Hoher Anspruch – wenig Taten

Nazi-Raubkunst in den Museen: Schweden schaut weg

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Sind schwedische Museen im Besitz von NS-Raubkunst? Diese Frage hat das jüngst erschienene Buch „Die Plünderer“ von Anders Rydell aufgeworfen. Radio Schweden ist der Frage nachgegangen. Die Antwort: Man weiß es nicht und will es auch gar nicht so genau wissen.

Der moralische Anspruch ist hoch. 1998 unterschrieb die schwedische Regierung gemeinsam mit 43 weiteren Ländern die sogenannten Washington-Prinzipien.  Von den Nationalsozialisten beschlagnahmte und nie zurückgegebene Kunstwerke sollen demnach identifiziert und öffentlich registriert werden. Außerdem sollen sie, wenn möglich, den Eigentümern oder ihren Erben zurückgegeben werden. Das Problem an den hehren Prinzipien ist jedoch, dass sie rechtlich nicht bindend sind. Es handelt sich vielmehr um eine ethische Verpflichtung.

Passivität bei Museen und Regierung

Und Schweden, so behauptet Anders Rydell, Verfasser des gerade erschienen Buches „Plundrarna – Hur nazisterna stal Europas konstskatter“ (Die Plünderer – Wie die Nationalsozialisten Europas Kunstschätze stahlen), nehme diese moralische Verpflichtung nicht sonderlich ernst.  Vielmehr gehöre es sogar zu den Ländern, die sich am wenigsten darum bemühen, etwas über mögliche NS-Raubkunst in den eigenen Sammlungen herauszufinden: „Ich habe mir angeschaut, was Schweden seit der Unterzeichnung der Washington-Prinzipien gemacht hat. Die schwedischen Museen, Moderna Museet eingeschlossen, sind ihre Sammlungen nicht durchgegangen und haben sie nicht öffentlich zugänglich gemacht. Auch von Seiten des Kultusministeriums kommt keine Initiative, eine unabhängige Forscherkommission oder etwas Ähnliches einzusetzen.“

Keine hundertprozentige Sicherheit

Ann-Sofi Noring, stellvertretende Leiterin des Museums für Moderne Kunst (Moderna Museet) in Stockholm, findet den Vorwurf der Passivität unberechtigt. Provenienzforschung, wie die Suche nach der Herkunft von Kunstwerken in der Fachsprache heißt, gehöre zum Alltagsgeschäft eines Museums, allerdings räumt sie ein: „Ich glaube nicht, dass man die gesamte Sammlung mit nur einer einzigen Fragestellung durchsuchen kann und dann eine einzige Antwort bekommt. Wir arbeiten aber mit Provenienzforschung in angemessener Weise und unter klugem Einsatz unserer Ressourcen.“

Konkret heißt das: Nein, die gesamte Sammlung des Museums wird nicht gezielt daraufhin untersucht, ob sich möglicherweise NS-Beutekunst darunter befindet. Es bleibt daher eine Restunsicherheit. „Ich sage nicht“, erklärt Ann-Sofi Noring, „ dass wir das 100%ig ausschließen können. Das wäre vermessen. Wir müssen so arbeiten, dass wir sagen können, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist -  und das können wir.“

Regierung sieht keinen Handlungsbedarf

Hohe Wahrscheinlichkeit, aber keine  Gewissheit - der schwedischen Regierung scheint das zu genügen. Marcus Hartmann, Stabschef im Kulturministerium, hält nichts von unabhängigen Forscherkommissionen, wie sie Rydell fordert. Er verweist auf die Autonomie und Kompetenz der Museen: „Dort kann man die Sammlungen am besten untersuchen und man arbeitet kontinuierlich damit, die Sammlungen korrekt zu registrieren . Wenn sich dann herausstellt, dass ein Kunstwerk auf falschem Weg nach Schweden gekommen ist, dann müssen sie das natürlich untersuchen und nach Möglichkeit lösen.“

Imageschaden durch Noldes "Blumengarten"

Dass dieses System nicht immer funktioniert, zeigte sich jedoch deutlich vor einigen Jahren, und zwar ausgerechnet im Museum für Moderne Kunst. Damals stellte sich nämlich heraus, dass es sich bei dem Gemälde „Der Blumengarten“ von Emil Nolde um ein klassisches Beispiel von Nazi-Raubkunst handelte. Auf Umwegen über die Schweiz war das Bild in den 1960er-Jahren in Stockholm gelandet. Der Disput zwischen dem Museum und den Erben des ehemaligen jüdischen Besitzers konnte erst 2009 nach jahrelangen Auseinandersetzungen beigelegt werden.

Doch Schweden hat aus der Blumengarten-Affäre  offensichtlich keine Lehren gezogen. „Jetzt steckt man den Kopf in den Sand“, meint Anders Rydell, „und deshalb wird es dann immer wieder neue Fälle geben. Und einige Leute, mit denen ich auf internationaler Ebene gesprochen habe, meinen, dass Schwedens Image durch das Hantieren des Blumengarten-Falles stark beschädigt wurde.“

Karin Häggmark


Den englischen Originaltext der Washington-Prinzipien finden Sie hier (Homepage des US-amerikanischen Außenministeriums).

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