Krawalle in Stockholm

Husby und das Gerangel um die Ursachen

6:11 min

Während die nächtlichen Ausschreitungen von Jugendlichen in der schwedischen Hauptstadt weiter anhalten, wird in der Öffentlichkeit erbittert über die Ursachen der Krawalle gestritten. Traditionelle linke, rechte und konservative Argumente rangeln dabei um die Deutungshoheit; versuchen, politischen Profit aus den Krawallen zu schlagen.

Gleichzeitig treten zunehmend Sozialarbeiter und Lokalpolitiker aus den betroffenen Vororten in den Vordergrund, die glauben, dass die vorherrschenden Probleme nur noch in den Vierteln selbst gelöst werden können. Viele Einwohner von Husby, Kista und anderen Stockholmer Vororten denken unterdessen nur noch ans Wegziehen.

„Ich werde hier wegziehen. Sobald es nur irgendwie geht“, sagt eine Bewohnerin des Stadtteils Kista. „Es ist jetzt so vieles hier passiert, und mir reicht es einfach.“ In der fünften Nacht in Folge haben in Kista und anderen Stockholmer Stadtteilen Autos, Vereinslokale, Geschäfte und nun erstmals auch ein Wohnhaus gebrannt.

Wenig Verständnis für Randale

Die Einwohner der betroffenen Viertel sind müde und frustriert über die anhaltenden Krawalle. Für randalierende Jugendliche haben sie dementsprechend wenig Verständnis: „Man muss hier hart durchgreifen. Die Verantwortlichen müssen ordentliche Strafen erhalten. Nur so können wir dieses Problem lösen“, sagt ein aufgebrachter Einwohner im Stockholmer Vorort Husby. „Das mit dem Steinewerfen ist einfach katastrophal. Man kann sich wirklich auf anderem Wege zur Wehr setzen. Man darf doch nicht Privatpersonen in Mitleidenschaft ziehen“, meint die Bewohnerin Maria im Schwedischen Fernsehen.

Sie wohnt in direkter Nachbarschaft zu der Husbyer Wohnung, in der am Montag vergangener Woche ein 69 Jahre alter Mann von der Polizei angeschossen und tödlich verletzt wurde. Ein Vorfall, der laut vielen Beobachtern die Stockholmer Krawalle ursprünglich ausgelöst hat. Junge Bewohner der Vororte berichten in Talkshows und Internetforen von täglichen Schikanierungen durch die Polizei, die zu anhaltender Frustration führen und sich schließlich in Form von Randalen entladen würden: „Die Polizei verhält sich völlig falsch. Ständig halten sie einen an, fragen einen aus, führen Leibesvisitationen durch. Gehe ich mit meinem Hund spazieren, so geschieht es regelmäßig, dass ein Polizeihubschrauber vorbeifliegt, über mir in der Luft stehenbleibt und mich beobachtet. Das ist so provozierend“, erzählt Patrick Nielson aus Husby.

Politische Revolte der Vororte?

Aufgrund eben solcher Berichte haben linksgerichtete Jugendorganisationen wie „Megafonen“ die Stockholmer Krawalle als eine politische Revolte der Vororte beschrieben. Der Frust von Jugendlichen, die aufgrund ihrer Hartfarbe und ihres Akzents tagtäglich gepiesackt würden, sei nur verständlich, so „Megafonen“ in einer Presseerklärung. Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen und struktureller Rassismus seien die Ursachen der jetzigen Ereignisse.

