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Ein Polizist bewacht ein zerstörtes Schaufenster (Foto: TT)
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Die bestürzte Bevölkerung nimmt die Schäden des Bombenangriffs im Stockholmer Stadtteil Söder in Augenschein (Foto: TT)
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Ein Polizist steht in einem der Bombenkrater (Foto: TT)
Angriff auf das neutrale Schweden

Spion freigebombt?

4:36 min

Am Abend des 22. Februar 1944 bombardierte die Sowjetunion Stockholm, Strängnäs und Södertälje. Über den Grund dieses Angriffs zerbrechen sich Historiker bis heute den Kopf.

1944 rast in weiten Teilen Europas der Zweite Weltkrieg. Im neutralen Schweden verläuft das Leben währenddessen in einer Art Alltag unter erschwerten Bedingungen.

Ein Jahr zuvor hat die deutsche Armee vor Stalingrad kapituliert. Die Rote Armee ist über die polnische Grenze nach Westen vorgerückt, und die Achsenmächte befinden sich an der Ostfront und in Süditalien auf dem Rückzug.

In den Stockholmer Kinos läuft der amerikanische Thriller „Das Haus der Lady Alquist“ mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. König Gustaf V. schaut sich im Dramatischen Theater seiner Hauptstadt den Kaufmann von Venedig an. Und Hausfrauen schütteln bekümmert die Köpfe, weil ein Kilogramm Kaninchen ohne Bezugsscheine 2,80 Kronen kostet, für Wurst muss man 1,90 berappen.

Viele Schweden rechnen damit, in den Krieg mit hineingezogen zu werden. Die Streitkräfte haben die Bevölkerung in zahlreichen Kampagnen auf Angriffe vorbereitet.

Aber als am 22. Februar kurz vor 21 Uhr dann Bomben über Schweden fallen, ist das dennoch eine Überraschung. Sowjetische Flugzeuge werfen etwa 30 Bomben auf Stockholm, Strängnäs, Södertälje und den nördlichen Außenschären. Wie durch ein Wunder werden nur vier Menschen verletzt. Die materiellen Schäden jedoch sind groß, vor allem im Stockholmer Stadtteil Södermalm, wo vier Bomben einschlagen.

Wenige Verletzte

Der Serviererin Sigrid Larsson, reißen Glasscherben den Rücken auf. Den Malergesellen Axel Torvald Hansson, wirft „die enorme Druckwelle wie ein Stück Papier auf die Straße“, steht am nächsten Morgen in den Zeitungen zu lesen. Hansson trägt eine Schulterfraktur und einen Nervenschaden davon.

In Strängnäs fallen neun Bomben in der Nähe einer Kaserne. Zwei Wehrpflichtige erleiden leichte Splitterverletzungen.

Sowjetunion dementiert

In den Schlagzeilen konnten die aufgeschreckten Stockholmer bereits am nächsten Tag lesen, dass es sich um russische Bomben handelte. Reste mit kyrillischen Buschstaben wurden als Beweise angeführt. Nach Augenzeugenberichten war ein Flugzeug in großer Höhe aus östlicher Richtung gekommen.

Die schwedische Botschaft in Moskau überreichte eine Protestnote, aber die sowjetischen Behörden dementierten.

Nach der offiziellen schwedischen Version waren die Bomben schließlich aufgrund eines Versehens abgeworfen worden. Die Presse stellte diese Erklärung nicht in Frage. Aber wesentlich später ist auch eine andere interessante Theorie präsentiert worden:

Spion wird freigegeben

Zwei Jahre zuvor, Ende 1942, war der sowjetische Spion, Vasilij Sidorenko, zu zehn Jahren Strafarbeit auf der Stockholmer Gefängnisinsel Långholmen verurteilt worden. Die Sowjetunion forderte seine Freigabe mehrmals nachdrücklich.

Anfang Dezember 1943 schickte die sowjetische Botschaft in Stockholm eine geheime Mitteilung – die erst wesentlich später dechiffriert werden konnte –nach Moskau. Darin hieß es, der Spion werde in „drei bis vier Wochen“ freigelassen werden. Aber eine Reihe von Behörden habe die Freilassung mit ihren Einwänden verzögert.

Da fielen die Bomben am 22. Februar. Drei Tage später befand die schwedische Regierung, dass Sidorenkos „psychischer Zustand“ eine Begnadigung motiviere. Am Tage darauf verließ er Schweden mit einem Kurierflugzeug.

Notorisch untauglich

Tommy Åkesson, der Hauptsekretär des Verteidigungsausschusses, hat eine andere Theorie. Durch seine Recherchen ist er zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Ereignisse nur zufällig zur geleichen Zeit stattfanden. Seiner Ansicht nach ist der Bombenanfall auf Schweden auf die notorische Unzulänglichkeit der Navigation in sowjetischer Flugzeugen  zurückzuführen.

Demnach sei der Anfall eigentlich auf die finnische Stadt Turku gerichtet gewesen. Die Sowjetunion wollte Finnland zwingen, seine Kooperation mit Deutschland aufzugeben. Aber von den 220 Bombenflugzeugen, die von sowjetischen Basen abhoben, erreichten nur ungefähr hundert ihr Ziel. Über Turku wurden nur ungefähr ein halbes Dutzend Bomben abgeworfen. Ganze Formationen hätten die Orientierung verloren und seien über Südwest-Finnland herumgeirrt. In einer solchen Verwirrung seien auch Stockholm und Strängnäs angefallen worden.

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