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Projektleiterin Margareta Junghage glaubt an die Fortführung der Ausbildungen - auch nach Ablauf des Projekts (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Im Konferenzzimmer hängen Informationen und Fotos von allen Ärzten, die bisher in Munkfors ausgebildet worden sind. (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Ausbilderin Marie-Louise Mauritzon hat schon so manche Überraschung mit den jungen Ärzten erlebt (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Hinter der Dutzend-Fassade wird mit ungewöhnlichen Methoden gearbeitet (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Die jungen Ärzte Joana Gomes, Giorgos Siskos und Miglena Pigova bei der wohlverdienten Mittagspause hinter dem Haus (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Die Nadeln auf der Karte zeigen, woher die jungen Ärzte, die bisher ausgebildet worden sind, kommen. (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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EvaLena Larsson erlebt große Unterschiede in der Arbeit mit Leihärzten und mit den jungen Ärzten, die fortgebildet werden (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Der großzügige Eingangsbereich der medizinischen Versorgungszentrale stammt noch aus einer Zeit, in der im Gesundheitswesen weniger gespart wurde (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
Ausbildung für junge Mediziner

Modell Munkfors bekämpft Ärztemangel

Junge Ärzte direkt von europäischen Universitäten
9:17 min

Die strukturschwache Region Värmland sucht händeringend nach Krankenpflegepersonal. Bis 2016 gehen 1 000 von 7 000 Mitarbeitern in Rente. Im medizinischen Versorgungszentrum der Gemeinde Munkfors war die Lage schon vor Jahren extrem angestrengt. Bis eine innovative Idee die Situation rettete. Värmland schlägt jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe: 

EvaLena Larsson ist Leiterin des medizinischen Versorgungszentrums, einmal in der Woche springt sie als Krankenschwester ein. In beiden Tätigkeiten hat die Umwandlung ihres Versorgungszentrums in ein Ausbildungszentrum große Veränderungen im Arbeitsalltag ausgelöst.

„Im September 2010 ist unser Projekt angelaufen. Seitdem bilden wir junge Ärzte aus, die im Ausland studiert haben.“

Auslandsstudium

Innerhalb eines halben Jahres macht das erfahrene Ausbildungsteam aus Ärzten, Krankenschwestern und Sprechstundenhilfen die neuen Mediziner für die Arbeit im schwedischen Gesundheitswesen fit. Das Modell gilt als erfolgreich und ist in diesem Jahr mit dem Preis für richtungsweisende Projekte in Värmland ausgezeichnet worden.

Marie-Louise Mauritzon ist Ärztin und Ausbilderin. Sie weiß, welche Menschen zur Ausbildung nach Munkfors kommen: „Typisch ist ein junger Arzt mit sechsjährigem Medizinstudium, direkt von einer europäischen Universität. Er oder sie kann schon recht gut Schwedisch, nach ungefähr zwei Monaten werden die Sprachkenntnisse dann noch wesentlich besser. Diese jungen Ärzte haben ausgezeichnete theoretische Kenntnisse. Aber sie haben keine praktische Erfahrung. Sie haben nur selten etwas mit Patienten zu tun gehabt. Bei uns müssen sie in die Praxis einsteigen und Patienten behandeln. Dabei ist es fast ein Schock für sie, dass es so viel gibt, was sie nicht können.“

Gemessenen Schrittes

Manchen dieser Neulinge müsse sie sogar grundlegende Dinge beibringen. Zum Beispiel, nicht in den Fluren zu rennen, schmunzelt die erfahrene Ausbilderin. Damit die Patienten sich keine Sorgen machen oder gar glauben, sie seien todkrank.

In einem dreijährigen Projekt bildet die Region Värmland pro Jahr sechs Mediziner mit ausländischem Studium in Munkfors für die praktische Tätigkeit als Arzt aus, und schleust sie dann in andere Orte weiter. Es kommen also neue kompetente Ärzte in die Region.

Die jungen Ärzte behandeln ihre Patienten zunächst in Zusammenarbeit mit den erfahrenen Kollegen.

„Am Anfang arbeiten sie 60 Minuten mit einem Patienten. Dabei stellen sie nicht nur eine Diagnose, sondern brauchen auch Zeit, um ihren Ausbilder zu fragen. Unsere Patienten mögen es, wenn die Ärzte sich so viel Zeit nehmen können und nach der Kost und der Bewegung fragen. Alle Ärzte sollten das tun, aber die meisten schaffen das zeitlich nicht.“

Viele multimorbide Senioren

Rund 4 000 Patienten sind bei der medizinischen Versorgungsstation eingeschrieben. Die Bevölkerung von Munkfors besteht zu einem großen Teil aus über 80-Jährigen, die mehrere Krankheiten gleichzeitig haben. Altersmäßig könnten die jungen Ärzte fast die Enkel ihrer Patienten sein. Aber das empfindet die 27-jährige Ärztin Joana Gomes nicht als Problem:

„Nein, in dieser Beziehung gibt es keine Schwierigkeiten. Die Menschen in Munkfors sind eher extrem dankbar dafür, dass es dieses Projekt gibt und dass wir Doktoren ein halbes Jahr bleiben. (...) Für mich ist wichtig, dass ich mich hier allmählich an die Arbeitsformen im schwedischen Gesundheitswesen gewöhnen kann. Das ist eine Erfahrung fürs Leben. Anfangs hab ich befürchtet, dass die Patienten mich die nötigen Untersuchungen nicht machen lassen. Aber alles läuft ganz prima.“

