Am Anfang war das Eis nocht gewöhnungsbedürftig - aber jetzt geht es zur WM (Foto: TT)
Ungewöhnliches Integrationsprojekt

Durch Bandyspielen zu Schweden geworden

"Wir sind Schweden geworden"
5:20 min

22 Somalier sind von Schweden aus auf dem Weg ins sibirische Irkutsk. In letzter Minute sind die Visa fertig geworden. Der Weg ist damit frei für ein ungewöhnliches Integrationsprojekt, das in der ganzen Welt Aufmerksamkeit erregt hat. Denn die Afrikaner werden bei den Bandy-Weltmeisterschaften mitspielen. Allein die Teilnahme ist bereits ein Riesenerfolg.

Bald wird die somalische Nationalhymne erklingen – ausgerechnet im russischen Irkutsk bei der C-VM im Eissport Bandy. Dass 22 junge Männer aus Afrika den Weg über Schweden ins zu dieser Zeit arktisch kalte Sibirien gefunden haben, ist ein kleines Wunder.

Die Idee zu diesem Wunder wurde in Borlänge in der mittelschwedischen Provinz Dalarna geboren. In der knapp 50.000 Einwohner zählenden Stadt sind 3.000 Flüchtlinge aus Somalia untergebracht. In Borlänge trainieren viele somalische Jungs in diversen Fußballmannschaften. Aber sie sollten auch einen Wintersport ausüben.

Da Borlänge als Bandy-Hochburg gilt, lag der Gedanke nahe, die jungen Männer aufs Eis zu schicken. Der junge Hajir erinnert sich an seine ersten Versuche, im Juni des vergangenen Jahres: „Es ist herrlich, einfach lustig, mal was Neues zu auszuprobieren,“ erzählte er damals dem Schwedischen Rundfunk.

Bandy entspringt der schwedischen Seele

Aus diesen ersten Schritten hat sich schnell ein ernsthafter Sport entwickelt. Mit seiner Mischung aus Landhockey und Eishockey, auf Schlittschuhen über eine Spielfläche, die so groß ist wie ein Fußballfeld, kommen nur wenige Sportarten der schwedischen Seele so nahe wie Bandy. Deshalb wurde sehr schnell deutlich, dass es hier nicht in erster Linie nur um den Sport ging, sondern um ein Integrationsprojekt.

Als dafür dann auch noch Pelle Fosshaug gewonnen werden konnte, schien das Projekt endgültig auf der Erfolgsspur angekommen zu sein. Fosshaug ist mehrfacher Weltmeister und schwedischer Meister. Doch auch ihm wurde schnell klar, dass der sportliche Aspekt nur untergeordnet sein würde. Fosshaug berichtet über seine Trainingsarbeit im Schwedischen Rundfunk:

„Es ist sehr inspirierend und macht Spaß. Die größte Belohnung ist, das Lächeln und die Erwartung, etwas Neues zu machen, in ihren Gesichtern zu sehen.“

Der Weg war weit, aber er wurde schnell durchschritten. Die Männer aus Afrika mussten erst einmal ans Eis und das Schlittschuhlaufen herangeführt werden. Der 18 Jährige Ahmed Kaysa Sadiiq ist Stürmer im somalischen Nationalteam.

„Es ist ein wunderbares Gefühl, Schlittschuh zu laufen. Das war zunächst ungewohnt. Jetzt haben wir uns aber daran gewöhnt. Und das Selbstvertrauen wird auch immer besser.“

Internationale Aufmerksamkeit

Es war eine Menge Arbeit, aus den Somaliern eine Bandy-Mannschaft zu formen. Aber es hat sich offenbar ausgezahlt. Schon bald wurde im ganzen Land über die schwarzen Bandy-Spieler aus Borlänge geredet. Reporter und Filmteams aus England, Frankreich, Finnland und Norwegen drückten sich die Klinke in die Hand. Sport vereint, so die Botschaft. Und für Ahmed ist Bandy zu einer neuen Heimat geworden:

„Am Anfang fiel mir das Schlittschuhlaufen schwer. Aber jetzt sind wir das gewohnt. Wir sind jetzt Schweden geworden“.

Jetzt sind die somalischen Schweden also auf dem Weg nach Russland. Auch wenn es nur die C-Gruppe der Weltmeisterschaften ist, werden sie dort auf harten Widerstand stoßen. Deutschland etwa nimmt auch zum ersten Mal an einer Bandy-Weltmeisterschaft teil. Doch Trainer Fosshaug erwartet, dass im deutschen Team ehemalige Eishockeyspieler schlittschuhläuferisch und stocktechnisch weit überlegen sind.

Kritische Stimmen

Es kamen deshalb auch kritische Stimmen in der schwedischen Bevölkerung auf – man würde den Bandysport lächerlich machen und schließlich würden für den Spaß schwedische Steuergelder verschwendet. Doch die weitaus größere Mehrheit sieht den integrativen Nutzen und ist von der Idee begeistert. So geht es auch Stürmer Ahmed:

„Am Anfang haben wir geglaubt, das wäre alles nur ein Spielchen – ein Witz. Daraus ist Ernst geworden. Und wir machen weiter damit.“

Mit der Aufmerksamkeit durch die Medien und nicht zuletzt in Borlänge ist auch die Anerkennung gewachsen. Das bekommen die Spieler tagtäglich zu spüren:„Ich merke da schon einen Unterschied. Die Leute reden über diese Idee, über dieses Projekt.“

Bei aller Begeisterung bleibt Ahmed jedoch auf dem Boden der Tatsachen. Er erwartet keine Wunder auf dem Spielfeld: „Ich glaube nicht, dass wir ins Finale kommen. Wir werden wohl verlieren. Aber wir sind dabei. Und wir werden unser Bestes geben – 100 Prozent. Wir hoffen natürlich, dass wir der ganzen Welt zeigen können, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Ein Tor zu machen, ist das erste Ziel. Der Rest ist reine Freude am neuen schwedischen Sport. Das eigentliche Wunder ist bereits zuvor geschehen: 22 Männer aus Somalia haben sich vom schwedischen Borlänge auf den Weg gemacht, um in Sibirien an der Bandy-WM teilzunehmen.

Markus Landén/Dieter Weiand

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