Kindesmisshandlung

Viele Fälle von Gewalt gegen kleine Kinder unaufgeklärt

4:29 min

Kaum zehn Prozent der Anzeigen wegen Kindesmisshandlung führen zu einer Verurteilung.

Erheblich abweichende Polizeierfolge in verschiedenen Landesteilen und ein beunruhigender Anstieg der Fälle sind das Fazit eines neu vorgelegten Berichts, der nun eine Verbesserung der polizeilichen Praxis fordert.

Die Fakten wurden in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Kinderschutzbundes BRIS und der Stiftung Tryggare Sverige („Sichereres Schweden“) offengelegt.

Die Generalsekretäre der beiden Institutionen, Kattis Alström und Magnus Lindgren, haben dazu einen Debattenartikel in der Tageszeitung Dagens Nyheter veröffentlicht. Sie heben hervor, dass jeder fälschlich zu den Akten gelegte Fall von Kindesmisshandlung einen Verrat darstelle: Ein Verrat der Gesellschaft an den Kindern – und darüber hinaus ein Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention.

Polizeiarbeit unter der Lupe

Dass in Schweden nur neun von hundert Fällen erfolgreich aufgeklärt werden, hat nach dem Bericht von BRIS und Tryggare Sverige mehrere Ursachen, die aber alle mit der Polizeiarbeit zusammenhängen: Von der Prioritätensetzung über die Personalkompetenz bis hin zur Gestaltung von grundsätzlichen Routinen für solche Fälle. Dabei bestehen allerdings erhebliche lokale Unterschiede. Im mittelschwedischen Värmland liegt die Aufklärungsquote bei 20 Prozent, im benachbarten Örebro bei nur sechs. Gleich schlecht schnitt die Polizeiarbeit im südschwedischen Skåne ab, und auch die Polizei der Hauptstadtregion zeigt erhebliche Schwächen.

„Diese Unterschiede zeigen, dass es möglich ist, auf diesem Gebiet professioneller zu arbeiten – und damit die Verbrechen besser aufzuklären“, so Magnus Lindgren im Gespräch mit dem Schwedischen Rundfunk.

Verbesserungsvorschläge

Was muss also die Polizei in Stockholm von den Kollegen in Värmland lernen? Der Bericht führt eine Reihe von Faktoren auf. Sie lesen sich zum Teil zwar wie Selbstverständlichkeiten – beispielsweise, wenn es um die Zuteilung von Ressourcen geht – machen dann aber auch die besonderen Umstände bei Verbrechen an Kindern deutlich.

So wurde ein Zusammenhang zwischen dem Ermittlungserfolg und dem Grad des Respekts der Ermittler vor kleinen Kindern – oder besser gesagt dem, was diese aussagen – festgestellt.

Die Kinder ernst nehmen, ihre Sicherheit nicht gefährden, schnell agieren und dabei trotzdem besonders gründlich vorgehen – wer so arbeitet, hat mehr Erfolg.

Dazu Magnus Lindgren: „Das Ergebnis unserer Untersuchung zeigt, dass bestimmte Polizeibezirke erfolgreicher sind. Die Faktoren dafür sind unter anderem rasches Vorgehen bei den Vernehmungen, einschließlich denen der betroffenen Kinder; es geht um das Dokumentieren der Verletzungen. Macht man das nicht sofort, dann kommt man später einfach nicht mehr weiter.“

Problempunkt Anzeigeerstattung

Seit 2009 ist ein Anstieg der Misshandlungsverbrechen an Kindern unter sechs Jahren um fast fünfzig Prozent zu verzeichnen. Eine beunruhigende Entwicklung, besonders wenn man bedenkt, dass gerade bei dieser Art von Verbrechen oft gar keine Anzeige erstattet wird.

Diese komme häufig vom Sozialamt, aber erst, nachdem dort den Hinweisen aus Schule und Kindergarten nachgegangen wird,  berichtet Petra Jeppson von der Polizei in Värmland: „Alle, die mit Kindern arbeiten, haben eine Pflicht zur Anzeige, wenn sie etwas verdächtig finden.“ Dann aber müssen stichhaltige Beweise her. „Es kommt oft vor, dass Aussage gegen Aussage steht. Und wenn dann das Wort eines kleinen Kindes gegen das eines Erwachsenen steht, kann der Beweis schwierig werden.“

Vorreiter Värmland

Warum gerade ihr Polizeidistrikt Värmland eine relativ hohe Erfolgsquote aufweist, erklärt Petra Jeppson mit der „Zusammenarbeit aller Behörden, gut ausgebildeten Polizisten und Staatsanwälten. Sie alle sind es gewohnt, im Team zu arbeiten und die Ermittlungen in hohem Tempo voranzutreiben. Das ist das Wichtigste!“