Andreas Schleicher von der OECD gibt Schweden weiter schlechte Noten
Nach Pisa-Schlappe

OECD sieht Lehrer und Schüler in der Verantwortung

4:14 min

Um in Zukunft bei den Pisa-Test besser abzuschneiden, sieht die OECD Schwedens Lehrer und Schüler in der Pflicht. Die Lehrer müssten kompetenter werden und die Schüler mehr Eigenverantwortung übernehmen, so die Kernpunkte in einem ersten Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Der OECD-Experte Andreas Schleicher hat am heutigen Dinestag Schulminister Jan Björklund einen entsprechenden Bericht zur Situation in Schweden übergeben. Im Gespräch mit Radio Schweden sieht Schleicher in Schweden großen Nachholbedarf:

Auf der einen Seite ist in Schweden ein deutlicher Leistungsabfall zu verzeichnen. Auch das disziplinäre Klima ist nicht optimal. Das sind die entscheidenden Faktoren. Die Gesamtleistung ist dadurch unterdurchschnittlich.

Radio Schweden:
Was haben Sie denn konkret vorgeschlagen, um dem Abhilfe zu schaffen?

Schleicher:
Wir sind immer noch in der ersten Phase der Analyse. Insgesamt sehen wir, dass Schweden weniger ambitioniert ist als leistungsstarke Bildungssysteme. Die Erwartungshaltung an Schüler ist oft nicht ausreichend – vor allem an Schüler aus ungünstigem sozialem Umfeld. Da kann Schweden noch dran arbeiten. Letztendlich muss man sagen, dass kein Bildungssystem besser sein kann als seine Lehrer. Der Lehrerberuf muss auch mit besseren Karrieremöglichkeiten attraktiver gestaltet werden. Das ist wahrscheinlich entscheidend für den Erfolg.

Radio Schweden:
Laut einer Umfrage der Tageszeitung Dagens Nyheter fordern viele Eltern kleinere Klassen, um das Problem zu lösen. Wie sehen Sie das?

Schleicher:
Das bestätigt der internationale Vergleich so nicht. Wenn Sie die Wahl haben zwischen einer kleineren Klasse und einem besseren Lehrer, entscheiden Sie sich für den besseren Lehrer. Das können wir aus dem internationalen Vergleich ablesen. Natürlich sind kleinere Klassen immer besser als größere. Aber wenn Sie überlegen, was letztendlich wichtiger ist: die Lehrerqualifikation zu verbessern und die Bildung zu erweitern und dazu mehr Unterrichtszeit zu haben, dann sind das alles wichtigere Faktoren als die Klassengrößen.

Radio Schweden:
Die Kosten sind in Schweden pro Schüler relativ hoch. Warum ist das so?

Schleicher:
Die Kosten liegen in etwa im Mittelfeld. Das liegt im Wesentlichen an den relativ kleinen Klassen. Die Gehälter der Lehrer liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Deshalb sind die Klassengrößen der entscheidende Kostentreiber in Schweden.

Radio Schweden:
Die schwedischen Schulen sind ja lokal teilweise autonom und werden von den Städten und Gemeinden verwaltet. Ist das ein ausschlaggebender Faktor?

Schleicher:
Schweden hat sein Bildungssystem sehr stark dezentralisiert. Die lokalen Behörden haben heute die entscheidenden Befugnisse. Das kann man so machen. Es ist aber wichtig, dass man um diese Schulen herum ein insgesamt kohärentes Bildungssystem schafft. Das heißt, man muss leistungsschwachen Schulen helfen, besser zu werden. Und ich glaube, genau da hapert es in Schweden. Die Verantwortung der lokalen Behörden ist sicher etwas Wünschenswertes. Aber was fehlt, ist ein Bildungssystem, das darum herum gebaut ist, um Leistungsschwächen früh diagnostizieren zu können, um dann schnell helfen zu können, besser zu werden. Da sind viele Gemeinden in Schweden zurzeit auf sich alleine gestellt.

Radio Schweden:
Sie haben eingangs die Erwartungshaltung an die Schüler erwähnt. Die sei in Schweden mangelhaft. Was läuft da falsch?

Schleicher:
In Schweden bekommen Schüler oft gute Noten, auch wenn die Leistungen nur mittelmäßig sind. Der Erwartungshorizont ist nicht besonders anspruchsvoll. Es zeigt sich auch, dass viele Schüler Talent und Begabung für Leistungserfolg verantwortlich machen und weniger den persönlichen Einsatz. Das ist etwas, was wir gerade in den asiatischen Ländern viel stärker sehen. Dort glauben Schüler an sich selbst und an ihren eigenen Einsatz. Das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Radio Schweden:
Kann man also zusammenfassend sagen, die Lehrer müssen besser entlohnt und die Schüler mehr zur Verantwortung gezogen werden?

Schleicher:
Die Entlohnung alleine bringt natürlich noch nichts. Wenn sie jeden für die gleiche Arbeit besser bezahlen, dann wird sich nichts verändern. Entscheidend ist, dass man das Berufsfeld Lehrer ansprechender macht und die besten Köpfe für den Lehrerberuf gewinnt. Man muss auch Karriereperspektiven schaffen, das heißt, dass sich Einsatz und Qualität auch in Karriere und Bezahlung niederschlägt. Das ist das Entscheidende und nicht überall einfach mehr Geld auszugeben.  

Schulminister Jan Björklund sagte in einer ersten Reaktion auf den Bericht, dass vieles was dabei angesprochen wurde, bereits auf den Weg gebracht sei. Für ihn sei auch klar geworden, dass die OECD nicht Schwedens schulpolitischen Kurs generell in Frage gestellt habe. Damit die Reformen Früchte tragen, müsse Geduld aufgeboten werden.

Dieter Weiand

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