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Ausgebuchtete Büchsen verschiedener Hersteller (Foto: Sveriges Radio)
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Da lacht das Herz des Gourmets (Foto: Daniel Nilsson/Scanpix)
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Boo Dahlin demonstriert den Gebrauch von Surströmmingsdosen vorsichtshalber im Freien vor dem Funkhaus (Foto: Juri Gourman / Sveriges Radio)
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Manches möchte man nur mit Handschuhen anfassen (Foto: Ralf Bergman/Scanpix)
Kommentar

Achtung Stinkbomben!

Historisch einzigartige Hausmannskost
5:09 min

Morgen ist es wieder soweit: Jeden dritten Donnerstag im August findet die Premiere der traditionsreichen Surströmmingssaison statt. 

Oh Schreck! Jetzt kommen sie wieder, die gutgemeinten Einladungen zum ungefähr ekelhaftesten Essen, was ich mir vorstellen kann: Surströmming.

Liebe Mitmenschen, die diese nordschwedische Spezialität selbst als Genuss betrachten, geben gastfrei ein Essen. Sie möchten mich in die vermutet letzten Geheimnisse schwedischen Geschmacks und schwedischer Geselligkeit einweihen.

Diesmal habe ich meine wohldurchdachte Entscheidung schon im Vorfeld getroffen: ich werde dankend ablehnen. Jahrelang hab ich höflich zugesagt, um mich dann an den Beilagen – Einem Fladenbrot-Wrap mit mehligen Kartoffeln und gehackten rohen Zwiebeln zu goutieren und dabei stundenlang in einem fäkalienähnlichen Gestank auszuharren, während meine gutgelaunten Tischnachbarn mit Kennermienen über die Qualitäten des diesjährigen Jahrgangs diskutieren. Ab und zu schieben sie mir gönnerhaft einen besonders „delikatesten“ Bissen aus irgendeiner gewölbten Dose zu.

Öffnungszeremonie

Die stark ausgebuchteten Dosen mit ihrem kiloschwerem Inhalt werden übrigens tunlichst im Freien in einem Eimer Wasser geöffnet, damit das übelriechende Konservierungsgut nicht zu allen Seiten herausspritzt .

Und dann strömt der Geruch aus. „Dieser Duft, wie wir ihn nennen, ist zugegebenermaßen etwas aufdringlich“ beschreibt ein Kenner der Materie, Boo Dahlin von der Surströmmingsakademi, die Ausdünstungen aus den Büchsen.

Sanitäre Belästigung

Ich kann hinzufügen, dass mir persönlich bekannte Wohnungssuchende mal eine sehr schöne Behausung nicht gekauft haben, weil die Nachbarn angeblich am Vorabend der Besichtigung ein Surströmmingsfest gefeiert hatten. Der Geruch lastete so drückend über dem Wohnkomplex, dass die willigen Käufer Mängel in den Abwasserleitungen befürchteten und auf den Erwerb verzichteten.

„Aber zwischen dem Duft und dem Geschmack besteht eigentlich kein Zusammenhang“, versichert Connaisseur Dahlin weiter. „Das müssen wohl alle zugeben, die Surströmming mal verkostet haben. Es sind zwei verschiedene Dinge.“

Na ja, über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Mein Mund empfindet Surströmming als schlüpfrig und versalzen. Es gelingt mir nicht mal, ihn mit einem gehörigen Schluck Schnaps, geschweige denn des dazugehörigen Milchgetränks wegspülen.

Regionale Hausmannskost

Surströmming ist Hering von der nordschwedischen Ostseeküste. Er wird im Frühling in Fässern eingesalzen und gärt sechs bis acht Wochen, bevor er in Dosen konserviert und bis Mitte August gelagert wird.

Das Einsalzen als Konservierungsmethode ist seit Jahrhunderten bekannt und Hering war in alten Zeiten ein Grundnahrungsmittel der Schweden. – Aber Salz war teuer und wurde sparsam benutzt. Die Konservierung gelang nicht immer so richtig.

Zugegeben, bei weitem nicht alle Schweden mögen Surströmming. Der vergorene Fisch wird vor allem von Menschen, die aus Nordschweden in die südlicheren Industriegebiete des Landes abgewandert sind, verspeist und propagiert.

Festschmaus

Nach meiner Erfahrung gibt es drei Gründe für eine Einladung zum Surströmmingsfest.

  1. Surströmmingspartys sind wesentlich preisgünstiger als die zu dieser Jahreszeit ebenfalls beliebten Flusskrebsfeste (kräftskiva).
  2. Surströmming ist für manche ein Lebensmittel, an das sie von Kindesbeinen an gewöhnt sind, und das ihnen aufgrund dieser frühen Prägung ein Leben lang gut schmeckt. Somit ist die Lekerei zum feiern geeignet.
  3. Die Nordschweden waren teilweise so arm dran, dass sie sogar auf den Verzehr vom vergorenen Hering aus dem vorigen Jahr nicht verzichten konnten. Somit ist Surströmming ein ideologisches Statement, eine Solidaritätsbekundung.

Boo Dahlin, der sich mit der Surströmmingsakademi für die wenigen kleinen Fabriken einsetzt, die diese Spezialität noch produzieren, muss zugeben: „Der Verbrauch geht zurück. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren ungefähr 250 000 Dosen weniger hergestellt. Wir versuchen, diese gute alte Hausmannskost bekannt zu machen. Wir wollen dieses historische, einzigartige Gericht erhalten und verbreiten.“

Also, ich bin schon auf Festen gewesen, die sich bei der Ankunft der Gäste unerwartet als „Bekehrungsparties“ vornehmlich für Nicht-Schweden entpuppten.

Auf fremden Zungen

Die meisten Franzosen, die ich dabei getroffen habe, weigerten sich unverhohlen etwas zu sich zu nehmen. Deutsche lassen sich zumeist zu einem Probehäppchen überreden. Finnische Gäste zeigen Verständnis für die historischen Qualitäten des Surströmmings – nicht umsonst ist die schwedische Geschichte Jahrhunderte lang auch die finnische gewesen.

Den mit Abstand höflichsten Kommentar, den ich je gehört habe, gab der chinesische Geschäftsfreund eines Gastgebers ab: Surströmming erinnere ihn stark an ein Gericht, das während der Kulturrevolution in der Provinz seiner Mutter häufig verzehrt worden sei. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen!

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