollen. Für den Mittwochabend plant das Netzwerk Järvas Framtid nun eine große Demonstration, zu der alle Einwohner eingeladen sind.

"Friedfertige Bewohner von Husby müssen jetzt auf die Straße gehen und die Situation beruhigen; zusammenkommen und die Lage diskutieren. Und das ist es, was wir heute versuchen wollen. Wir werden ein offenes Mikrofon haben, über das jeder, der will, kundtun kann, was er auf dem Herzen hat", so Arne Johansson von Järvas Framtid.

In den kommenden Nächten wird sich zeigen müssen, ob die Demonstration tatsächlich den von vielen geforderten intensiveren Dialog zwischen Bewohnern, Behörden und Einsatzkräften einleiten und die aufgeheizte Stimmung allmählich abkühlen kann.

Frank Luthardt

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista