Lotte Laserstein

Großes Talent aus Deutschland

* 28. November 1898 in Preußisch Holland             † 21. Januar 1993 in Kalmar, Schweden

Mehr als ein halbes Jahrhundert war sie aus dem Gedächtnis der Kunstgeschichte verschwunden, jetzt ist sie als fast unbekannte Malerin der klassischen deutschen Moderne wieder entdeckt worden: Lotte Laserstein.

Als Tochter einer jüdischen Mutter erhielt sie in Deutschland 1933 Berufsverbot und emigrierte 1937 nach Schweden. Nachdem ihre Mutter 1943 in einem KZ umgekommen war, verspürte Lotte Laserstein keine Neigung mehr, nach Deutschland zurückzukehren. Aber auch in Schweden wurde sie nicht richtig glücklich.

„Ich habe das Gefühl, dass das Leben vorbei ist - das, was ich Leben nenne. Ich bin nicht mehr neugierig auf das, was noch kommen könnte. Sie haben uns alles kaputt gemacht, draußen und drinnen, gründlich“, schrieb Lotte Laserstein nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zu schwer und zu deutsch

1937 war sie von Berlin nach Stockholm geflohen und konnte sich dort als Porträtmalerin ihren Lebensunterhalt verdienen. Als Künstlerin fand sie in Schweden jedoch wenig Anerkennung. Ihre Malerei entsprach nicht dem Zeitgeist. „Zu altmodisch, zu realistisch, zu schwer und zu deutsch", fand man ihre Bilder.

Experimentelle Malerei war damals in Schweden tonangebend. Dass Lasersteins realistische, nüchterne Malweise als Reaktion auf den Expressionismus und auf den ersten Weltkrieg zu verstehen war, hat das schwedische Kunst-Etablissement damals nicht erkannt, meint Klaus Börjesson, Direktor des Kunstmuseums im südschwedischen Kalmar. Er hat einen Teil einer erfolgreichen Berliner Ausstellung nach Kalmar geholt.

„Sie ist in Schweden nicht als die Künstlerin aufgenommen worden, die sie eigentlich war. In Schweden war man damals nicht sehr tolerant. Die Berliner Ausstellung kürzlich, die Wiederentdeckung von Laserstein in Deutschland, hat uns Schweden einen Denkzettel verpasst, weil klar wird, wie begrenzt aufnahmefähig Schweden damals war.“

Vielversprechend Künstlerin

Als Lotte Laserstein die Berliner Kunstakademie 1927 beendet hatte, wurde ihr eine glänzender Aufstieg prophezeit. Und tatsächlich, bis zu ihrem Berufsverbot 1933 erhielt sie für ihre meditative, doch nüchterne Darstellung von Menschen Auszeichnungen und Würdigungen, und nahm an über 30 Ausstellungen teil.

Ästhetisch und thematisch stand die Künstlerin der „Neuen Sachlichkeit" nahe, doch malte sie nicht so unterkühlt und bissig, gesellschaftskritisch und sezierend wie Otto Dix oder Georg Grosz. Ihre wichtigsten Motive: Moderne, introvertierte Menschen, oft vor dem Spiegel, junge Frauen, androgyn, in großstädtischer Einsamkeit.

„Sie pflegte diesen empathischen Realismus, der damals aus Deutschland verschwinden musste. So wie es auch Thomas Mann in Doktor Faustus geschildert hat: Was passiert, wenn die Vernunft außen vor bleibt und durch ‚Blut-und-Boden-Mythen‘ ersetzt wird? Lasersteins Bilder sind genau das Gegenteil dieser Mythenbildung. Für die Nazis malte sie außerdem nicht chauvinistisch genug.“

Malen für den Lebensunterhalt

In Schweden avancierte Laserstein nicht wegen ihrer künstlerischen Finesse, sondern wegen ihres handwerklichen Könnens und ihrer klassischen Ausbildung, zu einer gefragten Porträtistin für Mitglieder der schwedischen Oberschicht.

Ihren Berliner Freunden schrieb sie: „Es ist eine Sklavenarbeit, das Malen auf Bestellung. Man geht künstlerisch kaputt dabei. Immer wenn ich anfange, in Begeisterung, denke ich, warum soll man nicht anständige Bilder malen, auch auf Auftrag. Aber dann kommt das Gequatsche oder das schlechte Sitzen bei Kindern oder beides, und ich verliere Lust und Kraft.“

Nie als Flüchtlinge anerkannt 

In ihren Briefen, die Laserstein ab Frühjahr 1946 regelmäßig nach Deutschland schickt, stellt sie selbst fest, dass ihre künstlerische Kraft, ihre schöpferische Phantasie, ja selbst ihr handwerkliches Können unter der Auftragsarbeit leidet. Dennoch weiß sie es zu schätzen, dass ihre Arbeit in Schweden akzeptiert wird, sie sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann. Damit ist sie eine Ausnahme unter den emigrierten Künstlern.

Börjesson glaubt, dass die aktuelle Wiederentdeckung von Lotte Laserstein in Deutschland den Schweden ihre damalige Haltung gegenüber Flüchtlingen vor Augen führt:

„Man hat sie nie als Flüchtlinge anerkannt. Künstler wie Peter Weiss und Nelly Sachs, herausgerissen aus ihrem ursprünglichen Kontext, wurden in Schweden allenfalls kühl aufgenommen. Zum einen wurden sie in ihrem Ausdruck nicht verstanden und deshalb abgelehnt, zum anderen haben sich die Schweden keine Vorstellung davon gemacht, was es heißt ein Flüchtling zu sein.“

Laserstein lebte zuletzt in Kalmar. Sie besuchte die südschwedische Provinzstadt 1952, um den Gouverneur zu porträtieren. Hier wurde sie als Künstlerin willkommen geheißen. Hier musste sie nicht mehr - wie in Stockholm - um Aufträge ringen.

Herkömmliche Stillleben
So, wie ihre Kunden es in Auftrag gaben, malte sie von nun an Landschaften und Blumenstillleben im konventionellen Stil. Nur in ihren Selbstporträts fand sie noch einmal zu ihrer vergangenen Kraft und Selbstsicherheit zurück.

Rückblickend schreibt sie Anfang der achtziger Jahre über diese Bilder: „Hätte ich nicht meine eigene Wirklichkeit im Malkasten gehabt, so hätte ich nicht die Jahre durchstehen können, in denen mir alles genommen wurde: Familie, Freunde und Heimat.“

Daphne Springhorn

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