Martin Lind (re.) und sein Studienzirkel (Foto: Hansjörg Kissel / Radio Schweden)
Studienzirkel-Tradition

Erwachsenenbildung mit schwedischer Exotik

7:04 min

Schweden ist im europäischen Maßstab führend in der Erwachsenenbildung, meldete kürzlich das Statistische Zentralamt in Stockholm. Knapp drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung widmet sich demnach dem lebenslangen Lernen. Zur Frage, was aber eigentlich als Erwachsenenbildung gelten kann und was nicht, gehen die Meinungen in Europa teilweise stark auseinander. In Schweden dominiert das landestypische Modell der Studienzirkel, die häufig in privater Regie und ohne konkrete Lernziele geführt werden. Radio Schweden stattete einem der hierzulande typischsten Studienzirkeln einen Besuch ab:

Martin Lind und seine Musikerfreunde treffen sich in ihrem Proberaum in einem Stockholmer Industriegebiet und fachsimpeln über Gitarrenriffs und die Setliste für das nächste Konzert. Es ist ein x-beliebiger Proberaum, wie man ihn eigentlich in so ziemlich jedem Industriegebiet oder Bürgerhaus der Welt vorfinden kann, mit seinen Eierkartons an den Wänden, durchgesessenen Sperrmüllsofas in der Ecke und Häufchen hoffnungslos ineinander verknoteter Gitarrenkabel.

Eine schwedische Eigenart sticht aber dennoch hervor, denn Linds Band ist, wie so ziemlich jede bekannte oder unbekannte Musikgruppe aus Schweden, als Studienzirkel organisiert.

„Meistens beantragen wir Fördergelder für einzelne Projekte, also etwa wenn wir ein neues Album einspielen oder auf Tour gehen“, sagt Martin Lind, der seit 15 Jahren schon Bands in Form von Studienzirkeln leitet, gegenüber Radio Schweden. „Dabei handelte es sich um bis zu 600 Euro pro Jahr. Die Zuschüsse sind wichtig für uns und haben es möglich gemacht, dass wir in anderen Ländern auftreten können oder Festivals auf die Beine stellen, für die wir sonst nicht das Geld gehabt hätten.“  

Studienzirkel dominieren

Zusätzlich zu der Projektförderung können Bands monatlich auch etwa 100 Euro zur Finanzierung ihrer Übungsräume erhalten. Über 270.000 Studienzirkel werden hierzulande jährlich abgehalten. In der Statistik nehmen diese Zirkel die zentrale Rolle in der Erwachsenenbildung. Fast 1.700.000 Teilnehmer wurden im vergangenen Jahr in den Zirkeln registriert – bei anderen Kursformen der Bildungsverbände waren es nicht einmal halb so viele.

Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung, dass in Schweden nichts ohne staatliche Lenkungen vonstatten gehen kann, verkörpern Studienzirkel eine Tradition der Selbstorganisation staatlich ungesteuerter Weiterbildung. Die Entstehung dieser Studienzirkeltradition war, wie so vieles in Schweden, vorrangig durch die zentrale Rolle der Sozialdemokratie im Zuge der Industrialisierung beeinflusst. Die entstehenden Arbeitermassen, deren Zugang zu Bildung damals stark begrenzt war, organisierten sich in eigenen Bildungsverbänden und Studienzirkeln, um den Bildungsvorsprung der bürgerlichen Klassen aufzuholen.

Musikbands dominieren

Eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat. Grundsätzlich kann jede Privatperson einen eigenen Studienzirkel gründen und dafür über einen der zentralen Bildungsverbände Zuschüsse beantragen. In den Zirkeln kann man beispielsweise neue Fremdsprachen lernen, Koch- oder Töpferlektionen erhalten oder sich schlichtweg über philosophische und religiöse Themen unterhalten. Ein Blick in die Statistik zeigt allerdings, dass die Studienzirkel unserer Zeit zu zwei Dritteln in die Kategorie „Kunst, Musik und Medien“ fallen, wobei die Musikgruppen absolut dominieren. Für den außenstehenden Betrachter liegt die Frage nahe, ob man bei klampfenden Freizeitmusikern eigentlich noch von Erwachsenenbildung reden kann.