Dass es sich bei Husby, in dem die Ausschreitungen ihren Anfang nahmen, um ein soziales Problemgebiet handelt, lässt sich kaum von der Hand weisen. Im Vergleich zur Stockholmer Innenstadt leben hier doppelt so viele Menschen, die keine Arbeit haben, zeigt eine Untersuchung der Stadt Stockholm. Die Erwerbstätigen von Husby verdienen zudem nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was ein Bewohner der Innenstadt jährlich an Gehalt bezieht. Für Sozialdemokraten wie Anders Lindberg, der auch für die Abendzeitung Aftonbladet schreibt, sind diese Benachteiligungen unter der jetzigen bürgerlichen Regierung noch verstärkt worden. „Diese Regierung hat die sozialen Unterschiede zwischen denen mit und denen ohne Arbeit in den letzten sieben Jahren aktiv verstärkt. Die Gewinner dieser Politik sitzen in Gegenden wie Täby oder Danderyd. Die Verlierer aber wohnen in Husby. Diese Politik hat ein Pulverfass geschaffen, und schon ein winziger Funken kann es zum Explodieren bringen, wie wir jetzt ja sehen können.“

Konservative: Vororte werden nicht vernachlässigt

Vertreter der Konservativen betonen unterdessen, dass die Stockholmer Vororte keinesfalls von der Regierung vernachlässigt würden. Umgerechnet über 50 Millionen Euro seien allein in spezielle Vorortsprojekte investiert worden, schreibt der Beauftragte für äußere Stadtgebiete, Joakim Larsson, in der Tageszeitung Svenska Dagbladet. Jugendlokale und Plattformen für Organisationen, Unternehmen und Kommunen seien dabei geschaffen worden.

„Ich bin in diesen Vororten großgeworden“, erzählt Arin Karapet von den Konservativen. „Meine Mutter war arbeitslos und später krankgeschrieben. Ich hatte also offenbar auch viele Gründe, zu randalieren. Ich habe es aber nicht getan. Es handelt sich hier nur um einen Opferstempel der besagt, dass du wegen deines Namens oder Aussehens zum Verlierer werden musst. Das stimmt aber nicht – viele haben es doch geschafft.“

Sind die Eltern schuld?

André Ekk betreibt einen Autoverleih im Norden Stockholms. Im Zuge der Ausschreitungen sind vier seiner Wagen komplett ausgebrannt. Für ihn trägt eindeutig nicht die herrschende Sozialpolitik die Schuld, sondern die Familien der randalierenden Jugendlichen: „Ich komme auch aus dem Vorort Tensta und bin dort zur Schule gegangen. Warum bin nicht ich auf die schiefe Bahn geraten? Wegen meiner Eltern natürlich. Wenn ein Zwölfjähriger sich nachts auf der Straße herumtreibt und Steine schmeißt, da frage ich mich doch nur: Wo sind seine Eltern?“

Dass der Graben zwischen sozialen Gewinner- und Verlierervierteln in der schwedischen Hautstadt immer breiter wird, kommt verstärkt in Gesprächen mit Sozialarbeitern zum Ausdruck. Fahed Luyombya ist Jugendarbeiter in Husby und glaubt, dass die Probleme in seinem Viertel nur noch innerhalb des Quartiers selbst gelöst werden können: „Wir brauchen mehr Kräfte hier, die direkt aus unseren Stadtteilen kommen und sich hier auskennen. Das gilt für alle Bereiche, also die Politik, die Polizei, die Sozialarbeit und so weiter. Leute, die sich mit der Frustration der jungen Menschen auskennen und wissen, wo man ansetzen muss. Was wir hier nicht brauchen sind Leute, die von außerhalb kommen, Entscheidungen fällen und dann wieder nach Hause gehen.“

Hansjörg Kissel

Zwei Schulen in Brand

Auch in der Nacht zum Freitag gingen die Ausschreitungen in Stockholmer Vororten weiter. Polizei und Rettungsdienste mussten 60 Einsätze fahren, darunter zu zahlreichen Autobränden.

Zwei Schulen in den Vororten Tensta und Kista wurden in Brand gesteckt, wobei die eine Schule völlig ausbrannte.

Mehrere Polizeistationen wurden mit Steinen beworfen, darunter auch in den an Stockholm angrenzenden Gemeinden Haninge und Södertälje.

Die Polizeileitung hat mitgeteilt, für das bevorstehende Wochenende Zusatzkräfte bereitzustellen.

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista