Die Stockholmer Olympiaträume für 2022 sind geplatzt (Fotos: Scanpix. Montage: Schwedischer Rundfunk)
Politiker mehrheitlich dagegen

Stockholms Olympia-Bewerbung vor dem Aus

"Die Zeit reicht nicht aus"
5:25 min

Stockholm wird sich voraussichtlich nicht um die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 bewerben. 

Die Konservativen, die im Stockholmer Stadtrat die größte Fraktion stellen, gaben am Freitag bekannt, dass sie gegen die vom Schwedischen Olympischen Komitee (SOK) angeregte Bewerbung stimmen wollen. Damit überwiegt im Kommunalparlament die Ablehnung des Vorschlags. 

Bewerbung "nicht realistisch"

"Leider sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es nicht realistisch ist, in den Bewerbungsprozess für die Olympischen Spiele 2022 einzusteigen. Daher werde ich auch dem Stadtrat vorschlagen, den entsprechenden Antrag abzulehnen", sagte Stockholms konservativer Bürgermeister und Finanzsenator Sten Nordin am Freitagmittag im Schwedischen Rundfunk.

Mit dieser Entscheidung dürfte das Aus für die Olympiabewerbung der Hauptstadt besiegelt sein. Vor den Konservativen hatten sich bereits Liberale, Zentrum, Christdemokraten und Linkspartei gegen eine Kandidatur für die Spiele 2022 ausgesprochen. Zusammen haben die fünf Parteien bei der entscheidenden Abstimmung am 17. Februar eine deutliche Mehrheit im Stockholmer Stadtrat - und zwar selbst dann, wenn sämtliche Abgeordneten von Sozialdemokraten und Grünen für eine Bewerbung stimmen sollten, was ebenfalls höchst zweifelhaft ist.

Zweifel an den Kostenanalysen

Begründet wird die Ablehnung von allen Parteien mit dem Risiko unkalkulierbarer Kosten für die Steuerzahler. Das Schwedische Olympische Komitee hatte zwar ein Konzept vorgelegt, wonach die Spiele zu dem vergleichsweise günstigen Preis von umgerechnet nur etwa 1,1 Milliarden Euro veranstaltet werden könnten. Die großen Zweifel an diesen Berechnungen hätte das SOK aber nicht ausräumen können, so der Bürgermeister:

"Noch immer ist es so, dass wir die Zahlen genauer durchgehen und die finanziellen Kalkulationen stärker absichern müssten. Ich will betonen, dass das Schwedische Olympische Komitee eine gediegene und gute Arbeit abgeliefert hat. Aber hier geht es um äußerst komplizierte Berechnungen. Das sehen wir ja auch daran, wie sich die Kalkulationen entwickeln und verändern. Die Zeit reicht einfach nicht aus, weil es ein vorbestimmtes Datum gibt, an dem der Beschluss gefasst werden muss."

Unbrauchbare Sportanlagen

Ähnliche Zweifel hatten im Laufe der vergangenen Tage mehrere lokale Spitzenpolitiker geäußert. Die Entscheidungsträger in Stockholm berufen sich dabei auf ein im Auftrag der Stadt erstelltes Gutachten, wonach die Kosten für die Spiele wahrscheinlich etwa 1,6 Milliarden Euro betragen würden - 500 Millionen mehr als vom SOK veranschlagt.

"Unter anderem geht es dabei um Sportanlagen, bei denen davon ausgegangen wird, dass wir sie nach den Spielen bis in alle Ewigkeit weiternutzen können, die wir aber in Wirklichkeit nach der Olympiade abreißen müssten. Zum Beispiel glaube ich, dass in Stockholm nur sehr wenige daran interessiert sind, auf dem Hammarbybacke eine Bob- und Rodelbahn zu bauen, sodass man dort künftig nicht mehr Ski fahren kann", sagte der Senator für Stadtentwicklung, Per Ankersjö von der Zentrumspartei, im Schwedischen Fernsehen.

