Je nachdem wo man wohnt, bekommt man früher oder später eine Behandlung gegen Krebs (Foto: Dan Hansson/TT)
Schwedisches Gesundheitssystem

Unmenschlich lange Wartezeiten für Krebspatienten

"Das ist unmenschlich"
4:46 min

Wer in Schweden die Diagnose Krebs gestellt bekommt, muss allzu oft sehr lange auf einen Operationstermin warten. Dies haben Recherchen des Schwedischen Fernsehens ergeben.

Laut Experten ist das Risiko hoch, dass so mancher Patient während der Wartezeit stirbt. Immer mehr Schweden wollen die Warteschlangen durch private Versicherungen umgehen oder kommen gar selbst für die OP-Kosten auf. Sogar der zuständige Minister sieht das traditionelle schwedische Gesundheitssystem in seinen Grundfesten bedroht. 

Lina Baldenäs hat im Sommer die Diagnose bösartiger Hautkrebs erhalten. Je früher sie operiert werde, umso besser die Heilungsaussichten, so der Befund. Doch auf eine Operation hätte sie knapp drei Monate warten müssen. Die Mutter dreier Kinder war am Boden zerstört, wie sie dem Schwedischen Fernsehen erzählt:

„Ich wurde wahnsinnig und hatte Angst um mein Leben. Zu wissen, man hat einen Tumor im Körper – auf unbestimmte Zeit. Das ist wie Folter. Die Zeit, auf die Analyse zu warten, ist schon schlimm. Aber zu wissen, es ist Krebs, und dann noch weiter warten zu müssen, das ist unmenschlich.“

233 Tage Warten

Lina Baldenäs ist kein Einzelfall. Das Schwedische Fernsehen hat sich die Wartezeiten auf verschiedene Krebsoperationen angesehen und große regionale Unterschiede ausgemacht. So muss man im westschwedischen Värmland 233 Tage auf eine Prostataoperation warten. Die Begründung der Verwaltung lautet hier, es mangele an Spezialisten.

Für den Vorsitzenden des schwedischen Onkologenverbands, Roger Henriksson, ein Unding: „Es besteht doch das Risiko, dass es Menschen wegen der Warteschlangen sehr schlecht ergeht, ja sie sogar vorher sterben.“

Warten bis er am Krebs stirbt wollte Janne Johansson nicht. Auch er hatte eine lange Wartezeit beschieden bekommen:„Da habe ich entschieden, die Operation selbst zu zahlen. Ich wollte den Krebs im Frühstadium loswerden.“

Umgerechnet rund 10.000 Euro hat Johansson dafür bezahlt. Geld aus eigener Tasche. Entweder das oder das Leben, sagt er.

Halbe Million privat versichert

Immer mehr Schweden warten nicht ab, sondern schließen eine teure private Zusatzversicherung ab. Rund eine halbe Million Menschen haben dies bereits getan. Sie werden dann bevorzugt behandelt. Häufig in privaten Kliniken wie dem Carlandska in Göteborg, wo Jonas Hugosson Professor für Urologie ist. Er erzählt von seinen privaten Patienten, die eben mehr bezahlen:

„Ja, das tun sie. Die müssen dann nicht in die Warteschlange. Das sind leider nicht nur Leute, die das nötige Kleingeld haben. Ich habe auch Patienten, die ihre Häuser beleihen. Das ist sehr unglücklich. So ist aber das System nun mal leider.“

Der Ursprungsgedanke im schwedischen Gesundheitssystem ist jedoch, dass jeder durch das Zahlen von Steuern auch automatisch krankenversichert ist und die gleiche Behandlung bekommt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es gibt allein schon große regionale Unterschiede. Während die durchschnittliche Wartezeit für eine Krebsbehandlung in Värmland drei Wochen beträgt, kommt man in Norrland schon nach einem Tag dran.

Leichterer Wechsel bald möglich

Die Regierung ist nun dabei Abhilfe zu schaffen. Bisher durfte man nur in seiner eigenen Provinz behandelt werden. Wer die Provinz wechseln wollte, musste 90 Tage warten. Diese Regelung soll jetzt abgeschafft werden, so Gesundheitsminister Göran Hägglund:

„Wenn es anderswo freie Plätze gibt, soll man die auch haben können. Wir sind gerade dabei die entsprechenden Gesetze zu ändern. Dann kann man Hilfe in anderen Provinzen beantragen. Ich rechne damit, dass dies zum 1. Januar 2015 in Kraft sein wird.“

Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, ärztliche Hilfe in anderen EU-Ländern zu suchen. Doch viele Provinzialverwaltungen haben sich laut Experten noch nicht darauf eingerichtet, dies auch kostenmäßig verwalten zu können.

Der Schieflage im schwedischen Gesundheitssystem ist damit auch nicht Abhilfe getan. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Sozialdemokraten, Lena Hallengren, sieht die Grundfesten des gesamten Systems in Gefahr.

„Man sollte nicht durch ausreichendes Schwatzen oder Zahlen an den Warteschlangen vorbeikommen. Genau deswegen haben wir ja ein gemeinsames Versicherungssystem, wo wir Steuern zahlen, damit wir, wenn wir Hilfe brauchen, sie auch bekommen.“

Das sieht der christdemokratische Minister ähnlich, hat aber auch kein passendes Rezept zur Hand: „Auf lange Sicht riskieren wir eine Situation, in der Leute meinen, sie müssten privat für ihre Krankenversicherung zahlen. Damit wird das Vertrauen in das allgemeine System untergraben. Das wäre sehr unglücklich. Niemand sollte befürchten müssen, er bräuchte eine Zusatzversicherung, nur um ärztliche Hilfe zu bekommen.“

SVT/Dieter Weiand

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