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Erfahrung als Barista wäre für Sima Saleh und Nadia al Khatib ein Plus bei der Arbeitssuche (Foto: Erik Laquist / Sveriges Radio)
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Malena Rosén Sundström, Politologin an der Universität Lund (Foto: privat)
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Arbeitsamt am Sveavägen in Stockholm (Foto: Staffan Löwstedt/ TT)
Jugendarbeitslosigkeit

Davon sprechen Politiker gerade nicht gern

„Irgendwann müssen wir ja doch übernehmen!“
7:53 min

Die Jugendarbeitslosigkeit war im vergangenen Jahr die größte politische Frage in Schweden. Verschiedene Seiten ersannen Lösungen. Wirklich passiert ist aber wenig, und das Problem ist seitdem gewachsen: Der Anteil arbeitsloser junger Menschen steigt im Verhältnis zu den älteren. Trotzdem stehen heute in der politischen Debatte ganz andere Fragen im Mittelpunkt.

Der Schwedische Rundfunk hat mit Experten und mit Betroffenen gesprochen.

„Ich bin eine sehr soziale, gesellige, seriöse und zuverlässige Person“, liest Sima Saleh aus ihrem Bewerbungsschreiben vor. „Ich kann gut mit stressigen Situationen umgehen, arbeite gerne mit Kollegen zusammen und finde es wunderbar, neuen Menschen zu begegnen, egal wo ich arbeite.“

Wir sind auf dem Arbeitsamt, in der Stockholmer Innenstadt. Sima und ihre Freundin Nadia al Khatib sind hierher gekommen, um ihre Bewerbungen auszudrucken: „Das ist eine Beschreibung, wie ich mich sehe. So wie ich bin. Ich möchte mit Menschen zu tun haben, nicht nur im Büro am Computer sitzen. Das wäre nichts für mich.“

„Die Bewerbungen verteilen wir in allen Cafés und Restaurants in der City.“

Nadia und Sima haben im Frühjahr 2013 die Schule abgeschlossen. Seitdem waren sind immer mal wieder arbeitslos. Nadia springt manchmal als Aushilfe in einer Apotheke ein, Sima in einer Bäckerei. Am liebsten würden sie in einem Café arbeiten.

Keine Kontakte

„Ich habe dort nicht gebacken. Ich habe an der Kasse gestanden. Das ist so ähnlich wie in einem Café. Abgesehen vom Kaffee natürlich. In einem Café muss man verschiedene Sorten – also Caffè latte, Cappuccino und so machen. Und das kann ich nicht. Das ist das Problem“, bedauert Sima. „Im Café ziehen die Arbeitgeber es ja vor, dass man so eine große Kaffeemaschine – also wie heißt das gleich noch mal? Espresso…“ „Barista-Ausbildung“, hilft Nadia ihr weiter.“

Warum sind die beiden arbeitslos?

„Wir haben keine Erfahrung. Die sagen immer: ‚Aber du hast ja nicht so viel Erfahrung‘. Und dann schauen sie auf den Lebenslauf und… Aber wie bitte soll ich denn Erfahrung sammeln, wenn mich keiner anstellen will? Also, das ist ein Teufelskreis.“

„Man braucht Kontakte. Die sind das Wichtigste. Ohne Kontakte ist es fast unmöglich Arbeit zu bekommen.“

In Schweden sind knapp 23 Prozent der Menschen zwischen 15-24 Jahren arbeitslos. Das entspricht ungefähr dem EU–Durchschnitt.

Jugendarbeitslosigkeit wächst

Aber nach Ansicht von Peter Håkansson, Wirtschaftshistoriker an der Hochschule in Malmö, kommt in Schweden erschwerend hinzu, „…dass wir heute eine zunehmende Kluft zwischen der Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen und der Arbeitslosigkeit bei Erwachsenen haben. Junge Menschen werden auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Diese Kluft wächst seit ungefähr zehn Jahren. Die Arbeitslosigkeit bei Jungen ist drei bis dreieinhalbmal so groß wie bei Erwachsenen.“

Obgleich das Problem wächst, scheint die Jugendarbeitslosigkeit in der politischen Debatte an Brisanz zu verlieren, beobachtet Malena Rosén Sundström.

