Was kann (sich) die Kirche leisten?
Verstärktes Engagment in der sozialen Wohlfahrt?

Hohes Zutrauen in die Schwedische Kirche

"Die Erwartungen sind hoch"
6:07 min

Die Schwedische Kirche erwägt, sich stärker auch geschäftlich in sozialen Institutionen zu engagieren. Dabei kann sie auf ein großes Vertrauenskapital bei der Bevölkerung zurückgreifen. Während private Akteure wegen zahlreicher Skandale kaum mehr das Vertrauen der Bevölkerung genießen, kann die Kirche hier aus dem Vollen schöpfen. Doch es bestehen auch Risiken, wie eine aktuelle Studie zeigt, die jetzt der Kirchenleitung zur Entscheidungsfindung vorgelegt wurde.

Könnte es sich für die Schwedische Kirche lohnen, unternehmerisch im sozialen Bereich stärker einzusteigen als bisher? Diese Frage treibt die Entscheidungsträger zurzeit um. Zwar gibt es bereits örtlich Institutionen der Kirche, die sich solcher Aufgaben annehmen. Doch jetzt will man prüfen, ob man sich nicht stärker und vor allem auch koordinierter engagieren kann.

Kerstin Alberius hat lange in der Pflege und Fürsorge gearbeitet und wurde von der Schwedischen Kirche beauftragt, die Voraussetzungen eines mehr koordinierten Engagements zu untersuchen:

„Eine der grundlegenden Aufgaben der Schwedischen Kirche – und eigentlich aller Kirchen – sind die guten Taten im Zeichen der Nächstenliebe. Das was man auch unter dem Wort Diakonie zusammenfasst. Das hat die Schwedische Kirche ja schon immer gemacht, jedoch in unterschiedlichen Formen. Dazu wurden Stiftungen gegründet, wie Ersta oder Bräcke. Die sind jedoch völlig selbstständig. Jetzt gibt es aber Erwartungen, dass sich die Schwedische Kirche mehr engagiert. Viele Kirchengemeinden haben bereits damit angefangen.“

Meinungsumfrage

Was denkt jedoch die zum großen Teil atheistisch geprägte schwedische Bevölkerung über ein solches Engagement der Kirche? Ein wesentlicher Teil der Ermittlungsarbeit von Kerstin Alberius war eine Umfrage, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Miriam Hollmer hat für die Universität Uppsala an der Studie „Schwedische Kirche und Wohlfahrt“ mitgearbeitet:

„Die Antworten ergeben ein deutliches Bild. Die Leute sind vor allem positiv eingestellt, was Tätigkeiten gegenüber Erwachsenen betrifft. Also nicht gegenüber Menschen, die in einer direkten Abhängigkeit stehen. Das sind etwa Obdachlose, Drogenabhängige oder bestimmte Formen der Altenpflege.“

Gut 3.000 Bürger zwischen 18 und 80 wurden befragt. Generell war die Zustimmung hoch. Nur ein Drittel sprach sich gegen ein Engagement der Kirche oder auch anderen privaten Akteuren aus. Willkommen ist ein Engagement in Tätigkeiten wie Alten- und Krankenpflege oder Betreuung von Arbeitslosen – dagegen wünscht sich die schwedische Öffentlichkeit weniger kirchlich geführte Schulen.

Risiken

Die Schwedische Kirche könnte von ihrem hohen Ansehen also profitieren. Aber es bestehen auch Risiken, bestätigt Miriam Hollmer: „Was passiert, wenn das eine Einrichtung ist, die nicht so gut funktioniert? Das wirkt sich dann auf das Ansehen der gesamten Schwedischen Kirche aus und nicht nur auf das dieser Einrichtung. Die Erwartungen der Leute sind dazu noch sehr hoch. Weil man die Kirche als ethischen Akteur betrachtet. Der kleinste Fehler wirkt hier viel schlimmer.“

Zu wenige Pfleger, weggesperrte Patienten und schlechte Betreuung – der Skandale gibt es viele in der schwedischen Wohlfahrt, sowohl in den privaten als auch in öffentlichen Einrichtungen.

Der Widerspruch zwischen sozialer Wohlfahrt und den Gewinninteressen privater Unternehmen hat sich in den skandalösen Schlagzeilen manifestiert. Ermittlerin Alberius sieht jedoch hier die Schwedische Kirche in entscheidendem Vorteil: „Ein grundlegender Unterschied ist ja die Frage der Gewinne. Selbstverständlich macht auch die Kirche Gewinne. Diese fließen jedoch nicht ab. Die werden ja wieder investiert. Es gibt keine Kapitalabschöpfung in dem Sinne.“

Heikle Frage nach Religion

Dann ist da noch die Frage nach der Religion. Falls sich die Kirche tatsächlich engagieren will, muss sie sich darüber im Klaren sein, ob sie damit Werbung machen will, eine christliche Organisation zu sein. Das klingt dann in den Ohren der atheistisch säkular geprägten Bürger vielleicht dann doch nicht mehr so verlockend, so Hollmer:

„Manche finden, man muss deutlich machen, dass es sich um eine christliche Organisation handelt. Den meisten ist der säkulare Charakter aber wesentlich wichtiger. Das ist ein Dilemma.“

Christliche Werte also gerne – aber bitte ohne religiösen Beigeschmack. Die Schere im Kopf ist seit der Trennung von Kirche und Staat zu Beginn dieses Jahrtausends eben weiter aufgegangen. Die Bindung nicht mehr so eng.

„Die Distanz ist schon größer geworden. Man wird ja nicht mehr so hineingeboren wie früher. Dennoch wird die Kirche als eine der traditionellen Institutionen angesehen, wie etwa das Königshaus. Sie gehört zur nationalen Identität. Selbst wenn viele nicht mehr in der Kirche aktiv sind.“

"Konzentration auf Kernbereiche"

Ob die Studie jedoch die Entscheidung der Schwedischen Kirche wirklich erleichtert? Miriam Hollmer antwortet fast schon wie eine Business-Managerin, wenn sie der Kirche rät, sich auf ihre Kernbereiche zu konzentrieren.

„Man sollte nicht so sehr auf das Geschäft und den Markennamen schielen, sondern entscheiden, inwiefern das mit der grundlegenden Aufgabe übereinstimmt. Wenn man das mit dieser Aufgabe und den Werten vereinbaren kann, wie etwa Leiden zu verringern oder die Gemeinschaft zu stärken, dann kann man darüber nachdenken.“

Im Oktober wird Kerstin Alberius ihre Untersuchung den Entscheidungsträgern vorlegen. Dabei wird sie auch einige Empfehlungen aussprechen, über die sie beim jetzigen Zeitpunkt natürlich nicht sprechen möchte. Dann wird der Vorschlag in der Kirche diskutiert werden, bevor weiter entschieden wird. Der Prozess wird also noch eine Weile dauern, vermutlich bis Herbst 2015. Vielleicht gibt es bis dahin ja auch noch eine göttliche Eingebung.

Dieter Weiand

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