Energiemärkte

Energiewende-Export nach Schweden?

5:45 min

Länder wie Schweden sollen sich ein Beispiel an der deutschen Energiewende nehmen und ebenfalls ihre Stromerzeugung umstellen, so die Vorstellung der treibenden Kräfte hinter dem deutschen Jahrhundertprojekt.

Die Motive hinter dieser Überzeugungsarbeit sind nicht völlig uneigennützig, denn ohne eine gesamteuropäische Stromvernetzung lässt sich der Übergang zu erneuerbaren Energien auf lange Sicht nur schwerlich finanzieren. Deutsche Politiker versuchen den Schweden und den anderen Europäern die Energiewende schmackhaft zu machen – so etwa Robert Habeck, Minister für Energiewende in Schleswig-Holstein, der sich am Donnerstag mit den Führungsfiguren der schwedischen Energieindustrie in Stockholm traf.

„Die Energiesysteme unserer Länder sind sehr unterschiedlich“, so Robert Habeck im Gespräch mit Radio Schweden. „Schweden hat einen sehr hohen Anteil an erneuerbaren Energien, allerdings vor allem Wasserkraft. Die ist einfach da, das ist keine große Leistung, dass sie die haben. Dann gibt es aber einen großen Anteil an Atomenergie und eine sehr bejahende Position zur Atomenergie. Schleswig-Holstein und Deutschland haben kaum Wasserkraftreserven, wir mussten alles mit Windkraft und Solar machen. Unterschiedliche Systeme also. Wenn es eine Schnittmenge gibt, dann in der Frage, ob die abgängigen Atomkraftwerke in Schweden durch neue Atomkraftwerke zu ersetzen sind oder nicht.“

Wasser- und Kernkraft treiben Schweden an

Aus Wasser- und aus Kernkraft speist sich fast die gesamte Stromproduktion Schwedens. Andere Formen wie Biomasse spielen eine geringere Rolle, fossile Brennstoffe wie Kohle und Gas fehlen weitgehend. Windkraft findet bei Weitem nicht die Unterstützung in Politik und Gesellschaft, die man von Deutschland her kennt. Als aktuelles Beispiel: Erst in dieser Woche hatte der staatliche Energiekonzern Vattenfall angekündigt, seinen ältesten Offshore-Windpark von Kalmarsund nicht mehr zu erneuern – die Investitionen würden sich einfach nicht lohnen.

Die Wasserkraft aus den schwedischen Gebirgen, die für etwa die Hälfte der Stromproduktion in Schweden steht, wird erstmal nicht versiegen. Probleme machen eher die alternden schwedischen Kernreaktoren. In diesem Jahr werden vier Reaktoren 40-jähiges Jubiläum feiern, und die Diskussion über Umrüstung und Neubau von Reaktoren mit neuer Kerntechnik ist in vollem Gange.

Der Energiewende-Minister aus Schleswig-Holstein ist sich voll bewusst, dass die in Deutschland übliche Skepsis gegenüber der Atomenergie in Ländern wie Schweden eher Kopfschütteln und Befremden auslöst. Die finanziellen Vorteile der erneuerbaren Energien müssten aber Grund genug sein, die Kernkraft in Schweden nicht mehr zu erneuern, so Habeck.

"Neue Atomenergie zu teuer"

„Solche Erneuerungen sind sehr teuer, in England zum Beispiel sind die Neubauten subventioniert mit 13,5 Cent pro Kilowattstunde. Erneuerbare Energien können wir mittlerweile für die Hälfte oder ein Drittel des Preises produzieren. Die ökonomische Rechnung von Schweden geht nicht auf, sollten sie neue Atomkraftwerke bauen. In Schweden sind die Strompreise sehr niedrig und der Verbrauch sehr hoch, was ganz einfach daran liegt, dass Wasserkraft vorhanden ist und die Atomkraftwerke abgeschrieben sind. Sollte Schweden seine Atomkraftwerke neu bauen, müssten die schwedischen Stromkunden erheblich mehr bezahlen. Ich glaube, sie kriegen es billiger mit Erneuerbaren.“

