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Müde nach einem Arbeitstag - aber fröhlich über die Anstellung (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Auf der Suche nach eine neuen Arbeitsplatz in Stockholm ist die Fachzeitschrift für Architekten ein unerlässliches Arbeitsinstrument (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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Die Ereignisse in Griechenland, besonders der Mord an Pavlos Fyssas, engagieren Angeliki Vlachou stark (Foto: Louisa Gouliamaki/TT)
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Alternatives Kulturzentrum Marke Eigenbau: „Cyklopen“ im Stockholmer Vorort Högdalen (Foto: Rasmus Almerud /Sveriges Radio)
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Die kräftigen quitschgrünen Boots sorgen für ein solides Standing (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
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In Griechenland baut man enger als in Schweden. Ein eigenes Foto aus der Heimat, die Angeliki nur noch ab und zu im Urlaub besucht (Foto: Angeliki Vlachou)
„Es ist viel passiert“, sagt Angeliki Vlachou

Griechin sucht Zugehörigkeit

6:42 min

Die junge Architektin Angeliki Vlachou wanderte vor zweieinhalb Jahren von Griechenland nach Schweden ein, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Wir begleiten sie auf diesem Weg.

Voriges Mal trafen wir Angeliki Vlachou im Mai. Die Griechin war damals glücklich über ihr bestandenes schwedisches Hochschulexamen als Stadtplanerin, hatte aber keine qualifizierte Stelle in Aussicht. Diesmal sind wir in den gutbesuchten Kellergewölben eines Cafés in der Stockholmer Altstadt verabredet.

„Es ist ja viel passiert: Im Juni und Juli nach dem Examen habe ich als Erdbeerverkäuferin gejobbt.“ Als die Saison vorbei war, fuhr sie für drei Wochen in ihre Heimat. „Ich wäre gern länger dort geblieben. Aber ab August habe ich mich erstens darauf konzentriert, so viel Schwedisch wie möglich zu lernen, und zweitens natürlich darauf, Arbeit zu finden.“

Dass die Schwedischkurse die zielstrebige 26-Jährige weitergebracht haben, ist nicht zu überhören. Eine Berufstätigkeit, die ihrer zweifachen Hochschulausbildung entspricht – sie hat ein Architektur-Diplom von der Hochschule in Thessaloniki - fand sich allerdings auf dem schwedischen Arbeitsmarkt nicht ohne weiteres.

Fühlte sich diskriminiert

„Ich habe als Putzfrau gearbeitet. Das war ziemlich tough. Aber ich hatte keine andere Stelle, und ich wollte auch beweisen, dass ich in Schweden etwas leisten kann. Mit meiner Vorgesetzten dort hatte ich dann auch einige Schwierigkeiten.“

Angeliki wurde mehrfach nicht korrekt über Änderungen des Arbeitsplans informiert, erzählt sie. Es konnte vorkommen, dass sie zur Arbeit kam und erst mit längerer Verzögerung erfuhr, dass sie gar nicht gebraucht wurde. Ihre Anfahrt und die Wartezeit wurden nicht vergütet. Sie empfand das als diskriminierend. „Zwei Monate war ich dort, dann habe ich gekündigt.“

Während der ganzen Zeit hat sie fleißig weiter Schwedisch gebüffelt. Denn eines wurde nach dem Examen schnell klar: vor allem Kommilitonen und Kommilitoninnen, die gut Schwedisch sprachen, ergatterten die begehrten qualifizierten Arbeitsplätze.

Die sporadischen Kontakte zu den ehemaligen Mitstudenten laufen inzwischen hauptsächlich über die Social-Media. Die alten Studienfreunde haben nur noch selten Zeit, um sich zu treffen.

 

Internationaler Freundeskreis

Stattdessen besucht Angeliki mit neuen Freunden neue Konditoreien, Vorträge und Theatervorstellungen. „Wir machen ein bisschen andere Dinge, ich möchte nicht nur in Cafés rumhängen“, sagt sie. Sie erkundet auch die unkonventionelleren Unterhaltungsmöglichkeiten der Hauptstadt. So gefällt ihr das alternative Kulturzentrum „Cyklopen“ im Stockholmer Vorort Högdalen sehr gut. „Dort bin ich ein paar Mal gewesen. Es war nett dort.“

„Cyklopen“ ist in Eigeninitiative von jungen Menschen selbst gebaut worden. Sie mag, „dass es nicht so stark organisiert ist, wie viele andere Gebäude und Straßen in Stockholm. Die sind zwar schön und gepflegt, aber ich mag es lieber etwas ungezwungener. Als Architekt kann man dazu beitragen, dass solche Orte entstehen. Cyklopen ist ja selbstgebaut. Ich finde es ist wichtig, dass auch Laien so was lernen. Es kann immer mal zu einer Krise kommen, und dann kann man solche Kenntnisse gut gebrauchen.“

Krisenbewusstsein

Offenbar ist im Bewusstsein der Griechin tief verankert, dass es in einem Staat oder einer Gesellschaft auch mal schief gehen kann. Nicht zuletzt deswegen hat sie Schweden als Auswanderungsland gewählt. Denn sie betrachtete den schwedischen Staat als stark und stabil. Das sieht sie auch heute nicht anders.

