Bei der geplanten Mine von Kallak musste die Polizei Demonstranten vom Zufahrtsweg entfernen (FotoTT)
Drei Mal mehr Minen bis 2030

Neue Bergwerke: Fluch oder Segen für das Land?

Zu wenig Mitspracherecht
9:47 min

Der Streit um neue Bergwerke vor allem in den kaum bevölkerten Gebieten Nordschwedens wird intensiver. Während Umweltschützer und Rentierzüchter Unterstützung von den Vereinten Nationen in ihrem Kampf gegen einen weiteren Ausbau erhalten, setzen viele Politiker ihre Hoffnungen auf die neuen Unternehmen für die Entwicklung ihrer Region. Neue Minen und Bergwerke schaffen Arbeitsplätze und helfen so die Entvölkerung ganzer Landstriche aufzuhalten, so das Argument der Befürworter. Experten warnen dagegen vor allzu großem Optimismus.

Momentan dreht sich der Streit vor allem um zwei geplante Gruben: Da ist zum einen die geplante Förderung von Erz in Kallak unweit der Samen-Hochburg Jokkmokk. Umstritten ist auch der kürzlich von der Regierung genehmigte Abbau von Nickel in Rönnbäcken unweit von Tärnaby in der Region Västerbotten. Diese beiden Projekte stehen symbolisch für die ehrgeizigen Ziele der Regierung. Sie prognostiziert, dass sich die Zahl der Gruben und Bergwerke in Schweden von aktuell 16 auf bis zu 50 im Jahr 2030 erhöht.

Dahinter steckt eine lang geplante Entwicklung, so der Journalist und Autor Po Tidholm: „Es scheint so, dass die Regierung zum Teil auf Druck der Minenbranche und zum anderen wegen der tiefen Wirtschaftskrise damals 1992 das entsprechende Mineralgesetz geändert hat. Man hat sich dazu entschieden, schwedische Rohstoffe an ausländische Unternehmen zu verkaufen. Das war eine bewusste Strategie und die Mineralabgabe wurde auf 0,5 Promille gesenkt. Dazu wurden schwedische Rohstoffe auch im Ausland angepriesen.“

Zuvor lag die Mineralabgabe bei 50 Prozent. Doch zunächst war das Interesse nicht sonderlich groß gewesen. Aber mit den gestiegenen Weltmarktpreisen von Rohstoffen häufen sich aktuell die Anträge auf Abbau von Erzen und Edelmetallen. Für viele Kommunalpolitiker ein Hoffnungsschimmer für Regionen, die mit der Abwanderung ganzer Generationen zu kämpfen haben.

Jokkmokk hofft auf Bergwerk

Ein neues Bergwerk unweit von Jokkmokk wäre in den Augen von Stadtrat Stefan Andersson eine Riesenchance: „Wir können nicht konkret sagen, wie viele Arbeitsplätze es geben wird. Das kommt ja auch darauf an, wie man rechnet. Weil man ja nicht nur die eigentliche Grube dazuzählen kann. In den Kommunen, die Gruben haben, können wir viele enorme Nebeneffekte sehen.  Da entstehen neue Unternehmen: Spediteure, Schweißereien, Catering, Reinigungspersonal und vieles mehr.“

Jokkmokk ist von der Fläche her über 100 Mal größer als Stockholm, hat aber gerade mal gut 5.000 Einwohner. Auf einen Quadratkilometer kommen hier 0,26 Einwohner, in Stockholm müssen sich über 4.700 Menschen diesen Quadratkilometer teilen. Jeder einzelne Arbeitsplatz ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig, so Andersson.

Doch Po Tidholm warnt vor allzu großem Optimismus: „Der Bergbau und neue Arbeitsplätze müssen überhaupt nicht zusammenhängen. Das bedeutet dann, auch dass es im Ort keine Löhne und keine dementsprechende Steuern gibt. Und selbst wenn es zu Anstellungen kommt, ist es nicht gesagt, dass die Ortsbevölkerung angestellt wird. Das bedeutet auch, dass der Ort nicht profitiert, weil das schwedische Steuersystem den Kommunen nur die Lohnsteuern der örtlichen Arbeitskräfte zusteht. Wenn dann ein Unternehmen sein Personal beispielsweise einfliegt, dann gibt es auch keine Steuereinnahmen und es gibt dann auch kein Geld zu verteilen.“

Keine allgemeine Regel

Wer hat also Recht? Sind neue Bergwerke ein Segen für strukturschwache Regionen? Die Frage lässt sich generell nicht eindeutig beantworten, so Professor Lars Westin am Institut für Gesellschaftswissenschaften an der Universität Umeå: „Man kann schon sagen, dass ein Bergwerk Arbeitsplätze in einer Region schafft. Ob das viel oder wenige sind, kommt wieder auf das Umfeld an. Das muss von Fall zu Fall bewertet werden. Besonders viele Arbeitsplätze werden während der Startphase geschaffen. Da wird viel investiert. Straßen werden gebaut, vielleicht sogar Schienen, Häuser und Anlagen werden gebaut.“

Allerdings weist auch Westin darauf hin, dass es im Wesentlichen darauf ankomme, wie die Grube betrieben wird: „Eine zentrale Frage ist ja, wo diese Angestellten wohnen. Da gibt es ja das „fly-in-fly-out“. Grundsätzlich braucht eine moderne Grube niemand, der in der Nähe wohnt. Da gibt es viele, die mit dem Auto oder Bus pendeln. Und dann eben mit dem Helikopter. Das ist ungefähr wie eine Bohrinsel in der Nordsee. Die schafft auch nicht viele Arbeitsplätze in der unmittelbaren Umgebung. Die Leute wohnen einfach eine Zeit auf der Bohrinsel oder eben nahe des Bergwerkes und dann fährt man nach Hause und hat längere Zeit frei.“