Zufriedene Patienten

Viele Patienten fühlen sich bei den Jungmedizinern besser aufgehoben als früher bei den Vertretungsärzten, bescheinigt Krankenschwester Lena Yng Nilsson:

„Ein großer Teil ist sehr zufrieden. Sie finden, dass sie unglaublich sorgfältig untersucht und behandelt werden. Nicht selten kommt sogar ein zweiter Doktor hinzu – also ein Ausbilder. Das finden sie ganz toll. Aber natürlich gibt es auch Patienten, denen das zu viel wird und die sagen: ‚Der Doktor macht erst dies und dann das und bestellt ganz viele Tests. Warum denn? Ich hab doch nur Schmerzen im Knie!‘ Wir, das Personal, merken vor allem, dass die Patienten jetzt regelmäßig zu ihren Kontrollen kommen, und dass ihnen wesentlich weniger Medikamente verschrieben werden, die süchtig machen. Das bedeutet ja auch, dass sie weniger Nebenwirkungen haben. In diesen drei Jahren ist vieles besser geworden!“

Bemuttern tut gut

Kein Wunder also, wenn die regelmäßigen Befragungen ergeben, dass ungefähr Drei Viertel der Patienten ihr medizinisches Versorgungszentrum weiterempfehlen würden.

Auch für die Mitarbeiter hat sich die Lage entspannt. Sie selbst bemuttere die jungen Mediziner manchmal sehr, vermutet Lena Yng Nilsson, aber „bei so engagierten Menschen macht das nichts. Sie wollen wirklich etwas lernen.“

Im Laufe der Ausbildung wachsen die Anforderungen an die jungen Ärzte stetig. Sie behandeln immer mehr Patienten pro Tag und arbeiten immer selbständiger.

„Wir beobachten in Ausbildungsgruppen einen Tiefpunkt nach rund zwei Monaten. Wenn unsere Jungärzte einsehen, wie viel wirklich zu tun ist. In der ersten Zeit brauchen sie ja noch keine Papiere zu unterschreiben, keine Krankengeschichten führen und zu Testergebnissen Stellung nehmen. Wenn diese Aufgaben hinzukommen, ist das wie eine Lawine für die jungen Ärzte. Dann haben sie richtig viel zu tun und finden es entsetzlich. Wenn ich sie dann etwas bemuttere und ihnen helfe, macht das gar nichts. Ich habe ja 30 Jahre mehr Erfahrung.“

Vier Jahre nur Vertretungen

Leiterin EvaLena Larsson, erinnert sich mit Grausen an die Arbeitsbedingungen bevor Munkfors Ausbildungszentrum wurde: „Vorher hatten wir hier vier Jahre lang ausschließlich Vertretungsärzte. Insgesamt 90 Personen. Manchmal mussten wir pro Woche zwei neue Ärzte in unsere Organisation, die Krankenakten und unser Computersystem einweisen. Freitagnachmittag fuhren sie nach Hause, und am Montag kamen dann die nächsten Doktoren angereist.“

So oder so ähnlich geht es noch immer in vielen medizinischen Versorgungszentren zu. Um eben diese Missstände zu gradezurücken, versuchen die Verantwortlichen mehr junge Ärzte nach Värmland zu locken. Das wird schon beim Auswahlgespräch mit den Nachwuchskräften deutlich, sagt Marie-Louise Mauritzon:

„Wir fragen immer: ‚Sind sie bereit nach Värmland zu ziehen, nach den sechs Ausbildungsmonaten in der Region zu bleiben und Mitarbeiter bei uns zu werden?‘ Natürlich sind wir nicht die Besitzer unserer Mitarbeiter. Viele dieser jungen Ärzte möchten ja nach Stockholm, Göteborg oder Malmö, wenn sie später die Möglichkeit haben. Aber dann haben wir sie vorher immerhin eine Zeitlang hier in Värmland gehabt. So muss man das sehen.“

Kostengüstige Lösung

Beim Rundgang durch die hellen Räume des medizinischen Versorgungszentrums treffen wir mehr Mitarbeiter. Sekretärinnen, Laborpersonal, die Kinderkrankenschwester, der Facharzt für Altersmedizin und andere zeigen sich engagiert für die Arbeit mit den jungen Ärzten. Das gesamte Personal des medizinischen Versorgungszentrums ist fest angestellt. Drei Krankenschwestern, vier erfahrene Ärzte, die zeitweise als Ausbilder arbeiten, und die drei jungen Ärzte, die ausgebildet werden. Die Jungärzte haben ein Gehalt von umgerechnet knapp 3 800 Euro. Trotz der Extrakosten für die Ausbildung ist der Betrieb des medizinischen Zentrums heute billiger als zur Zeit der Vertretungsärzte.

Dies ist auch einer der Gründe dafür, dass Projektleiterin Margareta Junghage eine Fortführung anstrebt. Einmal ist das Projekt schon verlängert worden, es zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen, wäre sinnvoll: „Wir hoffen und glauben, dass diese Arbeit ein Teil der grundlegenden Tätigkeit in Värmland werden kann. Der Bedarf an Fachärzten für Allgemeinmedizin ist immer noch groß. Viele Ärzte gehen demnächst in Rente und das System mit Leihärzten ist teuer. Durch die Ausbildung eigener junger Ärzte sparen wir Geld, das wir dann wieder für Ausbildungsstationen einsetzen können. Dieses Modell, mit dem wir drei Jahre gearbeitet haben, ist gut. Wir sollten damit weitermachen.“

Sybille Neveling

 


Erfahrungen von jungen Ärzten in Munkfors:

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