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Hussein Mohammed Zakir ist Vorsitzender des Islamischen Vereins in Hallunda und hat schon viele feindselige Aktionen gegen seine Moschee erlebt (Foto: Fernando Arias/Schwedischer Rundfunk)
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Unbekannte hatten den Eingang zur Moschee in der Stockholmer Innenstadt kürzlich mit Hakenkreuzen beschmiert (Foto: Mahmoud Khalfi)
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Nach der Sanierung der Hakenkreuz-Schmierereien klebten eines Morgens zahlreiche Blumen an den Eingangstüren der Moschee - eine Aktion anonymer Unterstützer (Foto: Omar Mustafa)
Attacken auf islamische Einrichtungen nehmen zu

Mehr Aufmerksamkeit für Angriffe auf Moscheen

"Die Polizei wäre es nach einiger Zeit leid"
4:50 min

An vielen schwedischen Moscheen gehören Drohungen, Vandalismus und Sachbeschädigung inzwischen zum Alltag. Mithilfe einer nationalen Bestandsaufnahme will der Zentralrat der Muslime in Schweden nun untersuchen, wie ernst die Bedrohungslage für seine Mitglieder ist und wie es um die Sicherheit in Gebetshäusern und anderen religiös genutzten Räumlichkeiten steht.

Viele islamische Einrichtungen zeigen gegen sie gerichtete Aktionen aus Angst vor Nachahmungstätern erst gar nicht bei der Polizei an.

Schweinefüße und kaputte Scheiben

"Hier auf der Treppe lagen die Schweinefüße. Und dann hatten sie noch versucht, hier diese Scheibe einzuschlagen. Aber die sind so stabil, die gehen nicht kaputt. Da entsteht kein Loch, die Scheibe zerspringt nur", berichtet Ismail Okur von einem Angriff auf die Moschee im Stockholmer Vorort Fittja. Okur ist Vorsitzender des Islamischen Vereins, der das Gebetshaus betreibt, und hatte die neun Schweinefüße und die beschädigte Scheibe am Eingang der Moschee an einem Morgen im vergangenen November als Erster entdeckt.

Dem Reporter des Schwedischen Rundfunks erzählt Okur, dass ihn die Attacke traurig gestimmt habe. An die große Glocke hängen will er das Ganze aber trotzdem nicht: "Warum sollte man das machen? Man muss ja unsere Gegner nicht extra aufwecken. Es ist besser, man erregt keine zusätzliche Aufmerksamkeit."

Angriffe und Provokationen im Briefkasten

Okur ist nicht der einzige Moschee-Vertreter, der von Provokationen und konkreten Angriffen berichten kann, die Attacken dann aber lieber nicht der Polizei meldet. Auch in Hallunda, nicht weit von Fittja entfernt, ist man einiges an Feindseligkeiten gewöhnt. Häufig kommen diese sogar direkt in den Briefkasten der Moschee: "Würste, kaputte Glühbirnen, auch Messer wurden schon viele Male eingeworfen", berichtet Hussein Mohammed Zakir, Vorsitzender des Islamischen Vereins in Hallunda.

Zakir bestätigt, dass die Attacken in letzter Zeit zugenommen haben. Vor 2010 habe es keinerlei Angriffe auf seine Moschee gegeben. Seitdem komme dies jedoch immer häufiger vor und die Vereinsmitglieder fühlten sich in den Räumlichkeiten inzwischen nicht mehr sicher. Jede Provokation bei der Polizei anzuzeigen, kommt für Zakir dennoch nicht in Frage: "Wir vermeiden das, wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Die Polizei wäre es nach einiger Zeit leid, und wir wären es auch leid, ständig zur Polizei rennen zu müssen."

"Hass auf Muslime ist gewachsen"

Beispiele für Beleidigungen, Drohungen oder Vandalismus gegen Moscheen und deren Vertreter gibt es aus dem ganzen Land. An Gebetshäusern wurden Hakenkreuze angesprüht oder eingeritzt, Schweinsköpfe vor den Eingang gelegt, Böller durch den Briefschlitz geworfen oder die Räumlichkeiten direkt mit Steinen angegriffen.

"Ich glaube, dass der Hass auf Muslime in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Wir sehen ja, dass dies immer häufiger auftritt, dass allein im vergangenen Herbst sehr sehr viel passiert ist. Jetzt, wo es in Stockholm geschieht, erregt es vielleicht extra viel Aufmerksamkeit. Aber auch kleinere Moscheen in kleineren Städten auf dem Land melden sich sehr häufig bei uns und berichten von Angriffen", erklärt die Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Schweden, Helena Hummasten.

Zusammenstellung aller Attacken

Derzeit hat jedoch niemand einen Überblick darüber, wie häufig Moscheen angegriffen werden und welche Arten von Attacken, Drohungen und Provokationen vorkommen. Der Zentralrat der Muslime will deshalb nun eine nationale Bestandsaufnahme zu der Frage durchführen und erhält dafür auch Gelder aus dem staatlichen Fond zur Unterstützung von Glaubensgemeinschaften.

Neben der Zusammenstellung sämtlicher Angriffe von außen soll dabei auch die Sicherheit in den Gebetshäusern selbst beleuchtet werden. Häufig seien Moscheen nämlich in Räumen untergebracht, die beispielsweise keine Notausgänge haben und bei einem schweren Attentat oder einem Brand zur ernsthaften Gefahr werden könnten. Die Zentralrats-Vorsitzende betont, dass es vielen Glaubensgemeinschaften an Geld fehle, um selbst für eine bessere Sicherheit in ihren Räumen zu sorgen. Hierbei brauche man Hilfe von staatlicher Seite, sei bisher aber meist auf taube Ohren gestoßen.

Moschee-Vertreter selbst gefragt

Die nun eingeleitete nationale Bestandsaufnahme sieht Hummasten als einen ersten Schritt, um bei Behörden und Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit für das Thema Angriffe auf islamische Einrichtungen zu wecken. Die Moschee-Vertreter müssten aber auch selbst öfters zur Polizei und an die Medien gehen, wenn wieder etwas vorgefallen ist:

"Dadurch, dass niemand etwas sagt und nichts passiert, erhalten diejenigen, die zerstören und uns hassen, mehr Platz. Dann können und wagen sie es, die Gewalt weiter eskalieren zu lassen. Aber wenn wir mehr darüber sprechen, können wir erreichen, dass zum Beispiel die Aufmerksamkeit der Polizei geweckt wird. Ich hoffe, dass wir so aus diesem Teufelskreis herauskommen oder zumindest eine langsamere Eskalation erreichen können."

Große Mehrheit für Religionsfreiheit

Ähnlich sieht es auch der Soziologie-Professor Klas Borell von der Hochschule Jönköping, der vor fünf Jahren an einer ausführlichen Studie zu Gewalt gegen islamische Einrichtungen beteiligt war. Er meint, dass die Muslime in Schweden auf den Beistand durch große Teile der schwedischen Bevölkerung vertrauen können:

"Die Täter, die diese Hassverbrechen ausführen, versuchen sich ja häufig als Repräsentanten einer schweigenden Mehrheit darzustellen. Sie behaupten, sie würden das tun, was andere nur denken. Aber unsere Studie zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Wenn es zu solchen Attacken kommt, werden Organisationen und Einzelpersonen vor Ort aktiviert, die es unterstützen, dass Muslime ihren Glauben frei ausüben können. Man kann sagen: Je mehr Feindseligkeiten vorkommen, desto mehr kommt auch die große Unterstützung für die Religionsfreiheit, die es in der schwedischen Bevölkerung gibt, zum Ausdruck."

Frank Luthardt

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