Gutachter Lewin
Schwedens Schul-Fiasko

Experten-Gutachten: „Schulreform war ein Fehlschlag“

"Skolreform von 1991 ein Fiasko"
4:01 min

Schwedens Schulen haben unter der Trägerschaft der Kommunen stark gelitten. Zu diesem Schluss kommt ein mit Spannung erwartetes Gutachten im Auftrag der Regierung, das am Montag Bildungsminister Jan Björklund vorgelegt wurde. Kein Thema treibt die Schweden derzeit so um wie die Frage nach schulischer Bildung. Doch darüber, ob in der Regie des Staates alles besser würde, sind die Meinungen geteilt.

Nachdem die jüngste Pisa-Studie jedem vermittelt hat, dass die Leistungen schwedischer Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften und im Lesen tatsächlich alarmierend schlechter geworden sind, beschäftigen sich Betroffene und Verantwortliche der Schulpolitik mit der Suche nach dem Schuldigen. Das Gutachten des Politikwissenschaftlers Leif Lewin nun gibt darauf keine eindeutige Antwort. Fest steht ihm zufolge nur, dass die Kommunalisierung der Schulen vor gut 20 Jahren ein Fehlschlag war. 

Im Schwedischen Rundfunk machte Gutachter Lewin deutlich: „Die Reform krankte vor allem an der Umsetzung. Es gab großen Widerstand seitens der Lehrer, und die Kommunen waren zu schlecht auf die Umstellung vorbereitet, so dass die Lehrer entsprechend schlechte Hilfe bekamen.“

Sein Gutachten liefere allerdings beiden Seiten Argumente, so Lewin. Man dürfe die Kommunalisierung nicht grundsätzlich verteufeln, so wie auch eine Rückkehr zu einer vollständigen staatlichen Trägerschaft keinen Erfolg garantiere. In Schweden teilen sich die Verantwortung für die Schule Parlament und Regierung mit Gemeinden, Schulbehörden und den jeweiligen Lehranstalten, darunter auch die so genannten Freischulen, die in freier Trägerschaft und mit öffentlichen Mitteln betrieben werden. 

Kommunen investieren unterschiedlich in Bildung  

Seit der Reform 1991 ist es Aufgabe der Kommunen, mitunter sogar der einzelnen Direktoren und Schulen, die staatlich festgelegten Lernziele umzusetzen. Auch bestimmen die Kommunen, wie die staatlichen Zuschüsse, bemessen am der Schüleranzahl, angelegt werden. Diese Aufsplitterung der Verantwortlichkeiten hat zu extremen Unterschieden zwischen den 290 Kommunen in Schweden geführt. Österåker nördlich von Stockholm beispielsweise investiert jährlich für den Unterricht umgerechnet 3.800 Euro pro Schüler. Im nordschwedischen Arjeplog sind es gut 8.200 Euro. 

Pro und Contra  

Bei den beiden Lehrergewerkschaften gehen die Meinungen darüber auseinander, wie dem Schulfiasko beizukommen ist. Bo Jansson vom Lärarnas Riksförbund wünscht sich, dass die volle Verantwortung wieder beim Staat liegt. „Es braucht eine nationale Kraftanstrengung. Der Staat muss sich um die Finanzierung kümmern, statt den Umweg über die Kommunen zu gehen. Die Gelder müssen direkt höheren Lehrergehältern und verbesserten Arbeitsbedingungen zugute kommen.“ 

Eva-Lis Sirén, Vorsitzende des Lärarförbundet, hält dagegen: „Die Kommunen haben bislang nicht ihre Aufgabe erfüllt. Das haben die Freischulen allerdings auch nicht getan, genauso wenig wie der Staat. Eine Riesen-Umorganisation halten wir nicht für geeignet, um der Probleme Herr zu werden. Vielmehr muss man sich auf sofortige Lösungen konzentrieren, nämliche bessere Gehälter und mehr Zeit für die Lehrkräfte. Dafür muss man nicht am jetzigen System der Trägerschaft rütteln.“

Kaum ein Thema wird in Schweden so heiß diskutiert wie die Frage, wie Schule und die schwedischen Schüler im internationalen Vergleich eine bessere Figur machen können. Vier von zehn Wählern ist das Thema Schule inzwischen am wichtigsten. Das zeigt eine Umfrage der Tageszeitung Dagens Nyheter. 

Allerdings konnte noch keine Partei diese Stimmungslage zu ihrem Vorteil nutzen. Am besten punkten noch die Sozialdemokraten. Fast jeder dritte Befragte findet ihre Schulpolitik am besten. Dabei hatte der Staat just unter dem sozialdemokratischen Schulminister Göran Persson einen Gutteil seiner Verantwortung auf die Kommunen abgewälzt. 

Blumige Worte reichen nicht 

Auch wenn Gutachter Lewin ausdrücklich keine Vorschläge machen sollte, wie man dem Problemkind Schule in Schweden beikommen könnte, sagte er: „Die immer wiederkehrende Frage nach der Trägerschaft hat die Debatte etwas paralysiert. Man neigt dazu, floskelhaft von der Wichtigkeit der Lehrer zu sprechen. Dabei ist das Wichtigste, dieser verbalen Achtung auch Taten folgen zu lassen.“

Liv Heidbüchel

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