Die europäische Stromvernetzung ist ein Kernbestandteil für die Zukunft der deutschen Energiewende. Nach Einschätzung von Robert Habeck könnte ein einzelnes Land wie Deutschland etwa für die Hälfte der erneuerbaren Energieproduktion selbst sorgen – um die Kosten erträglich zu machen, müsste der Rest über Stromaustausch mit anderen Ländern kommen. Schleswig-Holstein arbeitet bereits an einer Verbindung zu den enormen Wasserkraftreserven Norwegens. Das Atomkraftland Schweden erscheint in dieser Vision als weniger interessanter Partner.

Eon über die Energiewende

Jonas Abrahamsson, der schwedische Konzernchef des Energie-Giganten  Eon, glaubt nicht, dass eine Energiewende Made in Germany auf Schweden direkt übertragen werden kann: „Ich bewundere die Beschlusskraft in Deutschland und den unglaublichen Konsensus in der Frage, in welche Richtung man gehen will“, so Abrahamsson gegenüber Radio Schweden. „Sehr kritisch stehe ich aber zu der Art, wie die Subventionen in Deutschland eingesetzt wurden, die letztlich den Energiemarkt kurzgeschlossen haben. Die Art, wie die Energiewende durchgeführt wurde, sollten wir nicht in Schweden übernehmen.“

Eon ist einer der drei großen Spieler auf dem schwedischen Energiemarkt, neben Vattenfall und dem finnischen Fortum. Eon ist Teilhaber an sämtlichen Kernkraftwerken im Land, und Konzernleiter Jonas Abrahamsson kann nicht erkennen, dass eine Erneuerung der Atomenergie  in Schweden realistisch wäre: „Es gibt nicht die Voraussetzungen, um aktiv den Aufbau neuer Kernenergie zu planen. Es gibt keine politische Mehrheit dafür, und außerdem haben wir Strompreise in Schweden und in ganz Europa, die weder neue Kernkraft noch andere Kapazitäten sonderlich attraktiv machen. Für uns ist die Frage nach dem Neubau schwedischer Kernkraft rein hypothetisch.“

Was ersetzt die Kernkraft?

Wenn selbst ein Kernkraftbetreiber wie Eon keine wirtschaftlich tragbare Zukunft im Neuausbau der Atomenergie sieht, stellt sich die Frage, wie Schweden seinen Strombedarf decken wird, wenn eines Tages die überalterten Reaktoren es nicht mehr machen. Aufrüstung und Neuinvestitionen in die ohnehin etablierte Wasserkraft ist ein Beispiel. Aber auch die bisher eher stiefmütterlich behandelte Windkraft hat großes Potential, etwa im Norden, wo aufgrund der dünnen Besiedlung nicht mit allzu viel Widerstand gegen den Neubau von Windrädern gerechnet werden muss.

Der Eon-Chef betont, dass auch die in Schleswig-Holstein üblichen Teilhaberformen gute Chancen hätten in Schweden. Wenn die Lokalbevölkerung Anteile an Windkraftwerken hält und so an den Gewinnen profitiert, steigt auch die Akzeptanz in der Gesellschaft, so die Erfahrung aus dem norddeutschen Bundesland. Solche Modelle werden auch bereits in Schweden getestet, und Eon habe keine Probleme damit, nicht mehr einziger Eigentümer der Windparks zu sein.  

Schweden fehlen politische Visionäre

An einer umgreifenden Energieumstellung führe früher oder später kein Weg vorbei, so Abrahamsson. In Schweden fehle es dafür aber noch an der politischen Vision: „Wir brauchen ein Gesamtbild, wie ein Energiesystem, mit dem Schweden konkurrenzfähig bleibt, aussehen kann. Der gesellschaftliche Konsens dafür kann nur aus einem umfassenden Dialog entstehen, und eben dieser wird heute nicht geführt in Schweden. Es gibt schlichtweg keinen visionären Politiker, der dies vorantreiben könnte, möchte ich behaupten.“