Radio-Serie #minflykt

„Fand als Journalist ein Leben der Befreiung“

7:17 min

Bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Menschen in Not blickt Schweden auf eine lange Tradition zurück. Mit einer umfassenden Serie widmen sich nun die Redaktionen des Schwedischen Rundfunks
vielen Flüchtlingsschicksalen. In dieser Reihe sprach Radio Schweden mit dem Journalisten Hans Wachholz.

Der heute 80-jährige Wachholz kam als politischer Korrespondent der DDR nach Stockholm und protestierte 1968 lautstark gegen die sowjetische Militärintervention in Prag. Ein Protest, der ihm die Rückkehr in sein Heimatland DDR unmöglich machte. Als Redakteur und späterer Chef von Radio Schweden fand er eine Zuflucht in Schweden.

 

Radio Schweden: Hans Wachholz, in Ihrer Beziehung zu Schweden und Ihrem Leben hier spielt das Jahr 1968 mit dem Prager Frühling eine entscheidende Rolle. Sie lebten damals bereits in Schweden als Radiokorrespondent des DDR-Funks. Wenn Sie sich heute zurückerinnern an die Ereignisse 1968, welche Entscheidungen haben Sie damals für sich getroffen?

Hans Wachholz: 1968 hat das Leben für mich und meine Familie ein Neustart machen müssen. Ich hatte mich bereits im Voraus sehr für die Entwicklungen in der Tschechoslowakei interessiert. Ich sah in dem, was dort zunächst vor sich ging, eine Möglichkeit, dass sich der Sozialismus demokratisieren würde. Bevor es am 21. August zum Einmarsch kam, war ich schon darauf vorbereitet, dass irgendetwas dort passieren würde. Es hat mich erschüttert, weil dadurch auch mein Verhältnis zur DDR in einer sehr direkten Art verändert wurde. Von dem Augenblick an hatte ich immer das Gefühl, dass ich nicht mehr lange für die DDR und den DDR-Rundfunk arbeiten konnte. Man verlangte ja auch politische Beiträge von mir, und ich hatte das Gefühl, dass ich dazu nicht mehr lange bereit sein könnte.

Ich protestierte also gegen den Prager Frühling, und dann wurde mir sofort gesagt, dass ich einen Klassenstandpunkt einnehmen müsse. Es ginge um die Frage, wir oder die. Und ich erinnere mich noch nahezu wörtlich, dass ich dies mit dem Satz kommentierte: `Nach meinem Dafürhalten hat Ulbricht gegen sein eigenes Kommuniqué, in dem er der Tschechoslowakei die unbedrohte Souveränität zugesichert hatte, gehandelt. Deshalb müsste er nun zurücktreten.´ Damit war im Prinzip die Beziehung zwischen mir und der DDR-Botschaft und dem Rundfunk beendet.

Dass ein politischer Korrespondent der DDR abspringt, das war, wie ich mir vorstellen kann, eine große Sache damals. Wie waren denn die Reaktionen in der DDR?

Ein Mitarbeiter des DDR-Funks war beauftragt worden, mich in Stockholm zu besuchen. Er sollte mich davon überzeugen, dass ich zurückkehren und als Journalist weiterarbeiten könnte.

Aber wäre es denn wirklich realistisch möglich gewesen, nach Ihrem Protest zurückzukehren?

Ich war mir im Klaren darüber, dass diese Vorschläge im Grunde nur ein Ziel hatten, nämlich mich in die DDR zurückzuholen, um ein Exempel an mir zu statuieren. Ich hatte rasch erfahren, dass meine Geschwister und meine Mutter von der Stasi verhört worden waren. Dass mein Bruder an der Mathias-Thesen-Werft, bei der er als Schiffskonstrukteur arbeitete, nicht mehr auf sowjetischen Schiffen an Testfahrten teilnehmen durfte. Mein anderer Bruder bekam Schwierigkeiten beim Studium, und meine Schwester, die Kindergärtnerin war, erhielt den Auftrag, alle Kontakte mit mir abzubrechen. Das alles war ein klarer Hinweis für mich, dass es keinen Sinn hatte, in die DDR zurückzukehren.

