Aus „Det sovande folket" und Fredrik Reinfeldt 1996 (Foto: Teater Alma und Leif R Jansson/Scanpix)
Das schlafende Volk

Polittheater mit Regierungsgrundsätzen

„Man kann am Sozialstaat sterben“
5:24 min

Politisches Theater kommt in Schweden selten auf die Bühne. Aber im Stockholmer „Teater Alma“ hat ein Bühnenwerk Premiere, das auf einem fast vergessenen politischen Buch basiert. 

Aus „Ich verlass mich nicht auf meinen Autopiloten. Statt dessen drücke ich mich zukunftsorientiert mit Wärme und Offenheit aus. Der Stolz über das Land Schweden und die Schweden durchdringt meine Ausdrucksweise. Ich bin nie grau oder politisch distanziert. Ich spreche mit euch.

Die Schweden sind mental behindert! Punkt!“

Die Neufassung eines Klassikers von Brecht? Ein bisher unbekanntes Stück von Peter Weiss? Weit gefehlt: Die Bühnenbearbeitung eines Buchs von Fredrik Reinfeldt!

1993 veröffentlichte der heutige Ministerpräsident sein politisches Ideenprogramm „Det sovande folket“ (Das schlafende Volk). Der damals 28-Jährige beschrieb, was seiner Ansicht nach in Schweden schief ging und wie das Land zu einem besseren Ort auf der Welt werden könnte. Die Schrift fand wenig Beachtung.

Schlecht geschrieben

Nun hat die Dramatikerin Johanna Emanuelsson sie für die Bühne umgearbeitet.

„Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen hab, war ich richtig erschrocken, weil es so schlecht geschrieben ist. Und außerdem, weil die Gedanken, die Reinfeldt darin ventiliert, für mich so naiv sind. Ich habe eine Analyse vermisst.“

Gerade seine Mängel reizten die 27-jährige Dramatikerin dazu, etwas aus dem Text zu machen, sagt sie.

„Meiner Ansicht nach ist die Hauptthese, dass der Sozialstaat eine unmögliche Konstruktion ist und den Menschen am Ende so gefährlich werden kann, dass sie sterben.“

Das „Schlafende Volk“ enthält in seiner Originalversion sowohl konkrete politische Handlungspläne als auch fiktive Texte. Reinfeldt beschreibt eine dystopische, sozialdemokratisch geprägte Gesellschaft, mit misslungenem Sozialstaat, passiven Menschen und frustrierten Politikern.

Im Kopf von Fredrik Reinfeldt

Zwei Sorten von Personen kommen in diesem mehr als 20 Jahre alten Buch vor:

Erstens die, die ständig vor der Glotze hängen. Sie haben eine Fernbedienung am Arm, mit der sie ihr Leben kontrollieren. Sie brechen schließlich zusammen und sterben. Schlafhirne nennt Reinfeldt sie. Gelangweilte Menschen, die den Wohlfahrtstod sterben.

Zweitens die Verrückten, die für den Sozialstaat schuften und aufgeschlossen sind. Vermutlich nennt Reinfeldt sie Verrückte, weil sie sich anstrengen, ohne dass es ihnen etwas einbringt.

Neue Gruppe

„Ich war um viertel vor acht auf der Arbeit. Es ist immer schön, die anerkennenden Blicke zu spüren. Morgens immer schön pünktlich sein!“ skandieren die sieben Schauspieler auf der Bühne.

Die Dramaturgin hat zusätzlich eine dritte Personengruppe im Theaterstück untergebracht: Menschen, die ohne soziales Schutznetz leben und nicht zur Gesellschaft gehören. „Er hat eine Gruppe vergessen. Es gab sie damals und es gibt sie heute. Diese Menschen sollen ihre Geschichte auch erzählen!“

Wirtschaftskrise

Die Journalistin Anita Kratz las Reinfeldts Buch 1993 und reagierte damals mit einer eigenen Artikelserie, die ebenfalls „Det sovande folket“ hieß.

„1993, befand Schweden sich in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Die Jugendorganisationen von Sozialdemokraten und Konservativen diskutierten, inwieweit die Gesellschaft zu viel konsumiert hatte. Insofern waren die Ansichten Reinfeldts als Vorsitzender der Jungkonservativen damals nicht gerade umwälzend.“

Dieselben Ideale

Kratz sieht keine großen Unterschiede zwischen den Gedanken des 28-jährigen Reinfeldt und seinen heutigen als Parteivorsitzender und Regierungschef. Allerdings habe er damals wesentlich kategorischer geklungen als heute. Der Leitstern des Regierungschefs sei nach wie vor: Arbeit statt Stütze.

Dramatikerin Johanna Emanuelsson möchte mit ihrem Bühnenstück mehr als nur Kritik an der konservativen Partei, Moderaterna, erreichen: „Wir sollten ganz allgemein mehr über die Menschen, die uns regieren, reden. Wir sollten darüber diskutieren, was sich hinter politischen Phrasen und Wahlreden verbirgt, oder welche Konsequenzen die Entscheidungen von Politikern haben.“

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