Alternative Medizin auf schwerem Stand

Homöopathie versus skeptisches Schweden

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Heilpraktiker haben in Schweden keinen leichten Stand. Behandlungsformen, die außerhalb des staatlichen Gesundheitssystems betrieben werden, begegnet man hierzulande eher mit Skepsis. Trotz dessen oder womöglich gerade deshalb öffnet nun zum Jahreswechsel Schwedens erste ambulante Station für Homöopathie in Stockholm.

Marina Szöges ist mitverantwortlich für die Internet-Fachzeitung „Dagens Homeopati“ (Homöopathie Heute). Gegenüber Radio Schweden schildert sie die zahlreichen Reaktionen, die ihre Redaktion nach Veröffentlichung der Nachricht über die neue ambulante Homöopathie-Station erreichten: „Wir wurden von negativen Kommentaren nur so überschüttet. Dies liegt vor allem daran, dass Homöopathie-Skeptiker gut organisiert sind und rasch auf neue Pro-Artikel reagieren. Manche Kommentare lauteten so: `Homöopathen sind nichts weiter als Scharlatane, die man teeren und federn sollte´. Ein anderer schrieb: `Ich würde mich auch gerne an gutgläubigen Idioten bereichern.´ Ich hätte nicht gedacht, dass die Reaktionen so ausfallen würden. Darauf war ich nicht vorbereitet.“

Ansturm auf die Homepage

Die Pro-Homöopathie-Zeitung wird seit etwa drei Jahren im Internet betrieben und zählt in der Regel bis zu 300 Besucher täglich. Die Nachricht, dass am Mariatorget in Stockholm eine ambulante Station aufmachen soll, schlug ein wie eine Bombe mit über 4.000 Besuchern jeden Tag. Neu war laut Marina Szöges auch, dass zahlreiche Ärzte und Krankenschwestern kritische Kommentare posteten, die sich ansonsten nicht allzu stark an der Debatte zum Für und Wider der Homöopathie beteiligen würden. Gleichzeitig gab es auch viele Besucher, die sich positiv zu der neuen Praxis äußerten, so Szöges.

Unter Homöopathie versteht man in der Regel eine alternativ-medizinische Behandlungsmethode, die vor 200 Jahren in Deutschland entwickelt wurde. Als Grundidee gilt die Vorstellung, dass der Körper in seiner Gesamtheit selbstheilende Kräfte entwickeln kann. Homöopathische Arzneimittel sollen den Heilungsprozess nur im entfernteren Sinne anregen und sind häufig stark verdünnt. Eben dies erregt oft den Zorn der Schulmediziner. Wirkungsstoffe seien nach der Verdünnung nicht mehr ausreichend vorhanden, um einen nachweisbaren Effekt auszuüben, so die Kritik. Homöopathie ist demnach eine Pseudowissenschaft, die lediglich Placebo-Effekte hervorrufen kann.

Heilpraktiker in Schweden eher unbeliebt

Alternative Medizin hat in Schweden generell einen schweren Stand. Verglichen mit anderen Ländern in Europa ist Homöopathie hierzulande so gut wie nicht präsent – die neue Behandlungspraxis in Stockholm ist die erste ihrer Art in Schweden. Es gibt zwar einzelne Heilpraktiker und eine anthroposophische Klinik, und es kommt auch durchaus vor, dass diese von der staatlichen Versicherungskasse Patienten überwiesen bekommen. Gleichzeitig gibt es in ganz Stockholm lediglich zwei Apotheken, die homöopathische Arzneimittel anbieten. Die Behandlung von Kindern unter acht Jahren ist nicht erlaubt.

Die Initiatoren der neuen Praxis am Mariatorget sehen ihr Projekt daher auch als Versuch, alternative Medizin in Schweden bekannter zu machen. Für 350 Kronen können Patienten ohne festen Termin akute Beschwerden wie Halsweh, Ohreninfektionen oder Lungenentzündungen behandeln lassen. Die ambulante Station sei jedoch nicht mit einer Notaufnahme zu verwechseln – lebensbedrohliche Beschwerden sollen nicht in der Einrichtung behandelt werden, betonen die Initiatoren. Radio Schweden sprach mit Viveca Wilhelmsson, einem der führenden Köpfe hinter der neuen Einrichtung:

„Viele Schweden wissen schlichtweg nicht, was Homöopathie ist. Diese Behandlungsform ist nicht sehr verbreitet hier. Ich glaube, das könnte daran liegen, dass die Schweden es nicht gewohnt sind, für die eigene Gesundheit die Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen verlassen sie sich auf das, was die Gesundheitsbehörden ihnen sagen. In anderen Ländern ist Homöopathie viel stärker etabliert; eine solche Praxis wie jetzt in Stockholm würde dort kaum derartige Reaktionen hervorrufen.“

Einstellungswandel nach der Schweinegrippe

Wilhelmsson glaubt allerdings, dass sich das Blatt auch in Schweden langsam wendet – nicht zuletzt aufgrund der negativen Erfahrungen während der Schweinegrippe 2009:

„Im Zuge der zahlreichen Impfungen gegen die Schweinegrippe waren viele Schweden von Narkolepsie, der Schlafkrankheit, betroffen. Und ich glaube, dass damals viele Menschen begannen, mehr über ihre eigene Gesundheit nachzudenken. Die Behörden in Schweden hatten die Impfungen stark vorangetrieben, viele folgten der Empfehlung und bereuten es später. Ich glaube, wir haben seitdem ein neues Klima in Schweden, in dem die Menschen zunehmend eigene Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen.“

Hansjörg Kissel

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