Welche Unterstützung erhielten Sie seitens des schwedischen Staates und der Gesellschaft?

Ich habe keine Unterstützung gesucht. Habe aber viele Anrufe und Briefe  bekommen von Chefredakteuren, Politikern. Ich habe auch vom Außenministerium die Versicherung bekommen, bei Bedarf alle mögliche Hilfe zu erfragen. Wir hatten ja abgeschnitten, mit einem neuen Leben in Schweden beginnend, in der Familie große Probleme, damit fertig zu werden. Wir mussten es unseren Kindern erklären, was nicht so einfach war. Die Kinder sind ja in der DDR-Schule in Stockholm unterrichtet worden. Und nun plötzlich durften sie nicht mehr in die Schule. Plötzlich wurde ihnen gesagt, dass die DDR an einer militärischen Intervention beteiligt war.

Sie konnten in Schweden letztlich als Journalist weiterarbeiten. Etwa ein Jahr nach Beendigung der Tätigkeit als DDR-Korrespondent wechselten Sie zu Radio Schweden, der deutschsprachigen Redaktion vom Schwedischen Rundfunk. Später wurden Sie auch deren Leiter, bis zu Ihrer Pensionierung im Jahr 1997. Wie hat diese Zeit in Schweden Sie geprägt – wenn Sie zurückblicken: wäre Ihr Leben groß anders verlaufen, wenn Sie damals eine andere Entscheidung getroffen hätten?

In jeder Beziehung hätte sich das Leben anders dargestellt. DDR wäre unmöglich gewesen – dann wäre ich im Gefängnis gelandet und hätte sicher mit einer enormen Strafe rechnen müssen. Wir hatten in der Familie natürlich darüber nachgedacht, was wir stattdessen tun können. Wir hatten uns etwa überlegt, ganz vom Journalismus entfernte Berufe ins Auge zu fassen. Taxifahren zum Beispiel, wir mussten ja überleben. Ich wollte vom schwedischen Staat weder Sozialfürsorge noch andere aktive Hilfe, denn wir wollten uns alleine durchschlagen. Eigentlich war es, trotz allem, sehr einfach. Einmal durch die Hilfe vieler Kollegen. Und außerdem durch Möglichkeiten, in der Schule arbeiten zu können, Übersetzungen zu übernehmen und auf diese Weise zumindest die erste Zeit zu bewältigen.  Schon ein Jahr nach der Intervention habe ich in der deutsche Gruppe beim Schwedischen Rundfunk eine Vertretungsstelle bekommen und habe mich allmählich bei Radio Sweden gut zurecht gefunden.

Zum ersten Mal als Journalist erlebte ich, wie frei und unbehindert ich arbeiten konnte. Niemand hat meine Beiträge durchgelesen, bevor ich sie senden durfte. Niemand hat mir Vorträge gehalten oder Anweisungen erteilt, wie ich zu arbeiten hätte. Ich habe eine Unabhängigkeit und Freiheit erlebt, die mir auch später noch den großen Unterschied zwischen einer demokratischen Gesellschaft – denn der Rundfunk ist ja ein Ausdruck der demokratischen schwedischen Gesellschaft – und einer sozialistischen Diktatur gesehen. Sicher hatten wir als Journalisten auch in der DDR gute Zeiten gehabt, gute Beiträge und Sendungen gemacht. Wir standen aber immer unter politischer Kontrolle, und das war dem Journalismus in jeder Beziehung abträglich. Für mich als Journalist war es in Schweden ein Leben der Befreiung. Mir hat Schweden gut getan, und ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit und mein Engagement für das Land einiges zurückgegeben habe.

Interview: Hansjörg Kissel