Die Königin steht wieder in der Kritik
Neues Buch über die Königin

"Silvia hat sich selbst die Verantwortung aufgeladen"

"Das Königshaus ist eine sehr altertümliche Institution"
5:17 min

Königin Silvia steht erneut wegen ihres Umgangs mit der Nazi-Vergangenheit ihres Vaters Walther Sommerlath in der Kritik. In einem am Donnerstag veröffentlichten Buch präsentiert der Journalist Johan Åsard neue Fakten, die die Darstellung der Königin, ihr Vater habe in den 1930er-Jahren einem Juden bei der Flucht aus Deutschland geholfen, als unglaubwürdig erscheinen lassen. 

Außerdem soll Silvia persönlich versucht haben, ihre Kritiker mundtot zu machen. Radio Schweden traf Johan Åsard auf ein Interview.

"Walther Sommerlath war ja nicht der Einzige, der sich etwas zuschulden hat kommen lassen. Viele haben sich damals ähnlich verhalten, auch wenn er noch einen Schritt weiter ging als viele andere und in die NSDAP eintrat sowie persönliche Vorteile aus der Übernahme einer Fabrik zog. Silvia ist dafür natürlich nicht verantwortlich. Aber sie hat sich selbst eine Verantwortung aufgeladen, indem sie ihren Vater verteidigt", fasst Johan Åsard seine Sichtweise zusammen, die der weiteren Untersuchung der historischen Ereignisse zugrunde liegt.

Walther Sommerlaths Vergangenheit enthüllt

Åsard ist eigentlich Fernsehjournalist und hatte sich zusammen mit seinen Kollegen vom Sender TV4 vor drei Jahren eingehend mit der Nazi-Vergangenheit des Vaters der Königin beschäftigt. In einer ganzen Sendereihe hatten die Redakteure damals Details über das Leben und Wirken Walther Sommerlaths enthüllt. Unter anderem wurde so bekannt, dass Sommerlath NSDAP-Mitglied war und Ende der 1930er-Jahre die Berliner Fabrik des Juden Efim Wechsler übernommen hatte, welche später auf die Herstellung von Produkten für die Rüstungsindustrie umgestellt wurde.

Die Königin setzte daraufhin eine eigene Untersuchungskommission ein, die zu dem Ergebnis kam, dass ihr Vater die Fabrik im Austausch gegen Kaffeeplantagen in Brasilien erworben hatte. Sommerlath habe Wechsler auf diesem Wege die Flucht aus Deutschland ermöglicht und also nur Gutes dabei im Sinne gehabt, so der Tenor der Untersuchung.

Neue Fakten gegen die Darstellung der Königin

Johan Åsard hat nun aber Fakten zusammengetragen, die dieses Bild widerlegen. So habe Efim Wechsler bereits lange vor dem Verkauf seiner Fabrik ein Visum für die Reise nach Brasilien erhalten und sei dazu nicht auf die Hilfe Sommerlaths angewiesen gewesen. Außerdem sei der Tausch Fabrik gegen Kaffeeplantagen für den Vater der Königin ein sehr gutes Geschäft gewesen, da das Unternehmen in Berlin mehr als fünf Mal so viel wert war wie die eingetauschten Ländereien in Brasilien.

"Es ist nichts darüber bekannt, welche Absichten Walther Sommerlath mit diesem Tausch verfolgte. Aber es ist doch völlig unglaubwürdig, dass er mit einem ihm vollkommen unbekannten Juden Geschäfte machen würde, mit dem Zweck, diesem bei der Flucht aus Deutschland behilflich zu sein. Das ist einfach nicht wahrscheinlich. Stattdessen muss Walther Sommerlaths Motiv doch gewesen sein, dass er diese Fabrik zu einem extrem niedrigen Preis übernehmen konnte."

Silvia will sich nicht vom Vater distanzieren

Die neuen historischen Details sind jedoch nicht der Hauptkritikpunkt Åsards. Ihm geht es vielmehr darum, den Umgang der heutigen Königin mit dem Thema zu beleuchten. Dabei lässt er kein gutes Haar an Silvias Verhalten: "Es scheint so, als würde sie rein gefühlsmäßig handeln und nicht die Fähigkeit haben, sich von den Geschehnissen und ihrem Vater zu distanzieren. Dabei scheint sie auch keine Hilfe von anderen zu erhalten. Sie könnte ja sagen, mein Vater ist mein Vater und ich bin ich - und ich muss nicht für das, was er getan hat, die Verantwortung übernehmen. Aber auf eine merkwürdige Art und Weise hat sie sich ja die Verantwortung aufgeladen, indem sie ihn verteidigt. Und das ist sehr unglücklich."

Åsard enthüllt in seinem Buch "Drottningens hemlighet" (Das Geheimnis der Königin) unter anderem, dass Silvia per Post oder E-Mail versucht hat, auf verschiedene Personen in hohen gesellschaftlichen Positionen Einfluss zu nehmen, um Kritik an ihrem Vater und ihr selbst zu unterbinden. "In Schweden hat sie unter anderem mit Carl-Johan Bonnier Kontakt aufgenommen, der Vorstandsvorsitzender des Bonnier-Konzerns ist, der wiederum TV4 besitzt. Er ist einer der mächtigsten Männer in der schwedischen Medienbranche. Außerdem hat sie den früheren brasilianischen Präsidenten Fernando Cardoso angeschrieben, den sie gebeten hat, auf einen Senator einzuwirken, der sie scharf kritisiert hatte."

Ist die Königin schlecht beraten?

Die gesamte Affäre und der Umgang der Königin mit der historischen Faktenlage wirkten sich negativ auf das Vertrauen für Königshaus und Monarchie aus, so Åsard. Silvias Verhalten in der Öffentlichkeit sei deshalb auch ein Armutszeugnis für die Mitarbeiter und Berater der Königsfamilie: "Es ist doch merkwürdig, dass niemand im Königshaus der Königin gesagt hat: Gib es auf! Hör auf, deinen Vater zu verteidigen! Akzeptiere die Fakten! Das Königshaus ist eine sehr altertümliche Institution. Alles deutet darauf hin, dass man Probleme damit hat, mit dieser Art von Fragen auf eine moderne und professionelle Art und Weise umzugehen, wie es jede andere Institution getan hätte."

Von Seiten des Königshauses wollte sich am Donnerstag niemand zu den neuen Vorwürfen äußern. Der Informationschef des Hofes, Bertil Ternert, sagte lediglich, dass man das Buch noch nicht erhalten habe und es erst kommentieren könne, wenn man es gelesen habe.

Keine Privatangelegenheit

Die Enthüllungen zur Nazi-Vergangenheit Walther Sommerlaths und die Debatte um das Verhalten Silvias sind in Schweden nicht unumstritten. Viele meinen, dass das Ganze nur eine Privatangelegenheit der Königin sei und dass man das Thema nun auf sich beruhen lassen sollte. Johan Åsard will das aber nicht gelten lassen: "Meine Einstellung ist, dass wir Mitglieder der Königsfamilie wie erwachsene Menschen behandeln müssen. Wenn sie etwas sagen, etwas tun, müssen wir das untersuchen und sie kritisieren können, wie alle anderen Machthaber und gesellschaftlichen Institutionen auch. Das ist doch ganz normal. Wenn man sich dann selbst bemitleidet und zu einem Opfer macht, entflieht man meiner Ansicht nach nur seiner Verantwortung."

Frank Luthardt

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".