In Internetforen gehts zum Thema Rassismus oft hoch her (Foto: Anders Wiklund/Scanpix)
Anti-Rassismus-Forum

Kein Zutritt für Weiße

"Wir wollen in Ruhe diskutieren"
4:29 min

Was ist Rassismus? Die Diskussion zu diesem Thema wird in Schweden zunehmend unversöhnlich geführt, wobei sich die Diskussionsteilnehmer gern in selbst errichteten Schützengräben verschanzen. Im Graben seiner Wahl Platz zu nehmen, ist dabei allerdings nicht jedem vergönnt. Kann beispielsweise jemand mit heller Hautfarbe überhaupt ein echter Gegner von Rassismus sein? In einem soeben eröffneten antirassistischen Internet-Forum ist Weißen der Zutritt jedenfalls ausdrücklich untersagt.

In Schweden wird eine dunkelhäutige Minderheit von der weißen Mehrheit unterdrückt, und zwar stetig und systematisch. Nur wer erstens diesen Satz unterschreiben kann und zweitens selbst der unterdrückten Minderheit angehört, darf mitreden in „Rummet“, übersetzt „Das Zimmer“, dem antirassistischen Forum, das vier junge Frauen jetzt ins Leben gerufen haben.

Dass jemand die Existenz des sogenannten strukturellen Rassismus hierzulande überhaupt in Zweifel ziehen kann, ist für Mireya Echeverría Quezada, eine der Gründerinnen, nur schwer nachvollziehbar: „Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit. Weil wir alle diesen Rassismus seit unserer Kindheit kennen, weil wir jeden Tag damit leben.“

Ziel: echte Diskussion

Dies in diversen Internetforen gebetsmühlenartig wiederholen und auf den steten Strom von Beleidigungen und Drohungen reagieren zu müssen, darauf haben die Gründerinnen von Rummet laut Quezada schlicht keine Lust mehr.

Das Redeverbot für Weiße in ihrem eigenen Forum sieht sie weniger als feindliche Geste denn als bewährte Methode, sich als unterdrückte Minderheit zu behaupten und freizuschwimmen. „So ist ja beispielsweise in der Homosexuellen-Bewegung viel von ‚geschützten Räumen‘ die Rede, wo man in Ruhe miteinander reden kann. Und auch für die Frauenbewegung ist es oft wichtig gewesen, dass Frauen ab und an unter sich bleiben, ohne Angst vor der Meinung von Männern. Für uns ist das eine bewusste Strategie: Wir wollen zum einen unsere Kräfte bündeln und stärken, zum anderen echte, vertiefende Diskussionen führen.“

„Schwarz-weißes Erklärungsmodell“

Die insgesamt durchwachsenen Reaktionen auf das neue Forum spiegelte das Streitgespräch wider, das die beiden Leitartiklerinnen Sara Abdollahi und Sakine Madon an diesem Donnerstag im Schwedischen Rundfunk führten. „Ich finde es gut, dass es jetzt ein Forum gibt, in dem Leute, die Rassismus ausgesetzt sind, selbst zu aktiv Handelnden werden und sich nicht im Verhältnis zur weißen Bevölkerung definieren müssen", so Sara Abdollahi vom sozialdemokratischen Gotlands Folkblad.

Ihre Kollegin Sakine Madon vom liberalen Norran warnt hingegen vor dem, was sie „Hautfarben-Separatismus“ nennt. Sie verweist auf einen viel beachteten Fall aus dem letzten Jahr, bei dem ein dunkelhäutiger Mann in Malmö von einer Gang brutal misshandelt wurde: „Als sich herausstellte, dass es sich bei den Tätern offenbar um junge Männer mit Wurzeln in Nahost handelte, begannen die Medien zu grübeln: Kann man die Tat jetzt noch als rassistisch motiviert bezeichnen? Dass wir in der Diskussion noch immer nicht weitergekommen sind, finde ich schade“, so Madon.

„Natürlich war das ein Fall von Rassismus. Es spielt keine Rolle, welchen Hintergrund der Täter oder welche Hautfarbe das Opfer hat. Wenn man von einem schwarz-weißen Bild ausgeht, entgeht einem viel von dem Rassismus, der im Schweden von heute tatsächlich existiert.“

Thema unerwünscht

Dass ein solch nuanciertes Herangehen gerade erklärten Anti-Rassisten bisweilen schwerfällt, musste im vergangenen Jahr Damon Rasti erleben. Kein Gastartikel der Zeitung Svenska Dagbladet unter der Rubrik „Brennpunkt“ wurde 2013 so viel gelesen wie Rastis Beitrag über Rassismus unter verschiedenen Migrantengruppen in Schweden.

Vor allem von sogenannten Anti-Rassisten sei er daraufhin hart angegriffen worden, berichtete der schwedische Journalist und Buchautor kürzlich im Interview mit der Zeitung – per Telefon aus Indien, wo er inzwischen wohnt.

SR / Anne Rentzsch

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