Ankersjö spricht mit dem Hammarbybacke den Hang im Süden der Hauptstadt an, der im Winter mit seinen zwei Liften und vier Pisten von vielen Stockholmern gern als nächstgelegene Möglichkeit zum Ski- und Snowboardfahren genutzt wird. Nach den Plänen der Olympia-Befürworter hätten hier 2022 die Bob-, Rodel- und Skeletonwettbewerbe stattfinden sollen - Sportarten, die in Schweden nur von sehr wenigen ausgeübt und in der Öffentlichkeit kaum beachtet werden.

Wohnungsbau wichtiger als Olympia

Aber ganz abgesehen von den zusätzlichen Kosten und finanziellen Risiken einer Bewerbung gebe es derzeit politisch einfach andere Prioritäten, gab Bürgermeister Sten Nordin zu bedenken: "Wir wollen uns jetzt für 140.000 neue Wohnungen einsetzen. Das sind unheimlich hochgesteckte Ziele, und wir müssen nun unsere Aufmerksamkeit und unser Geld dafür verwenden."

Die Olympia-Befürworter zeigten sich am Freitag enttäuscht von der Entscheidung der Politiker. Die Vorsitzende des Schwedischen Sportbundes, Karin Mattsson Weijber, die die Pläne des SOK von Beginn an unterstützt hatte, sagte der Nachrichtenagentur TT, Stockholm habe die Voraussetzungen dafür gehabt, ein richtig gutes Konzept auf die Beine zu stellen. Außerdem hätten die Politiker ihren Beschluss auf veraltete Berechnungen gegründet, die nicht mehr dem aktuellen Stand der Planungen entsprächen.

Änderungen am Konzept des SOK

Erst am Donnerstag hatte das Schwedische Olympische Komitee auf einer Pressekonferenz umfangreiche Änderungen an den Ursprungsplänen vorgestellt. So sollten unter anderem die Slalomrennen nicht mehr in Stockholm, sondern im für die übrigen Ski-Alpin-Wettbewerbe vorgesehenen nordschwedischen Åre stattfinden. Dadurch wäre die künstliche Erhöhung eines Skihangs in der Hauptstadt nicht mehr nötig gewesen, was die Kosten verringert hätte. In das vielbeachtete Gutachten der Stadt waren diese Änderungen freilich nicht mehr eingeflossen.

"Wir sind der Ansicht, dass es sehr ungünstig wäre, wenn man zur Abstimmung schreitet, und uns die Führungsriege der Stadt noch nicht einmal die Chance gibt, die Pläne in ihrer jetzigen Form zu präsentieren. Einen solch wichtigen Beschluss auf der Grundlage alter Zahlen zu fassen, wäre völlig falsch", sagte der SOK-Vorsitzende Stefan Lindeberg am Donnerstag im Schwedischen Rundfunk.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Anscheinend macht sich das Komitee noch leichte Hoffnungen, die Politiker im Stockholmer Rathaus kurz vor der entscheidenden Sitzung am 17. Februar doch noch von der Olympia-Bewerbung zu überzeugen. Auf seiner Homepage kündigte das SOK am Freitag eine Präsentation der Pläne für sämtliche Fraktionsvorsitzenden an. Diese soll Ende Januar stattfinden, wenn das Konzept fertig ausgearbeitet ist.

Da sich die meisten Parteien bereits festgelegt haben, dürften die Chancen für 2022 inzwischen dennoch verschwindend gering sein. Bürgermeister und Finanzsenator Sten Nordin hält aber die Tür für eine künftige Bewerbung offen. Stockholm sei eine Wintersportstadt. Mit mehr Vorbereitungszeit und einem durchgerechneten Konzept könne er sich durchaus vorstellen, eine neue Kandidatur zu einem späteren Zeitpunkt zu unterstützen.

Frank Luthardt

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