  • Die oppositionellen Sozialdemokraten forderten im Jahr 2013, dass junge Menschen garantiert innerhalb von 90 Tagen eine Arbeitsstelle bekommen sollten.
  • Der Bildungsminister wollte für Schweden unübliche Lehrlingsplätze bei Unternehmen einführen, summiert die Politologin an der Universität Lund. 
  • Die EU-Kommission propagierte für die Einführung ihrer „Jugendgarantie“, mit der alle Arbeitslosen unter 25 Jahren binnen vier Monaten ein Angebot für einen Job, eine Ausbildung oder zumindest einen Praktikumsplatz bekommen.

„In der letzten Zeit sind aber andere Fragen an Stelle der Jugendarbeitslosigkeit aufgekommen. Die neueste ist natürlich die Krise in der schwedischen Schulpolitik nach der vorigen Pisa-Studie.“

Die Schuldebatte nimmt nahezu den gesamten innenpolitischen Raum ein, und sie hat auch ein wesentlich größeres politisches Potenzial: „Die Schulpolitik legt die Grundlage für das, was in Zukunft geschieht. Die Schule geht viele an, von der Vorschule bis zum Abitur. Sie berührt sowohl Schüler als auch Eltern, ja sogar Menschen, die noch keine schulpflichtigen Kinder haben oder nur planen, sich Kinder anzuschaffen. Deshalb sind mehr Menschen an Schulfragen interessiert und engagieren sich dafür.“

Wie in den Dreißigerjahren

Die Relation zwischen den politischen Themenbereichen Schule und Jugendarbeitslosigkeit hat der Wirtschaftshistoriker Peter Håkansson besonders erforscht.

„Die Schulfrage und die Jugendarbeitslosigkeit hängen zusammen. Möglicherweise hat man das bisher nicht richtig erkannt.“ Auf die beiden arbeitsuchenden jungen Frauen Sima und Nadia angesprochen, die darüber klagen, dass sie keine Kontakte und keine Erfahrung haben und deswegen auch nichts können, sagt Håkansson:

„Ja, irgendwie ist das schon merkwürdig. Alle wissen, wo das Problem liegt, aber niemand tut etwas dagegen. Die Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit sind immer noch dieselben, wie in den Dreißigerjahren. Und die verschiedenen politischen Bereiche sind ja auch säuberlich voneinander getrennt. Man fragt sich selten, warum der Übergang von der Schule ins Arbeitsleben nicht funktioniert.“

Topwahlthema

Malena Rosén Sundström meint, die bürgerliche Koalitionsregierung sei Nutznießer der Tatsache, dass die Jugendarbeitslosigkeit ins Abseits der Aufmerksamkeit geraten sei. Eine neue Studie habe bewiesen, dass die Senkung der Arbeitgeberabgaben für junge Mitarbeiter einen relativ geringen Effekt auf die Beschäftigungsrate hat. Von Reformen, die nicht ganz gelungen sind, pflegen Politiker nicht so gerne zu sprechen, insbesondere, wenn sie so kostspielig sind wie eben diese. Aber die Regierungsparteien könnten es sich nicht leisten, ganz auf diese Frage zu verzichten, sagt die Politologin: „Ich vermute, dass demnächst irgendetwas losgetreten wird. Arbeitsplätze sind ja immer eine der wichtigsten Fragen. Bei den schwedischen Wählern gehören sie stets zu den drei wichtigsten.“

Sima und Nadia gehen die Geschäftsstraße Sveavägen in Stockholm entlang und verteilen ihre Bewerbungsunterlagen.

„Wir gehen hier einfach mal ins erstbeste Café und hoffen, dass es klappt.“ Aber in diesem Café will keiner die Bewerbungen der beiden entgegennehmen. Beim nächsten Versuch läuft es besser. „Da war die Stimmung völlig anders. Sie war freundlich und lächelte und hat versprochen, die Bewerbungen dem Inhaber zu zeigen.“

Jungwählerinnen

Eine Anstellung bedeutet das selbstverständlich noch nicht. Sima und Nadia sind in diesem Jahr Erstwählerinnen. Für sie ist es selbstverständlich, dass die Jugendarbeitslosigkeit eine der wichtigsten Wahlfragen sein sollte:

„Ich meine, wir Jungen sind doch die Zukunft! So ist das einfach. Früher oder später muss man uns helfen. Wir werden ja auch älter und die, die jetzt schon alt sind, die sterben ja irgendwann. Und dann müssen wir ja übernehmen. Und wenn wir nichts können, dann fällt alles in sich zusammen! So ist das eben!“

Erik Hedtjärn / Sybille Neveling

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