Ausschreitungen in der Hauptstadt

Stockholmer wehren sich gegen Krawalle

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Auch in der Nacht zum Donnerstag gab es in mehreren Stadtteilen Stockholms Krawalle. Wie in den Nächten zuvor wurden Autos in Brand gesteckt und Polizisten und Feuerwehrmänner mit Steinen beworfen. Erstmals haben die Einwohner der Stadtviertel versucht, dem gewaltsamen Treiben mit Manifestationen und Nachtpatrouillen entgegenzuwirken. Die Polizei hat unterdessen die ausführliche Medienberichterstattung über die Krawalle scharf kritisiert.

Die Stockholmer haben zum vierten Mal in Folge in dieser Woche eine unruhige Nacht hinter sich gebracht. Die anhaltenden Krawalle sind das absolute Stadtgespräch in diesen Tagen; viele Einwohner fragen sich, ob ihr Viertel wohl als nächstes dran sein wird. In der Nacht zum Donnerstag waren laut Polizeiangaben mindestens 15 Gegenden betroffen – allesamt außerhalb der Innenstadt gelegen. Die Stockholmer Feuerwehr musste laut Berichten des Schwedischen Fernsehens etwa 90 Mal ausrücken, um in Flammen stehende Autos, brennende Geschäfte und Vereinslokale zu retten.

Im Zentrum der Krawalle standen in dieser Nacht unter anderem die südlichen Vororte Hagsätra, Rågsved und Skogås. Etwa 30 maskierte Jugendliche lieferten sich in Hagsätra eine Straßenschlacht mit der Polizei, warfen Steine auf Streifenwagen und Fensterscheiben. In Rågsved wurde an der örtlichen Polizeistation Feuer gelegt, und auch in Kista im Nordwesten der Stadt bewarfen Jugendliche eine Polizeiwache mit Molotowcocktails.

Widerstand der Einwohner

Nach den zahlreichen Konfrontationen zwischen Polizei und Jugendlichen in den vergangenen Nächten haben sich nun erstmals die Einwohner der Stadtteile zum Widerstand zusammengeschlossen. Im nördlichen Husby, in dem die Krawalle ihren Anfang nahmen, hatte ein Netzwerk junger Frauen mit dem Namen „Streetgäris“, was umgangssprachlich etwa Straßenmädchen bedeutet, zu einer Gegendemonstration aufgerufen. „Die Mädchen müssen jetzt aufstehen und sich zeigen“, sagte die Demonstrantin Ayan Guled im Schwedischen Rundfunk. „Es gibt einfach so viele Jungs, die Sachen kaputt machen wollen. Ich verstehe ja, was sie damit erreichen wollen, aber es gibt doch so viele andere Möglichkeiten, dies zu tun. Es ist sehr schade, dass alles so gekommen ist.“

Einige Hundert Demonstranten waren bei der Versammlung im Zentrum Husbys zusammengekommen. In dem Vorort war es in dieser Nacht vergleichsweise ruhig geblieben – laut sogenannter Nachtwanderer nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Erwachsenen, die zwecks Deeskalation in den Straßen patrouilliert haben. „Die beste Art, gegen die Krawalle vorzugehen, ist wenn sich so viele wie möglich auf der Straße zeigen“, sagte einer der Nachtwanderer, Fabian Rotelius. Ein anderer, der sich Håkan nennt und lieber nicht seinen Nachnamen angibt, stimmt zu: „Es scheint zum jetzigen Zeitpunkt zwar unruhig, aber doch unter Kontrolle zu sein. Sehr viele Erwachsene sind raus gegangen auf die Straßen. Es sind auch nicht allzu viele Polizisten hier – das hält die Stimmung ruhig.“

Medienberichterstattung kritisiert

Die Stockholmer Ausschreitungen sind das Top-Thema der schwedischen Medien in dieser Woche mit dementsprechend umfassender Berichterstattung. Viele Bewohner der Vororte machen die Medien für die Ausbreitung der Krawalle mitverantwortlich. „Lauf schnell, du verpasst vielleicht ein bisschen Feuer“, rufen Einwohner von Husby einem Fotografen zu. Oder: „Filme keine brennenden Autos. Filme lieber die weinenden Omas in Husby“, wird einem Kamerateam des Privatsenders TV4 gesagt.

Auch Johnny Lindh von der Polizei in Weststockholm nimmt in einem Interview im Schwedischen Fernsehen die Journalisten in die Pflicht: „Das mediale Interesse ist enorm. Die beiden größten Abendzeitungen sind 24 Stunden vor Ort und senden live im Internet. Für diejenigen, die Aufmerksamkeit wollen, bietet dies eine unglaublich attraktive Arena.“

Lokaljournalisten wie Rouzbeh Djalaie vom Stockholmer Lokalblatt „Norra Sidan“ sehen eine eindeutige Wechselwirkung zwischen den Medien und den gewalttätigen Jugendlichen. Sobald es in den Vororten brenne und Steine geworfen würden, so wimmle es dort nur so von Journalisten. Die Medien und diejenigen, die für die Ausschreitungen verantwortlich sind, spielen einander in die Hände, so der Lokaljournalist gegenüber der Zeitung Medievärlden.

Der Chefredakteur der auflagenstarken Boulevardzeitung Expressen, Thomas Mattsson, verweist auf seinem Blog allerdings auf die Informationspflicht der Journalisten. Live-Berichterstattung vor Ort würde der Mythenbildung der Ereignisse entgegenwirken, da alle unmittelbar an dem Geschehen teilhaben können.

Letztlich sind Krawalle in Vororten schwedischer Großstädte auch kein neues Phänomen. Bereits 1991 war es zu Randalen im Stockholmer Stadtteil Rinkeby gekommen. Traurige Berühmtheit hat inzwischen vor allem das Malmöer Viertel Rosengård mit immer wiederkehrenden Schlagzeilen erlangt. Dort war es unter anderem im Winter 2008 zu tagelangen Ausschreitungen mit brennenden Autos, zerstörten Geschäften und Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen.

Hansjörg Kissel / SVT / SR Ekot

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