„Ja, das finde ich auf jeden Fall“, sagt Lars Häger, Leiter des Bildungsverbands Studiefrämjandet in Uppsala und Koordinator für europäische Zusammenarbeit,  gegenüber Radio Schweden. „Man folgt dem Prinzip des nicht-formellen Lernens, bei dem keine Noten vergeben werden und sich die Gruppe selbst weiterentwickeln soll. Bands sind eigentlich das Paradebeispiel für diese Bildungsphilosophie. Sie führen sich selbst in mehr oder weniger demokratischer Manier, ohne außenstehenden Kursleiter. Alle können sich mit ihrem eigenen Vorwissen einbringen. Von allen pädagogischen Zellen funktionieren Musikgruppen am besten. Unsere finanziellen Zuschüsse sollen lediglich eine Grundlage schaffen und vielleicht Studienmaterial bereitstellen. Wir kommen nicht und zwingen ihnen bestimmte Lernziele auf. Ich denke, diese Bildungsphilosophie der Studienzirkel ist typisch für Schweden und gibt es in diesem Umfang auch nicht in anderen Ländern. Auch nicht in Deutschland, das ansonsten mit seiner Erwachsenenbildung Schweden recht ähnlich ist.“

Nicht-formelles Lernen mit Hindernissen

Laut Häger überwiege in vielen anderen Ländern die Skepsis in der Frage, ob solches nicht-formelles Lernen auch wirklich als Erwachsenenbildung gerechnet werden kann. Ein Blick in die schwedischen Kurskataloge kann auch durchaus stutzig machen. Fortbildung in Traumdeutung wird dort etwa angeboten. Oder Schokoladenzirkel, die sich der Suche nach dem perfekten  Nascherlebnis widmen. Ein Kurs des Arbeiter-Bildungsverbands ABF lehrt Überlebensstrategien im Falle einer Zombie-Katastrophe.

Solche Kurse werden häufig über Teilnahmegebühren mitfinanziert. Über die Bildungsverbände werden aber auch öffentliche Zuschüsse umverteilt. Umgerechnet 370 Millionen Euro umfasste die staatliche Förderung im Jahr 2012. Die eine Hälfe davon geht direkt an die Volkshochschulen, die andere Hälfte an die Bildungsverbände und über diese weiter an die freien Studienzirkel.

Vorwurf der Verschwendung

Das Argument der Verschwendung von Steuermitteln findet sich regelmäßig wieder in der schwedischen Debatte. Manche Kommunen verzichten gar gänzlich auf die gezielte Förderung von Studienzirkeln. Der schwedische Rechnungshof hat in den vergangenen Jahren mehrfach den sogenannten Rat für Volksbildung, der die öffentlichen Zuschüsse umverteilt, für seine geringen Qualitätsanforderungen und -kontrollen gerügt.

Den Vorwurf zu geringer Kontrollen findet Lars Häger von Studiefrämjandet allerdings unberechtigt. „Wir führen bei 10 Prozent der bei uns angeschlossenen Studienzirkel regelmäßig Stichproben durch. Das ist ziemlich viel. Gleichzeitig muss man bedenken, dass es eher Nachteile schafft, wenn man beispielsweise mit Kameraaufzeichnungen versucht, die Leute zu kontrollieren. Vertrauen in die Studienzirkel ist sehr wichtig, und die meisten sind ja auch ehrlich. Bei unseren Stichproben stellen wir nur wenig Missbrauch fest, nämlich bei nicht einmal 1 Prozent von allen Aktivitäten.“

Missbrauch und Verschwendung sind für Martin Lind und seine Stockholmer Band El Chango aber kein Thema. Sie sind sich darüber einig, dass sie in bei ihren Proben durchaus auch Erwachsenenbildung betreiben und somit auch ein richtiger Studienzirkel sind.   

„Man lernt ziemlich viel bei dem Versuch, solche Studienzirkel demokratisch zu führen. Von allen Projektgruppen sind ja Bands eigentlich am schwersten zu führen, da diese meist aus etwas speziellen und exzentrischen Personen bestehen, die gemeinsam in ein und dieselbe Richtung geleitet werden sollen. Also abgesehen davon, dass man lernt, zusammen Musik zu spielen, so lernen junge Menschen auch, wie man demokratisch Projekte durchführt.“

Hansjörg Kissel

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