Stracheldrahtzaun im Vernichtungslager Auschwitz
NS-Völkermord an den Roma

Streit über schwedischen Holocaust-Begriff

"Roma waren auch Opfer des Holocaust"
2:37 min

Vertreter der Roma in Schweden fordern, dass der NS-Völkermord an der ethnischen Minderheit größere Anerkennung findet.

Ebenso wie bei den in Deutschland und anderen Ländern üblichen Bezeichnungen Holocaust und Shoa, bezieht sich der in Schweden verwendete Begriff Förintelsen („Die Vernichtung“) ausschließlich auf die systematische Vernichtung der europäischen Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. Roma-Aktivisten wie Diana Nyman fordern nun, dass mit dem Begriff Förintelsen aller Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.

„Wenn es um die Roma geht, spricht man von Völkermord. Auf den Begriff Förintelsen haben die Juden ein Monopol. Wir wollen, dass anerkannt wird, dass auch Angehörige der Roma Opfer DER Förintelsen waren. Heute spricht man eher davon, dass die Roma Opfer WÄHREND der Förintelsen waren. Eine völlig andere Definition also“, sagt Diana Nyman vom Göteborger Rat der Roma gegenüber Radio Schweden.

Verliert Leidensgeschichte der Roma an Bedeutung?

Das staatliche Forum für Lebendige Geschichte untersteht dem schwedischen Kulturministerium und soll Aufklärungsarbeit und Demokratieförderung vor allem im Hinblick auf NS-Verbrechen leisten. Im Bildungsmaterial des Forums wird der schwedische Begriff Förintelsen als Pendant zu Holocaust und Shoa verwendet und umfasst damit ausschließlich die systematische Vernichtung der europäischen Juden in der NS-Zeit. Die in anderen Sprachen manchmal verwendete Bezeichnung „Roma-Holocaust“, oder auch das entsprechende Wort auf Romani, Porajmos, sind in Schweden weitgehend ungebräuchlich. Viele Angehörige der Sinti und Roma befürchten aus diesem Grund, dass ihre Leidensgeschichte während des NS-Völkermordes in der allgemeinen Auffassung an Bedeutung verliert.

Keine Änderungspläne im Gange

Das Forum für Lebendige Geschichte folgt in seiner Aufklärungsarbeit den Beschlüssen der Stockholmer Deklaration aus dem Jahr 2000. Im Zuge einer internationalen Konferenz wurde damals festgelegt, wie der Begriff Förintelsen in Schweden anzuwenden sei, nämlich ausschließlich in Bezug auf den organisierten Massenmord an den Juden. Laut dem Leiter des Forums, Eskil Franck, sind in der Vergangenheit von seiner Einrichtung verschiedene Versuche unternommen werden, die geltende Definition zu erweitern. Nach Angaben des Kulturministeriums liegen derzeit allerdings keine Pläne vor, die Beschlüsse der Stockholmer Konferenz zu ändern.

In der Praxis wird der schwedische Begriff zum Holocaust allerdings bereits heute breiter angewendet, als seine offizielle Deutung vorsieht, so Franck. Anders als früher denke man nicht mehr automatisch ausschließlich an die Judenvernichtung, sondern auch an andere Opfer des Nationalsozialismus:

„Ich sehe vor allem, dass die Entwicklung weitergegangen ist und dass wir Förintelsen als ein umfassendes Ereignis verstehen. Förintelsen wird also zunehmend zu einem Sammelbegriff.“

Hansjörg Kissel / Adam Szoppe / Luise Steinberger

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