Allerdings steht sie den umfassenden Privatisierungen öffentlicher Institutionen hierzulande reserviert gegenüber. „Schweden ist zwar ein seriöses Land, in dem Unregelmäßigkeiten bei Privatisierungen gesetzlich geahndet werden. Aber ich werde sehr misstrauisch, wenn ich hier Leute sagen höre, dass der Staat nicht allzu stark sein darf und Privatisierung besser ist. Wenn ich dann erzähle, was in Griechenland mit der Krankenversorgung und den Krankenhäusern passiert ist, glauben sie mir kaum und fragen, ob das in Schweden auch geschehen kann. Natürlich kann es das, wenn die Bevölkerung sich nicht engagiert und sich einfach gemütlich zurücklehnt! Deswegen bin ich der Ansicht, dass man sowohl mit Privatisierungen als auch mit der Macht des Staates sehr vorsichtig sein muss.“

Dass sie als Ausländerin in diesem Jahr an mehreren Wahlen in Schweden teilnehmen darf, freut sie gewaltig. Für das Europaparlament will sie ihre schwedische und nicht die griechische Stimme abgeben. Die Entscheidung für welche Partei sie sich bei den schwedischen Kommunal- und Regionalwahlen entscheiden wird, hat noch bis September Zeit. Die Hauptsache sind Teilnahme und Engagement.

Auf den Mord an dem griechischen Rapper und Linksaktivisten Pavlos Fyssas durch einen Anhänger der rechten Partei „Goldene Morgenröte“ im September in Piräus reagierte Angeliki mit einem leidenschaftlichen Protestartikel auf Schwedisch, den sie im Internet veröffentlichte.

„Total fröhlich!“

Das Beste an ihrem Leben in Stockholm? „Ich wache jeden Morgen um halb sieben auf und bin total fröhlich! Ich habe nicht nur ein Examen von einer schwedischen Hochschule. Ich spreche jetzt viel besser Schwedisch. Ich habe sogar Arbeit in meinem Beruf als Architektin!“

Der erste Schritt zum Einstieg ins Arbeitsleben ist gelungen. Seit Januar hat Angeliki Vlachou eine befristete Stelle als Praktikantin in einem namhaften Stockholmer Architekturbüro. Die Arbeit macht Spaß, und eine Verlängerung ist nicht ausgeschlossen. Besonders positiv sei, dass sie dadurch bei Bewerbungen auf Stellenanzeigen auch öfter zu Anstellungsgesprächen gebeten wird, erzählt sie.

Neuer Look

Man sieht es am Styling. Zu unserem Treffen kommt sie eilig von der Arbeit angestürzt. Die legere schwarze Daunenjacke und die Pudelmütze vom vergangenen Jahr sind einem kamelhaarbraunen Maximantel mit passendem Schal im Ethnomuster gewichen. Die auffälligen grünen Boots hingegen sorgen nach wie vor für die nötige Bodenhaftung.

 

Allerdings fühlt sie sich als Einwanderin immer noch einsam. Dagegen kämpft sie mit dem üblichen Mittel: Mitgliedschaften in Vereinen. Sie sei in der Griechischen Vereinigung aktiv, erzählt sie und kann sich auch vorstellen, durch eine der Lieblingsbeschäftigungen der Schweden weitere Kontakte zu knüpfen, durch Chorgesang. „Als ich klein war, habe ich ein bisschen Klavier gespielt. Singen macht mir noch immer Spaß und man sagt, dass ich eine gute Stimme habe. Vielleicht versuche ich, Mitglied in einem der vielen Stockholmer Chöre zu werden.“

Auch ein anderes, länger nicht ausgeübtes Hobby könnte sie wieder aufnehmen, Fotografieren. Sie hat früher schon mehrfach in Griechenland an Ausstellungen teilgenommen. Und wer weiß, vielleicht hängt ab September im „Herbstsalon“ des Fotografischen Museums von Stockholm ein Werk von Angeliki Vlachou.

Sybille Neveling

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