Eine der wenigen Berühmtheiten: Königin Kristina
Schwedens vergessene Frauen

Historiker wollen Geschichtsbücher umschreiben

"Das Bild von machtlosen Frauen ist komplett falsch"
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Die Bedeutung von Frauen in der Geschichte Schwedens kommt in den Schulbüchern zu wenig zum Tragen. Daher müssten die Geschichtsbücher dringend überarbeitet werden, fordern mehrere Historiker in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Dagens Nyheter am Freitag. Dass die bedeutende Rolle der Frauen in der Geschichtsschreibung verschwiegen wird, ist jedoch nicht nur auf schlechte Absichten zurückzuführen.

Als der Chef des Schwedischen Wirtschaftsverbands, Jens Spendrup, kürzlich behauptete, Frauen hätten in der Geschichte des schwedischen Unternehmertums keine wesentliche Rolle gespielt, gab es einen Sturm der Entrüstung. Was jedoch die Rolle der Frauen in den vergangenen Jahrhunderten genau war, ist vielen dennoch unbekannt. 

Daran will Alexandra von Schwerin, deren Buch über die verborgene Macht der Frauen („Den dolda kvinnomakten – 500 år på Skarhults slott“) kommende Woche erscheint, etwas ändern. Gemeinsam mit ihren Co-Autoren, allesamt Geschichtsprofessoren oder Dozenten, fordert von Schwerin, dass mit alten Mythen über die Unwichtigkeit von Frauen in der Geschichte aufgeräumt wird.

„Wir wollen zeigen, dass Frauen vor dem 19. Jahrhundert in weitaus größerem Umfang unternehmerisch tätig waren als heute bekannt ist. Die Forderung nach 25 Prozent Frauen in Führungspositionen klingt nach heutigem Maßstab vielleicht viel, dabei waren Frauen an der Spitze von Unternehmen im 17. und 18. Jahrhundert ganz natürlich. Das heutige Bild von machtlosen Frauen ist komplett falsch.“ 

An der Macht, aber ohne Ruhm 

Filippa von England, Margareta Leijonhufvud, die Mutter von König Gustaf II. Adolf, Kristina von Holstein-Gottorp – Namen, die heute kaum jemandem etwas sagen. Zu unrecht, betont Historikerin von Schwerin. Von Holstein-Gottorp etwa beeinflusste ihren Sohn, den König, weit mehr als man heute in den Geschichtsbüchern lesen kann. Filippa von England regierte als Frau von Erik von Pommern immerhin fünfzehn Jahre lang das Land in seiner Abwesenheit, von 1415 bis 1430. 

Gustav Wasa und seine zweite Gemahlin, Margareta Leijonhufvud, teilten sich die Macht mehr oder weniger, Leijonhufvud war so etwas wie die Verteidigungsministerin, betonen die Forscher. Das damalige politische System entsprach eher der Struktur eines Familienunternehmens, insofern war die Königin den Wissenschaftlern zufolge immer an der Machtausübung beteiligt. 

„Im 17. Jahrhundert ist Schweden 75 Jahre lang im Krieg. Die Hälfte der männlichen Bevölkerung ist weg oder stirbt, und wer hat da wohl zu Hause das Zepter übernommen? Wenn man den Blick einmal von den Schlachtfeldern hebt, sieht man, dass zu Hause in Schweden die Frauen führende Positionen eingenommen haben. Heute würde man von Unternehmens-Chefinnen sprechen“, so Historikerin von Schwerin im Schwedischen Rundfunk. 

„Die Frau tat das gleiche wie der Mann: Sie fällte Entscheidungen, beorderte die Angestellten und kümmerte sich um Einkauf und Verkauf – was Unternehmensleiter eben alles so machen.“ 

Weißer Fleck in der Geschichte 

Die Frauen an der Macht aufzuspüren, gestaltet sich allerdings als relativ schwierig: Weil sie unmündig waren, führten die Frauen die heimischen Geschäfte im Namen ihres Mannes und unterschrieben folglich auch mit seinem Namen. 

Aus der Geschichtsschreibung gestrichen wurden die Unternehmerinnen jedoch erst, als im 19. Jahrhundert Geschichte als Wissenschaft entstand. Während der Industrialisierung und Institutionalisierung Schwedens kam Frauen nur wenig Mitspracherecht zu, meint Forscherin von Schwerin. Diese Zeit markiert den Übergang vom Familienunternehmen, und wann immer nun Unternehmen Mitarbeiter anstellten, fiel die Wahl auf Männer. Diese Umstellung prägte folglich die Geschichtsschreibung, Frauen in Machtpositionen gerieten in Vergessenheit. 

Alexandra von Schwerin und ihre Kollegen sind davon überzeugt, dass es an der Zeit für einen neuen Filter ist, weil dieser männlich geprägte Blick heute nicht mehr zeitgemäß ist: „Wir wollen, dass die Leute mehr nachfragen. Wenn man über Karl den X., XI. und XII. liest, sollte man auch nach den Frauen in der Zeit fragen. Was war zum Beispiel während der Schlacht bei Lützen im Dreißigjährigen Krieg in Schweden los? Die schwedische Geschichte spielt sich während der Kriege eigentlich nur außerhalb Schwedens ab. Was passierte in der Zeit zu Hause?“

 Liv Heidbüchel

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