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Herausforderer: Johan Ehrenberg (Foto: TT)
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Herausgeber: Johan Ehrenberg, Redaktionschefin: Maria Holm, Chefredakteur: Andreas Gustavsson (Foto: Jessica Gow / TT)
Neue Tageszeitung

"Eine rote Zeitung für eine grünere Welt"

Die Leser sind das A und O
5:26 min

Seit diesem Montag ist Schwedens Presselandschaft um eine Zeitung reicher. „Dagens ETC” heißt das überregionale, linksgerichtete Blatt, das sich laut Herausgeber Johan Ehrenberg als Alternative vor allem zu den zwei „Riesen“ Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet etablieren soll. Angesichts des auch in Schweden grassierenden Zeitungssterbens mag das Projekt kühn erscheinen. Um die Finanzierung zu stemmen, setzen die Macher nicht zuletzt auf die Hilfe engagierter Leser.

 

Johan Ehrenberg ist kampfeslustig. Dagens ETC, davon ist er überzeugt, wird in Schweden gebraucht. „Unser Blatt ist eine rote Tageszeitung für eine grünere Welt. Das unterscheidet sie von allen anderen Tageszeitungen. Vergleichbares gibt es in Dänemark und Norwegen, aber hierzulande nicht.“ Geschuldet ist dieses Manko laut Ehrenberg vor allem der hohen Eigentümerkonzentration auf Schwedens Medienmarkt: Die wenigen Riesen-Konzerne, denen das Gros der Zeitungen gehört, machten aus ihren bürgerlichen Sympathien allesamt keinen Hehl. „Spätestens seit eine sozialdemokratische Zeitung nach der anderen eingegangen ist, und zwar seit Beginn der 1980-er Jahre, besteht ein großer Bedarf an einer Stimme, die landesweit den bürgerlichen Blättern Paroli bieten kann.“

Wahlkampf als Motor

Just in dieser Mission ist Ehrenberg auf dem schwedischen Zeitungsmarkt seit langem unterwegs. Bekannt ist er vor allem als Herausgeber und Chefredakteur der Ende der 1970-er Jahre gegründeten Zeitschrift  ETC. In seinem gleichnamigen  Verlag erscheint außerdem eine Wochenzeitung in sieben lokalen Ausgaben, darunter in Malmö und in Göteborg. Wenn man acht Zeitungen pro Woche machen könne, werde man auch das neue Projekt Tageszeitung  bewältigen, ist Ehrenberg überzeugt.

Die Mitarbeiter der neuen Zeitung hat man zu großen Teilen aus den Lokalausgaben rekrutiert. Auch mit dem Blick über eine einzige Stadt und weit ins Land hinaus will man sich künftig vom übrigen Tageszeitungsangebot unterscheiden, so beispielsweise von Dagens Nyheter und Svenska Dagbladet, die stark auf Stockholm konzentriert sind, oder Göteborgs-Posten, die vor allem auf Göteborg blickt. Nicht zuletzt soll das bei der Berichterstattung über die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen Punkte bringen. Dass der Startschuss für „Dagens ETC“ just zu Beginn dieses Jahres fällt, ist im Übrigen alles andere als ein Zufall: ”Ich müsste ein Idiot sein, wenn ich nicht in einem Wahljahr starten würde. In einem Wahljahr sind die Leute bereit, Neues auszuprobieren – eine neue Partei oder warum nicht auch eine neue Zeitung. Die Wahl wird also eine Art Motor für uns.“

 Staatshilfe und Anleihen bei Lesern

Die Parlamentswahlen als Motor in allen Ehren: Entscheidend für das Überleben des Projekts wird gleichwohl der finanzielle Treibstoff sein. Johan Ehrenberg nennt in diesem Zusammenhang zwei Hauptsäulen: Zum einen den ”Presstöd”, die staatlichen Subventionen für Zeitungen, die an ihrem Erscheinungsort nicht mehr als ein Drittel der Haushalte erreichen, zum anderen: die Leser. ”Wir haben zum Prinzip, uns bei neuen Projekten an die Leser zu wenden und zu fragen: Hej, wollt ihr mit dabei sein und uns unterstützen? Wir setzen also viel auf das sogenannte Crowdfunding, das haben wir auch diesem Fall so gemacht.“ Ohne die neue Zeitung ein einziges Mal gelesen zu haben, haben nun im Voraus schon rund 5000 Leser ein Jahresabonnement für „Dagens ETC“ abgeschlossen, kalkuliert hatte der Verlag mit 3000 Start-Abonnements. Zudem haben Leser dem Projekt insgesamt an die 700.000 Euro als Kredite vorgeschossen.

„Die Leser sind das A und O“

Die neue Zeitung wird als Papier- und als elektronische Ausgabe erscheinen, ausgeteilt wird die Papierausgabe zusammen mit den übrigen großen Morgenblättern. Wird die „rote Tageszeitung für eine grünere Welt“ das Wahljahr überleben oder bald auf dem auch hierzulande immer größeren Friedhof für gescheiterte Projekte im Zeitungssektor ruhen? Ingela Wadbring, Professorin für Medienentwicklung an der Mitt-Universität Sundsvall, plädiert für vorsichtigen Optimismus: „Ich schätze die Chancen relativ gut ein. Allerdings setzt das voraus, dass die staatlichen Pressesubventionen nicht noch weiter beschnitten werden als bisher. Die Zeitung wird kaum  eine große Menge Anzeigen bekommen, was ja für andere Blätter nach wie vor die Haupteinnahmequelle ist; sie ist daher abhängig von den Subventionen, die aber voraussichtlich im Laufe der nächsten Jahre sinken werden. Insgesamt denke ich, das große Plus für die Zeitung sind ihre engagierten Leser, die sie ökonomisch unterstützen. Ein paar Jahre lang kann sie sich auf dem Markt deshalb ganz sicher behaupten, aufgrund ihres enthusiastischen Leserkreises. Das ist vielleicht das Wichtigste.“

Anne Rentzsch

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