Chaos im schwedischen Klassenzimmer mit Vorbildcharakter?
Schweden nach dem Pisa-Schock

Asiatische Top-Schüler lernen an schwedischer Schule

Asiatische Top-Eleven von Schweden inspiriert
3:11 min

Trotz Schwedens Pisa-Pleite lernen Schüler aus asiatischen Ländern offenbar gern von der schwedischen Schule. Wie ein Studienbesuch jetzt zeigt, sind die ehrgeizigen Eleven und ihre Lehrer aber nicht so sehr von den Lehrinhalten fasziniert. Vielmehr interessiert sie der Umgang von Lehrern und Schülern und die Anleitung zu kreativem und kritischem Denken.

Physik-Unterricht in der 8. Klasse im Gymnasium in Nacka. Mehrere Schulen im Stockholmer Vorort pflegen seit 2010 engen Kontakt mit Schulen aus China, Indonesien, Malaysia und anderen asiatischen Ländern. Bislang waren stets die Schweden zu Gast in asiatischen Institutionen gewesen, zum ersten Mal sind nun die Asiaten hier zu Besuch. 

An den Gästen aus Fernost dürfte kaum vorbeigegangen sein, dass Schweden kein Bildungsmusterland ist. Aber es sind andere Werte, von denen sich die Asiaten in Schweden inspirieren lassen, erklärt der südkoreanische Physik-Professor Chan Oung Park im Schwedischen Fernsehen. 

„In meinem Land sind die Schüler nicht an Diskussion und Team-Arbeit gewöhnt. Dort befolgen sie in viel stärkerem Maß Anweisungen.“ 

Chan Huang Kiat, Biologielehrer aus Singapur, schließt sich an: „Die Klassen sind ziemlich klein, wodurch viel Interaktion mit der Lehrkraft möglich ist. Die Schüler haben keine Hemmungen nachzufragen, das gefällt mir sehr gut.“ 

Dreimal so viel ist nicht dreimal so gut 

Seit Herbst haben die Schüler gemeinsam übers Internet zum Thema Weltmeere und Umwelt gearbeitet, zusammen Aufgaben gelöst und Referate gehalten. Eine Woche lang haben sie nun im selben Klassenzimmer verbracht. Schwedische Schüler müssten zwar dringend ihren Wissensstand erhöhen, meint der zuständige Direktor in Nacka gegenüber der Tageszeitung Svenska Dagbladet.

Doch auch wenn die Asiaten dreimal mehr Mathe-Unterricht und weitaus mehr Hausaufgaben als die schwedischen Schüler hätten, so seien sie trotzdem nicht dreimal so gut. Die Zeitung verweist darauf, dass sich Schweden in puncto angemeldete Patente keineswegs verstecken muss. So landen Stockholm, Göteborg und Malmö in einer Untersuchung der OECD unter den Top 15 der patentreichsten Städte. 

Balsam für das durch Pisa angekratzte schwedische Selbstbewusstsein ist auch das Urteil der indonesischen Rektorin Pesta Maria Yanche Sinaga, Schweden brauche sich keine Sorgen zu machen: „Ich denke nicht, denn das Wichtigste ist doch, wie man die Schüler für Wissenschaft interessieren kann. Ist das erstmal geschafft, können die Schüler alles tun, um die Welt zu retten.“ 

Glücklich allein reicht nicht 

Das Finden von kreativen Lösungen und auch die Fähigkeit, ein Projekt anzustoßen, lernen die Schweden offenbar gut in der Schule. Nur Wissens-Drill scheint nicht der Schlüssel, findet denn auch der südkoreanische Physik-Professor Chan Oung Park: „Die Schüler sollten beim Lernen glücklich sein. In Korea sind sie das nicht, weil es dort nur um Wissensanhäufung und Auswendiglernen geht.“   

Ob Glück jedoch eine angemessene Variable für schwedische Schüler ist? Wie Studien zur psychischen Verfassung von Jugendlichen zeigen, sind die schwedischen Teenager vielfach deprimiert. Psychische Probleme haben demnach in den vergangenen zwanzig Jahren stark zugenommen. Als Grund nennen die Schüler oft Stress in der Schule und die Angst, später keine Arbeit zu bekommen.

Liv Heidbüchel/Ann Wollner, SVT

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