Viel hängt von den Gemeinden ab

Laut Westin hängt auch viel davon ab, welche anderen Möglichkeiten bestehen und welche Entwicklung die Gemeinde bereits genommen hat: „In manchen ländlichen Gemeinden sind die Interessenkonflikte begrenzt. Da gibt es etwa Waldbesitzer, die einfach entschädigt werden können. In anderen Fällen können die Konflikte dagegen schwerwiegender sein: das kann Rentierzucht sein oder etwa interessante Ökosysteme, Dienstleistungen, oder auch der Tourismus.“

Dies ist aber genau in Tärnaby und Jokkmokk der Fall. In beiden Gebieten gibt es viele Rentierzüchter und auch Tourismusinteressen. Die Samen sehen sich durch die Genehmigung von Rönnbäcken in ihrer Existenz bedroht. Der Vorsitzende des Nationalen Verbandes der Sami, Stefan Jonsson formuliert es drastisch: „Die Rentiergebiete der Sami werden einfach kolonialisiert. Man erlaubt ausländischen Grubenunternehmen die Rentiergebiete auszubeuten, ohne dass Rücksicht auf die Rentierzüchter genommen wird.“

Schützenhilfe von der UN

Die Sami haben unterdessen Unterstützung vom Anti-Diskriminierungsausschuss der Vereinten Nationen erhalten. Dieser ruft Schweden offiziell dazu auf, die Minenpläne zu stoppen. Es ist viel Gift in der Debatte, wie Tidholm gegenüber Radio Schweden bestätigt: „Im Streit um die Grube in Tärnaby hat ein Politiker gesagt: ‚Wenn sie die Mine nicht wollen, können sie verhungern.‘ So geht die Rhetorik. Das macht es den Kritikern doppelt schwer. Egal ob du als Umweltaktivist, Grundeigentümer oder Sami dagegen bist – so wird von dir eine bessere Lösung eingefordert. Und da gibt es eben nicht so viel.“

Für Stefan Andersson gibt es dagegen die guten Beispiele. Eines davon sei, die erst in diesem Jahr eröffnete Grube im benachbarten Pajala: „Bei der neuen Grube in Pajala werden viele positive Effekte deutlich. Dort hat sich die Zahl der neu gegründeten Unternehmen verdoppelt. Mehr junge Leute bleiben vor Ort. Es wurden neue Kindergärten eröffnet. Und das Interesse an Wohnungen ist auch markant gestiegen.“

Ausländische Eigentümer

Doch das Unternehmen Northstream in Pajala stand kurz vor dem Konkurs – die ganze Entwicklung für den nordschwedischen Ort war dadurch in Gefahr. Die Minen-Gegner führen weiter an, dass die Schürfrechte an Unternehmen mit zum Teil zweifelhaften Eigentümern im Ausland gingen. Dazu Po Tidholm: „Die Alternative ist meiner Meinung, dass wir unsere Naturschätze mit Vernunft nutzen. Dazu müssen die Bedürfnisse der örtlichen Bevölkerung berücksichtigt werden. Das muss allen etwas bringen. Das ist doch idiotisch, dass wir etwas hergeben, was viele haben wollen.“

Stefan Andersson sieht dagegen die Möglichkeiten, die ein neues Bergwerk seinem Jokkmokk bieten könnte, hat aber auch Bedenken gegen das Genehmigungsverfahren: „Wir haben zu wenig Mitspracherecht und das auch noch zu spät. Klar ist eine Mine von nationalem Interesse. Wir wollen dennoch mehr zu sagen haben. Wir wollen sehen, wie das Unternehmen vor Ort agieren möchte, wie man Kompetenzen anwirbt, wie man die Wohnungsfrage löst, wie sich die Grube auf die Rentierzucht Jagd, Fischen und Tourismus auswirkt.“

Nicht allein auf Mine setzen

Laut Professor Westin liegt es auch an den Kommunen, ob sie aus der Etablierung eines Bergwerkes wirklich etwas machen. Sich allein auf das Unternehmen zu verlassen, sei jedenfalls ein schwerer Fehler: „Man kann ja mehr Wahlmöglichkeiten bieten. Das Bergwerk liegt da, wo die Vorkommen sind. Wenn es dann keine anderen Alternativen gibt, sind die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Dann ist nicht mehr so viel übrig, wenn die Mine ausgebeutet ist. Wenn man aber eine gute Stadt mit Strukturen hat, können sich dort neue Unternehmen etablieren.“

Als leuchtendes Beispiel nennt Westin Kiruna. Die Entwicklung der Stadt sei ohne das Erzbergwerk undenkbar: „Kiruna ist ja dank seiner Erzvorkommen groß geworden. Allgemein haben die Städte und Gemeinden, wo die Bergwerke weiter existieren, ziemlich viel Bevölkerung. Das hängt zum Teil auch davon ab, dass sich dort der öffentliche Sektor etabliert hat und auch geblieben ist. Das stabilisiert die Entwicklung.“

Allerdings befindet sich das Bergwerk in Kiruna im Besitz der staatlichen LKAB. Das Bergwerk trägt seit über 120 Jahren maßgeblich zur Entwicklung einer gesamten Region bei.

Dieter Weiand

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